Das Gastgewerbe ist seit Monaten im Lockdown. Unternehmer im Kreis Esslingen verlieren Geld und Mitarbeitende. Sie fordern, dass es endlich eine Öffnungsstrategie für sie gibt.
Kreis Esslingen - Die Stühle sind auf die Tische gestellt. Der rustikale Speiseraum des Landgasthofs Hirsch in Aichwald ist seit Monaten leer, etwas Leben spielt sich nur um die improvisierte Theke an der Küchentüre ab, wo Kunden vorbestelltes Essen abholen können. „Unsere wirtschaftliche Situation ist sehr schwierig“, schildert Wirt Werner Schöllkopf. Das Abholgeschäft bringe nicht die Einnahmen, die man brauche, um alle Kosten, geschweige denn einen Gewinn zu erwirtschaften. „Ich arbeite überwiegend alleine und bei Bedarf hole ich einen Koch aus der Kurzarbeit dazu. So kann ich mit Hinzunahme von privaten Rücklagen die Fixkosten etwas auffangen“, erklärt Schöllkopf. Seine drei Angestellten? Die sind zu 80 bis 100 Prozent in Kurzarbeit, die acht Aushilfen unbezahlt freigestellt.
Gastronomen fordern Perspektive
So geht es vielen Betrieben in Gastronomie und Hotellerie. Mit den weiter steigenden Corona-Infektionszahlen und der Bundesnotbremse verlängert sich der seit November geltende Lockdown nun um weitere Wochen – um wie viele, das ist ungewiss. Befragte Gastronomen im Kreis Esslingen fordern eine Perspektive.
Salvatore Marrazzo hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es besser wird. Früher betrieb er zwei Restaurants am besten Platz von Esslingen, aber schon bei der ersten Coronawelle ging er mit einem in die Insolvenz. Das zweite, das Accanto, erlebte dann einen schönen Sommer, dann wurde es auch für Marrazzo wieder düster. Aber der Wirt kämpft sich durch: Zwei Mal in der Woche – mittwochs und samstags – können sich Kunden bei ihm italienische Klassiker abholen. „Ich bin ganz zufrieden mit der Nachfrage“, so Marrazzo. Vor allem aber sehe er Stammkunden wieder, ebenso wie neue Kundschaft. Das hebe die Stimmung beim Personal: „Man wird wieder gebraucht.“ Auf die positiven Punkte schaut man auch im „The Ladies Diner“ in Zell. „Wir werden fantastisch unterstützt von unseren Gästen“, sagt die Inhaberin Jennifer Honnef, deren Team ebenfalls Speisen zum Abholen bietet. Die Coronahilfen seien bei ihr ohne Probleme angekommen. Im vergangenen Jahr gab es für zwei Monate Kurzarbeit, nun funktioniert es laut Honnef ohne. Ihr Wunsch: Die Chance zu bekommen, im Sommer draußen Gäste zu bedienen.
Minijobber sind die großen Verlierer
Dass keine Gäste bewirtet werden könne, von staatlichen Hilfen abhängig zu sein und das Ersparte aufzubrauchen, das zehrt an den Nerven. „Es ist alles nach wie vor grauenvoll“, sagt Nicole Domon, die mit ihrem Mann das Restaurant und Hotel Schwanen in Köngen betreibt. Sowohl im Hotel als auch im Restaurant herrsche eine „gespenstische Stille“. Auch hier ist der einzige Kontakt zu Gästen der Abholservice des Restaurants. Heike Kauderer, die in Ostfildern die Hotels Hirsch und Lamm führt und Bezirkskammerpräsidentin der Industrie- und Handelskammer Esslingen-Nürtingen ist, macht sich vor diesem Hintergrund nicht nur Sorgen um die wirtschaftliche Lage der Betriebe. Sie weist auf den Frust der Gastronomen hin, die unbedingt arbeiten wollten, nicht allein um des Geldes willen. Und den Frust der Beschäftigten. Immer mehr hoch qualifizierte Leute sprängen ab, arbeiteten lieber im Supermarkt, sagt Kauderer. Das Einkommen habe sich für einige in der Kurzarbeit um mehr als die Hälfte reduziert, weil Zuschläge für Nacht- und Sonntagsarbeit sowie Trinkgeld fehlten. Ganz zu schweigen von zahlreichen Aushilfen, die keine Arbeit mehr haben. „Die großen Verlierer sind die Minijobber“, sagt Kauderer. Darüber hinaus kämpften immer mehr in der Branche mit psychischen Problemen. Deswegen versucht sie, ihre Mitarbeitenden, deren Zahl sich seit Beginn der Pandemie halbiert hat, bei der Stange zu halten. Sie arbeiteten zwei Mal pro Woche für einen halben Tag. Für die Auszubildenden werden Aufgaben fingiert. „Wenn die Coronapandemie vorbei ist, brauchen wir ja Leute.“
