Wegen des Lockdowns zog das Theaterhaus Stuttgart seine geplanten Bauarbeiten vor und nutzte die Zwangsspielpause für Modernisierungsmaßnahmen. Foto: Theaterhaus

Was Künstler und Publikum derzeit als echte Krise erleben, ist für das Stuttgarter Theaterhaus auch eine Chance. Denn: die leeren Theatersäle werden seit den letzten Monaten genutzt, um in Sachen Sicherheit und Komfort alles wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Was außerdem Hoffnung macht: Am 17. Juli startet das Programm „Sommer im Hof“.

Keine Frage: Dass in den Rheinstahlhallen auf dem Pragsattel derzeit Foyer, Sporthalle und Theatersäle ziemlich verwaist sind, ist eine ziemlich bittere und auch traurige Geschichte. Eine gute Nachricht gibt es trotzdem: Wenn sich irgendwann – hoffentlich bald! – wieder Abend für Abend die unterschiedlichsten Künstler die Klinke in die Hand geben und eine bunte Besucherschar die Räume bevölkert, wird alles schöner und sicherer sein als zuvor. Und das alles viel schneller als gedacht.

Aber von vorn. 2003 ist das 1984 gegründete Theaterhaus in die Rheinstahlhallen auf dem Pragsattel gezogen. Dass sich da bei durchschnittlich bis zu 350.000 Besuchern im Jahr im Laufe der Jahre so manches abnutzt, bedarf keiner weiteren Erklärung. Zuständig für den Erhalt des Gebäudes, dessen Eigentümer die Stadt Stuttgart ist, und seines technischen Innenlebens ist die Stiftung Theaterhaus. Diese hat schon im vergangenen Jahr gemeinsam mit Vertretern der Stadtverwaltung und dem Stuttgarter Gemeinderat besprochen, was in der kommenden Zeit alles instandgesetzt und auf den aktuellen Stand gebracht werden soll. Um es kurz zu machen: Die Liste ist lang, und all die anstehenden Arbeiten bei laufendem Publikumsbetrieb durchzuführen, wäre eine ganz schöne logistische Herausforderung gewesen. Was aber Künstler und Publikum als echte Krise erleben, ist für jene, welche für die Umsetzung der langen Liste zuständig sind, auch eine Chance.

Veranstaltungstechniker Eric Bachert: Dacharbeiten ganz oben auf der Agenda

Bei Eric Bachert laufen in dieser Sache alle Fäden zusammen. Er ist dem Theaterhaus als Veranstaltungstechniker und Aktiver beim Haus der Jugendarbeit schon seit den Anfangsjahren verbunden und hat den Überblick darüber, was alles passieren muss, damit im Theaterhaus in Sachen Sicherheit und Komfort alles wieder auf dem neuesten Stand ist. Die Böden im gesamten Foyer zum Beispiel: Sie wurden alle abgeschliffen und mit einem Spezialmaterial namens Norament belegt, das viel belastbarer ist als beispielsweise Linoleum. „Das Material wurde extra für uns hergestellt“, verrät Eric Bachert, da für die riesige Fläche viel Material vonnöten war. Eine diffizile Arbeit zudem, muss doch die Höhe des Belags millimetergenau passen, damit sämtliche Türen sich wieder problemlos öffnen und schließen lassen. Bei laufendem Spielbetrieb wäre die Durchführung dieser aufwendigen Maßnahme sehr viel schwieriger gewesen, wie Bachert betont.

Die Maßnahmen konnten recht schnell begonnen werden, weil die Stiftung Theaterhaus seit fast 20 Jahren sehr vertrauensvoll mit Stuttgarter Handwerkern zusammenarbeitet, und diese „konnten schnell loslegen“. Ganz oben auf Agenda steht auch der Notüberlauf, der ins Dach eingebaut werden musste. „Vor zwei Jahren gab es ein Starkregenphänomen, das uns einen immensen Wassereinbruch beschert hat“, erzählt der Veranstaltungstechniker, der das Innenleben vieler anderer Spielstätten in der Region bestens kennt. „Wir mussten hilflos mit zuschauen, wie das Wasser durch alle Ritzen eingedrungen ist, weil die Regenrinnen es nicht mehr geschafft haben. Daraufhin wurde eine Notentwässerung eingebaut“, so Bachert. Nach erfolgreicher Umsetzung der Baumaßnahme muss man auf dem Pragsattel nun die immer häufiger vorkommenden Starkregen nicht mehr fürchten.

