Gerade ältere Damen schätzen den Friseurbesuch – ab Anfang März dürfen sie wieder Termine machen. Foto: dpa/Jens Büttner

Das Friseurhandwerk leidet massiv unter den Zwangsschließungen während des Corona-Lockdowns. Nun darf die Branche ihre Geschäfte zum 1. März wieder öffnen. Damit will die Politik auch der grassierenden Schwarzarbeit beikommen.

Stuttgart - Der Verweis auf die „Corona-Matte“ gehört mittlerweile zu den Standardwitzen im täglichen Smalltalk. Den Friseuren hingegen ist schon lange nicht mehr zum Lachen zumute. Seit den neuerlichen Zwangsschließungen Mitte Dezember wird ihre Not immer virulenter. Umso größer die Erleichterung, dass sie nun bei den Lockerungen des Shutdowns als erste Branche bedacht werden. Vom 1. März an sollen die Friseure bei günstiger Infektionslage wieder öffnen dürfen – unter strengen Hygieneauflagen, versteht sich. Aber die waren ja weitgehend auch schon vor der Pause üblich.

Ausgerechnet die Friseure dürfen wieder arbeiten, nicht jedoch der Modehandel zum Beispiel – warum eigentlich? Die Landesregierung verweist nüchtern auf die Bedeutung des Haareschneidens für die Körperhygiene. Und für Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat die frische Frisur gar mit der „Würde der Menschen“ zu tun – eine ungewohnt empathische Sicht der Politik auf einen an sich profanen Akt.

Gerade für ältere Menschen ein sozialer Gewinn

Tatsächlich hat der Friseurbesuch eine psychologische Komponente: Die meisten Corona-geplagten Menschen mögen nicht mehr länger hinnehmen, im Lockdown zu verwildern. Und speziell ältere Frauen schätzen die soziale Funktion des Friseurbesuchs: Im Salon können sie nicht nur der Einsamkeit der eigenen vier Wände entfliehen und mit den Angestellten reden, sondern sehen mit neuer Frisur auch ihre Persönlichkeit wiederhergestellt. Die sogenannte „körpernahe Dienstleistung“ – eine amtliche Begrifflichkeit, die vor Corona kaum jemand kannte – hat damit auch einen soziokulturellen Stellenwert.

Allerdings sprechen auch harte wirtschaftliche Trends für die Lockerung. Etwa 60 Prozent der 11 000 Friseurgeschäfte im Südwesten – oftmals Kleinstbetriebe – seien in existenziellen Nöten, schätzt der Landesvorsitzende des Fachverbands Friseur und Kosmetik, Herbert Gassert. Daher sei er enttäuscht, dass die Öffnungen nicht schon zum 15. oder 22. Februar möglich seien. „Das sind wieder zwei Wochen mehr, in denen die Betriebe keine Einnahmen haben, was sie unwahrscheinlich belastet.“ Somit prophezeit der Mosbacher, dass man „auf jeden Fall“ Insolvenzen erleben werde. Die Liquidität der oft inhabergeführten Salons schmilzt dahin, die sogenannten Überbrückungshilfen sind vielfach noch nicht angekommen oder decken die unternehmerischen Fixkosten nur unzureichend ab.

Derweil kommen die Angestellten mit dem Kurzarbeitergeld kaum noch über die Runden. Wer hofft, die Pandemie wirtschaftlich zu überleben, wird aber nicht sein Personal entlassen wollen. Fachkräfte sind nicht nur in diesem Handwerk extrem begehrt. Insgesamt 15 600 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte sind allein im Südwesten noch bis Anfang März zum Nichtstun gezwungen.

Top gestylte Kicker sind ein großes Ärgernis

In dieser Misere ist die grassierende Schwarzarbeit für die meisten Friseure ein besonderes Ärgernis. Unerträglich der Anblick der Fußballprofis, die an jedem Spieltag mit top gestyltem Haar das Spielfeld betreten. Dass es da oft nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann, liegt auf der Hand. „Einrasierte Scheitel, auf wenige Millimeter getrimmtes Nacken- und Schläfenhaar, saubere Konturen. Frisuren, die nur professionelle Friseure mit Profi-Equipment schneiden können“, beschwerte sich der Zentralverband des Friseurhandwerks schriftlich beim Deutschen Fußball-Bund. Damit sei eine ganze Branche unter Druck gesetzt geworden.

Man müsse nur Fernsehen schauen: Da hätten acht von zehn Personen einen aktuellen Haarschnitt, schätzt Herbert Gassert. „Ein Riesenproblem.“ Er nehme gerade an einer Vorstandssitzung des Zentralverbandes teil – „da ist Schwarzarbeit das große Thema“. Insgesamt dürfte sie mehr als 50 Prozent ausmachen. Was ihn in dem Kontext auch bekümmert: „Wir haben ein tolles Hygienekonzept – da ist in den Friseurläden die Ansteckungsgefahr deutlich geringer als in der Schwarzarbeit.“

Die illegale Haarverschönerung ist nicht nur interessant für selbstverliebte Kicker: Praktisch jede Friseurin oder jeder Friseur kann über eine Vielzahl von Angeboten aus dem privaten Umfeld berichten, wonach man doch vielleicht auf einen Kaffee vorbeikommen möge – möglichst mit Schere und Föhn.

Verringerter Mehrwertsteuersatz soll auch für Friseure gelten

Trotz avisierter Öffnung haben die Friseure noch weitere Wünsche: Der verringerte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, der nun für Speisen in Restaurants und Cafés bis Ende 2022 gelten soll, „würde uns auch gut tun“, sagt Gassert. „Wir haben wir es vor der Gastro beantragt.“ Gerade die Branche im Südwesten wünsche diese Ermäßigung auch für sich – entsprechende Vorstöße solle es noch auf Landes- und Bundesebene geben. „Wir werden da überall vorpreschen.“

Verdruss bereiten auch die gerade erst modifizierten Arbeitsschutzstandards, wonach eine Mindestfläche von zehn Quadratmetern pro Person im Salon nicht unterschritten werden darf. Am Morgen habe er mit einem Kollegen telefoniert, der bei 38 Quadratmetern drei Vollzeitkräfte beschäftige und den Ruin befürchte, wenn er eine entlassen muss. Hinzu kommt: Was passiert dann mit der Ausbildung? Ein großes Problem sei es, wenn die Lehrlinge nicht voll einsetzbar seien. Gassert: „Wo stelle ich die dann hin?“

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