Im Tesla-Werk in Shanghai wurden vor dem aktuellen Lockdown rund 2100 Autos am Tag hergestellt. Foto: Imago/Xinhua/Ding Ting

Shanghai ist weit von wirtschaftlicher Normalität entfernt. Den Corona-Lockdown bekommt nicht nur das chinesische Werk des US-Autobauers Tesla zu spüren.

Und schon wieder steht die Produktion still: Nur wenige Wochen nachdem Tesla in Shanghai seine Bänder neu anlaufen ließ, müssen die Fabrikarbeiter ihre Tätigkeit erneut niederlegen. Zumindest 200 Fahrzeuge können derzeit noch das Werk des US-Unternehmens verlassen. Vor der 22-tägigen Lockdown-Sperre wurden hier mehr als zehnmal so viel hergestellt.

 

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Dabei ist die Drosselung nicht einmal von den Behörden verordnet. Vielmehr sind es nun logistische Engpässe bei den Lieferketten, die Verzögerungen in der Produktion verursachen. Der Vorfall zeigt auch: Von einer wirtschaftlichen Normalität ist Chinas wichtigste Handelsstadt noch weit entfernt.

Nur im sogenannten „Closed Loop“ – also im geschlossenen Kreislauf – dürfen die Betriebe in Shanghai derzeit weiter operieren. Das bedeutet im Fall von Tesla: 8000 Mitarbeiter leben über Wochen hinweg auf dem Firmengelände in vollständiger Isolation.

Nur minimale Öffnungsschritte

Der am 1. April verhängte Lockdown von Shanghai sollte ursprünglich nur fünf Tage andauern. Doch auch sechs Wochen später sind nur minimale Öffnungsschritte zu beobachten. Ein paar Bewohner dürfen zwar mittlerweile die Straßen betreten, doch was sie dort zu sehen bekommen, erinnert vor allem an ein Schlachtgefecht: Ganze Straßenzüge sind mit Metallplanen und provisorischen Holzplanken verriegelt, Bezirksgrenzen werden mit militärischen Checkpoints bewacht. Die einzigen Autos auf den Straßen sind Krankenwagen und Polizeifahrzeuge.

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Immerhin lässt sich bei den täglichen Infektionszahlen seit Mai ein deutlicher Abwärtstrend beobachten. Zuletzt hat die örtliche Gesundheitskommission nur um die 3000 Fälle gemeldet, davon über 90 Prozent asymptomatisch. Doch das von Peking vorgegebene Ziel lautet, die Ausbreitung des Virus vollständig einzudämmen.

„Erzwungene Umsiedlung“ verfassungswidrig?

Da dies nach jetzigem Tempo noch Wochen dauern könnte, hat Shanghai seinen Bewohnern einen erneuten Lockdown-Schock verordnet. Im offiziellen Sprachgebrauch nennt sich dies „Ruheperiode“ bis 15. Mai. Bis dahin dürfen die Leute keine Lieferdienste verwenden, sollen nicht einmal den Hausflur betreten und nur in Ausnahmefällen ein Krankenhaus besuchen dürfen.

Zudem haben die meisten Lokalbehörden mit einer unmenschlichen Praxis begonnen: In vielen Bezirken werden nicht mehr nur positiv Getestete in die Quarantänelager abgeführt, sondern auch sämtliche Haushalte auf dem gesamten Stockwerk. Dass die „erzwungene Umsiedlung“ verfassungswidrig ist, hat erst kürzlich der chinesische Rechtswissenschaftler Tong Zhiwei ausführlich erklärt. Doch nach nur wenigen Stunden wurde das Posting gelöscht und sein Social-Media-Zugang gesperrt.

Immer brutalere Auseinandersetzungen mit Ordnungshütern

Ohnehin glauben nur noch hoffnungslose Optimisten, dass die Coronaverschärfungen wirklich zum gewünschten Erfolg führen. Stattdessen löst der anhaltende Ausnahmezustand immer brutalere Auseinandersetzungen mit den Ordnungshütern aus: Die „freiwilligen“ Helfer in ihren Seuchenschutzanzügen liefern sich täglich Schlägereien mit verzweifelten Anwohnern, die endlich wieder rauswollen. Nicht wenige von ihnen haben seit dem Lockdown kein Einkommen mehr und stehen vor den Scherben ihrer mühsam aufgebauten Existenz.

Pekings umstrittene Politik

Doch eine Öffnung des Landes würde nach derzeitigem Stand wohl ebenfalls massive Schäden anrichten. Laut einer aktuellen Studie chinesischer Wissenschaftler, die am Dienstag im „Nature Medicine“ erschienen ist, würde eine vollständige Aufhebung aller Maßnahmen über 1,5 Millionen Coronatote fordern und die Intensivstationen um das 15-Fache überlasten. All dies lässt sich zwar durchaus als Unterstützung für die umstrittene „Null Covid“-Politik Pekings lesen.

Doch gleichzeitig wirft die einige unangenehme Fragen auf – etwa, warum die Staatsführung es bis heute nicht geschafft hat, seine ältere Bevölkerung durchzuimpfen, oder die wirksameren mRNA-Vakzine aus dem westlichen Ausland zuzulassen.