Verfassungsklage gegen Bundesnotbremse
Von der Verfassungsklage gegen die Bundesnotbremse, die gerade die Restaurantkette L’Osteria und mehrere Einzelhändler planen, ist Kauderer allerdings nicht vollends überzeugt. „Was bringt es mir, wenn wir per Gerichtsentscheid aufmachen dürfen und in vier Wochen alles wieder dicht machen müssen?“ Was sie sich vielmehr von der Politik wünscht? „Wir brauchen einen Plan“, sagt Kauderer. Sowohl sie als auch Domon und Schöllkopf halten eine kontrollierte Öffnungsstrategie für wichtig – mit Hygienemaßnahmen, Schnelltests, digitaler Nachverfolgung sowie mehr Impfungen. Kauderer beklagt seit längerer Zeit eine Ungleichbehandlung zulasten des Gastgewerbes. „Wir fühlen uns als Bauernopfer.“ Die Unternehmerin blickt aber auch in die Zukunft und fordert mittelfristig Unterstützung für die Branche, wie den verringerten Mehrwertsteuersatz, der bis Jahresende auch für Gastronomen gilt. Denn selbst, wenn die Coronapandemie ende, sei das Gastgewerbe nicht sofort ausgelastet. „Wir werden noch zwei Jahre brauchen, bis die Menschen wieder Vertrauen haben, verreisen und Tagungen veranstalten.“
Corona kostet viele im Gastgewerbe den Job
Arbeitslosigkeit: Die Coronapandemie und die Einschränkungen zum Infektionsschutz treffen einige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer besonders hart. Darunter jene im Gastgewerbe. Zahlen der Agentur für Arbeit zeigen, dass im Zeitraum von April 2020 bis März 2021 knapp 24 Prozent mehr Menschen in dem Wirtschaftsbereich ihre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung verloren haben, als im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor. Noch stärker ist dieser Zuwachs nur in den Reisebüros – mit 233 Prozent.
Minijobs: Die vielen Aushilfen in Gastronomie und Hotellerie sind in diesen Zahlen noch nicht mit inbegriffen. Oft schicken Restaurants und Hotels, die ihren Betrieb weitgehend runtergefahren haben, festangestellte Mitarbeitende in die Kurzarbeit, während geringfügig Beschäftigte ohne Bezahlung freigestellt werden. Zahlen der Agentur für Arbeit liegen bis September 2020 vor. Damals arbeiteten in Kreis Esslingen insgesamt 54 000 Männer und Frauen in Minijobs, 5,2 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Im Gastgewerbe, in dem mehr als jeder zehnte Minijobber arbeitet, betrug der Rückgang 5,9 Prozent. Das war im Spätsommer, als viele Restaurants und Hotels noch mit Hygienekonzept geöffnet hatten. Seit der Schließung der Restaurants und Einschränkungen des Tourismus dürften die Zahlen gestiegen sein.
Kurzarbeit: Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) macht immer wieder auf die Nöte der Beschäftigten im Gastgewerbe aufmerksam. Im Februar forderte sie die Einführung eines Mindest-Kurzarbeitergeldes von 1200 Euro im Monat. Die NGG geht davon aus, dass die Kurzarbeit erneut die Ausmaße des Lockdowns vom Frühjahr vergangenen Jahres angenommen hat. Damals hatten 75 Prozent der gastgewerblichen Betriebe im Kreis Esslingen Kurzarbeit angemeldet. „Die Beschäftigten wissen nicht mehr, wie sie noch ihre Miete bezahlen sollen“, sagt Hartmut Zacher, der Geschäftsführer der NGG-Region Stuttgart. Ohne schnelle Hilfe drohten den Menschen existenzielle Probleme.