Theaterhaus Stuttgart: Halle T1 wird „auf Vordermann“ gebracht

Darüber, dass die Halle T1 jetzt „auf Vordermann“ gebracht wird, dürften sich auch Fans von Gauthier Dance freuen, der Dance Company des Theaterhaus Stuttgart. Die Bühne wird, wie Bachert verrät, auf die Bedürfnisse der Company angepasst. So wird zum Beispiel die Untermaschinerie ertüchtigt, wie es im Fachjargon heißt. Auch die Obermaschinerie wird überholt, so dass beispielsweise die Aufhängungspunkte für das Licht optimiert werden können. Die Hängelastpunkte würden verstärkt, fügt der Experte hinzu, zugleich würde die Traglast erhöht. „Damit mehr Licht ins Dach kommt“, sagt er. Außerdem wird die gesamte Zuschauertribüne erneuert. Im gesamten Haus wird nun außerdem die Sicherheitsbeleuchtung überholt. Selbst bei Stromausfall wird sie über einen Notstromgenerator funktionieren. Außerdem werden dafür nötige Kabelstrecken neu verlegt. „Das ist nicht wie in der eigenen Wohnung“, sagt Bachert und lacht. „Wir arbeiten mit Starkstrom, und beim Verlegen müssen beispielsweise die verschiedenen Brandabschnitte und Mauern berücksichtigt werden. Dann muss alles auch mit der Gebäudeleittechnik verknüpft werden, damit alles von einem zentralen Punkt aus geregelt werden kann.“

Wohlfühlatmosphäre ist allen wichtig. Und dazu gehöre eben auch die technische Sicherheit, unterstreicht Eric Bachert. Dazu gehören auch die Ertüchtigung der Brandschutztüren mit Feststelleinrichtungen und Rauchmeldern, oder die Installation von neuen Blitzableitern am Gebäude.

Programmreihe „Sommer im Hof“ startet am 17. Juli

Auch brandsichere und rutschfeste Anstriche sind an verschiedenen Stellen vorgesehen. Nicht zuletzt wird auch das Lüftungssystem im Foyer und den Veranstaltungssälen erneuert. Wie bisher soll auf eine konventionelle Klimaanlage verzichtet werden. Überall soll Frischluft zirkulieren, dabei spielt auch der außen sichtbare Kamin eine wichtige Rolle.

Auf fünf Jahre sind all diese Maßnahmen geplant worden. Nun wird es, aufgrund der aktuellen Situation, deutlich schneller gehen. Bis dann jedenfalls, wenn es mit dem lang ersehnten Spielbetrieb wieder im Theaterhaus weitergehen kann.

Das Theaterhaus gilt als das bestbesuchte Haus seiner Art in Deutschland. Neben den Aufführungen seiner beiden Ensembles für Tanz (Gauthier Dance//Dance Company Theaterhaus Stuttgart) und Schauspiel (Internationales Theaterhaus Schauspielensemble) gibt es Gastspiele mit Kulturschaffenden aus den Bereichen Comedy, Kabarett, Pop- und Rockmusik, Lesungen, Jazz, Klassik und Neue Musik. Im Haus beheimatet ist außerdem die „Musik der Jahrhunderte“. Vielfältig genutzt wird außerdem die Sporthalle.

Ab 17. Juli wird außerdem endlich wieder gespielt – wenn auch nicht direkt im, sondern am Theaterhaus: Im Innenhof des Theaterhauses gestalten Künstlerinnen und Künstler, die dem Haus schon lange verbunden sind, live und open air die Programmreihe „Sommer im Hof“. Konzert, Kabarett, Comedy und Theater werden dann hier in den Innenhof gebracht. Bei schlechtem Wetter finden die Veranstaltungen in Halle T2 oder T3 statt – unter Einhaltung der aktuellen Corona-Regelungen.

Info: Sommer im Hof, 17. bis 31. Juli, Innenhof Theaterhaus Stuttgart, Tickets über die Theaterhaus-Homepage.

Freitag, 17. Juli, 20 Uhr, Walter Sittler & Barbara Auer: Unsere Seelen bei Nacht; Samstag, 18. Juli, 20 Uhr, Sommer-Trix – Open-Air-Zaubern mit Helge Thun; Sonntag, 19. Juli, 11 Uhr, Halle T1, Seelentanz – John Cranko und das Wunder des Balletts; Sonntag, 19. Juli, 19 Uhr, Patrick Bebelaar & Vincent Klink: Brüder im Geiste; Freitag, 24. Juli, 20 Uhr, Timm Sigg: Die Leiden des jungen Professors – Tiefgründiges in H-Moll; Samstag, 25. Juli, 20 Uhr, Zucchini Sistaz: Falsche Wimpern – Echte Musik; Sonntag, 26. Juli, 19 Uhr, Heiler & Panhans Combo: … denn sie müssen nicht, was sie tun; Freitag, 31. Juli, 20 Uhr, Halle T1, Caveman mit Martin Luding.

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