Angepasste Vakzine sollen helfen, die Pandemie zu stoppen – ein Wettlauf zwischen Forschung und Virus. Wir beantworten wichtige Fragen zum Stand der Impfstoffentwicklung.
Stuttgart - Das Coronavirus schläft nicht – die neuen Mutanten sind auf dem Vormarsch. Aber auch Forschende und Pharmafirmen sind aktiv: Sie passen ihre Impfstoffe an die Varianten an und prüfen neue Möglichkeiten, das Virus noch effektiver als bisher zu bekämpfen. Wir beantworten wichtige Fragen dazu.
Wie gut wirken die bisherigen Impfstoffe gegen Corona?
Sehr gut, wie insbesondere das Beispiel Israel zeigt. Dort wird seit Dezember mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft. Ersten Berichten zufolge sinken nun seit Anfang Februar die Fallzahlen bei Geimpften über 60 Jahre massiv. Jüngste Studien aus Schottland zeigen zudem, dass der Wirkstoff von Astrazeneca die Gefahr verringern kann, nach einer Corona-Infektion mit schweren Covid-19-Sypmptomen ins Krankenhaus zu müssen. Vier Wochen nach Erhalt der ersten Impfdosis war dieses Risiko 94 Prozent geringer als ohne Impfung. Der Wirkstoff von Biontech/Pfizer erreichte 85 Prozent. Anzumerken ist, dass die volle Wirkung erst nach der zweiten Dosis eintritt.
Wie bewerten Fachleute die Lage?
Klaus Cichutek, der Präsident des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts, zieht folgendes Fazit: „Die bei uns zugelassenen Impfstoffe machen einen sehr guten Eindruck. Bei der Wirksamkeit und Sicherheit bewahrheitet sich, was wir in den klinischen Prüfungen gesehen haben.“ Der Weg mit den üblichen Zulassungsmodalitäten, die große klinischen Studien umfassen, sei richtig gewesen. Er räumt allerdings ein, dass die Verträglichkeit der Impfung nicht so gut sei wie etwa bei der Impfung gegen Influenza. Vor allem nach der zweiten Impfung seien zum Teil erhebliche Impfreaktionen zu beobachten, die aber wieder weggehen würden. Auf weitergehende Nebenwirkungen gebe es keine neuen Hinweise.
Wie gut helfen die bisherigen Impfstoffe gegen die neuen Virusvarianten?
Hier fällt die Antwort differenziert aus. Der Mainzer Impfstoffhersteller Biontech etwa hat laut seinem Vorstandsvorsitzenden Uğur Şahin bisher mehr als 25 Varianten getestet. Bei der britischen und der brasilianischen Mutante funktioniere das Vakzin von Biontech/Pfizer gut, bei der südafrikanischen mit Abstrichen. Die Wirkung des Impfstoffs von Astrazeneca ist bei der Südafrika-Mutante B.1.351 dagegen deutlich beeinträchtigt, kaum jedoch bei der britischen Variante B.1.1.7. Dies zeigen sowohl Beobachtungen vor Ort als auch Experimente im Labor.
Wie können Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 auch gegen künftige Virusvarianten wirksam bleiben?
Diese Frage beschäftigt Forschende, Pharmafirmen und Zulassungsbehörden bereits intensiv. Deshalb werden derzeit einige der wirksamen Impfstoffe an die neu auftretenden Mutationen angepasst. Auch die europäische Arzneimittelbehörde EMA will als Reaktion auf die neuen Varianten ein spezielles Schnellverfahren etablieren, das dann für bereits zugelassene Impfstoffe gilt, die an Virusmutationen angepasst wurden.
Wie sieht diese Konzept konkret aus?
Wie Klaus Cichutek erläutert, soll es für die an die Virusmutanten angepassten Impfstoffe keine neue Zulassung geben, sondern eine Änderung der bestehenden Zulassung – was das Verfahren enorm vereinfacht. Dabei müssen die Produzenten zeigen, dass die Herstellung des Vakzins genauso abläuft wie bisher. Für den Nachweis, dass er gegen das ursprünglichen Coronavirus wie auch gegen die Varianten wirkt, sind dann keine großen Studien mit Zehntausenden Teilnehmern mehr nötig. Uğur Şahin hält das für angemessen. Das Konzept sei ähnlich wie bei den Influenza-Impfstoffen: Dort müsse der Hersteller einmal zeigen, dass er das Prinzip beherrsche, jedes Jahr einen angepassten Impfstoff herzustellen.
Wie lange dauert die Anpassung an neue Virusvarianten?
Experten rechnen, dass ein mRNA-Impfstoff in etwa sechs Wochen angepasst werden kann. Ebenfalls sechs Wochen dauert es, bis die Produktion angelaufen ist. Die beiden Prozesse können aber zumindest teilweise parallel ablaufen. Bei den Vektor-Impfstoffen dauert es wohl etwas länger, da sei „man eher in Monaten unterwegs“, meint etwa die Impfexpertin Marylyn Addo, die am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf die Sektion Infektiologie am Zentrum für Innere Medizin leitet.
Wie wichtig ist es, bereits jetzt angepasste Impfstoffe herzustellen?
Für Klaus Cichutek ist der Zeitpunkt für neue Vakzine gekommen, sobald die Wirkung der alten Wirkstoffe stark zurückgeht. Das ist bisher jedoch nicht der Fall. Auch Uğur Şahin sieht momentan noch keine große Notwendigkeit für angepasste Vakzine. „Derzeit haben wir einen enormen Druck, überhaupt Impfstoff zu produzieren, nicht den Impfstoff zu wechseln.“ Auf keinen Fall dürfe man ein Vakzin gegen ein anderes eintauschen, das dann nicht mehr ausreichend gut gegen das ursprüngliche Coronavirus wirke.
Könnte man in Zukunft unterschiedliche Impfstoffe kombinieren?
Das ist durchaus denkbar, weil sich so möglicherweise die Vorteile etwa eines mRNA-Impfstoffs und eines Vektorvakzins kombinieren lassen. Dies könnte zu einem sogenannten Boost bei der Impfung führen, die Wirkung also verstärken. Entsprechende Studien laufen bereits. Marylyn Addo erwartet dabei kein anderes Spektrum an Nebenwirkungen als bisher. Allerdings müssen in Deutschland nach wie vor beide Impfungen mit demselben Impfstoff durchgeführt werden. Auch eine Verlängerung des Intervalls zwischen zwei Impfterminen ist nicht vorgesehen.