Die Novemberhilfe kann nun beantragt werden. Angesichts der Verlängerung des Teil-Lockdowns herrscht unter den Gastronomen in der Stadt dennoch große Ratlosigkeit: Wann gibt es Geld von der Regierung? Und wie viel?
Stuttgart - Der Monat ist zwar fast rum, aber immerhin dürfen Gastronomen und andere Betriebe nun endlich die vor Wochen angekündigte Novemberhilfe beantragen. Die Unsicherheit unter den Betroffenen ist dennoch groß. Zum Beispiel am Wilhelmsplatz, an dem ansonsten das Leben tobt. An diesen Tagen geht hier fast gar nichts mehr. „Die Stadt ist tot“, sagt Fanny Tran vom Noodle 1, die als einzige an diesem Platz, früher eine Feier-Meile, einen To-go-Betrieb betreibt, „und nun wissen wir auch nicht, wann wir Geld bekommen und wie viel. Wir kämpfen halt von Tag zu Tag.“
Daniel Ohl, Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Baden-Württemberg, mag dennoch nicht gar so sehr über die Politik schimpfen. „Der gute Wille ist zweifellos erkennbar.“ Aber: Obwohl die Gastronomie nicht als Infektionsschwerpunkt ausgemacht werden konnte, muss sie geschlossen bleiben, „um Kontakte zu reduzieren und andere Bereiche offen zu halten“. Deswegen müsse nun auf die angekündigte Unterstützung für den November „sofort eine im gleichen Umfang für den Dezember folgen“. Denn: „Die Lage ist höchst prekär“, sagt Ohl, den täglich verzweifelte Anrufe auch von weinenden Menschen erreichten, „die nicht wissen, wie es wirtschaftlich weitergehen soll, wo sie das Geld für Miete und Nebenkosten hernehmen sollen“.
Volksfestwirt vermisst eine Langzeitstrategie
Michael Wilhelmer, Volksfestwirt und Gastronom mit mehreren Locations (Amici, Stäffele, Ampulle, Schlachthof), sagt, er halte sich politisch eigentlich immer sehr zurück und versuche die Dinge positiv anzugehen. Aber die Verlängerung des Teil-Lockdowns bis zum 20. Dezember sei „ein herber Schlag, nicht nur finanziell“. Ohne Gastronomie sei die Stadt traurig, das spüre auch der Handel immer mehr. Jetzt sei alles auf Weihnachten fokussiert, aber er vermisse eine Langzeitstrategie. „Bis die Hilfe endlich kommt, ist es für viele vielleicht schon zu spät, viele Verbindlichkeiten sind ohnehin nur aufgeschoben.“
Nicht nur für Wilhelmer ist der zweite Lockdown härter als der erste im Frühjahr, „auch für die Psyche der Mitarbeiter“ – und die eigene. Man habe viel Geld in die Hand genommen, um das Kurzarbeitergeld aufzustocken. Was ihn nun besonders treffe, dass erste Kündigungen von Mitarbeitern kämen, weil sie keine Perspektive mehr in der Gastronomie sehen. Wilhelmer, der selbst an Covid-19 erkrankt war, sagt: „Wir tragen das alle mit, aber zu einem hohen Preis.“
Den bezahlt auch Christian List, der den Roten Hirsch in Bad Cannstatt und Fellbach durch schwierige Zeiten führt. Seinen Mitarbeitern überlässt er das To-go-Geschäft, damit sie was zu tun haben – und bleibt deshalb lieber selbst zu Hause. „Ich denke, dass die Hilfen reichen, allein gelassen fühle ich mich auf jeden Fall nicht“, sagt List, „aber es ist eine fiese Untätigkeit.“
Die Frage ist: Am 20. Dezember für ein paar Tage öffnen?
Nima Nafeei versucht ebenfalls, sich und seine mehr als 100 Mitarbeiter weiterhin zu motivieren. Der Gastronom verantwortet inzwischen vier Restaurants: als jüngstes das Pop-up-Konzept Noa im Bosch-Areal, außerdem das Burgerheart an der Tübinger Straße sowie die zwei Oh-Julia-Filialen im Dorotheen-Quartier und auf der Killesberghöhe. Dort hat er sogar in eine Almhütte investiert, die Ende Oktober fertig war und trotz guter Reservierungslage noch nicht in Betrieb gehen konnte. Während Christian List auch über Weihnachten nicht öffnet, will Nafeei vielleicht seine Locations nach dem 20. Dezember wieder aufmachen – eventuell auch nur für zehn Tage. „Wir müssen schauen, ob es Sinn macht oder nicht.“ Denn kein Mensch wisse, wie es im neuen Jahr weitergehen soll. „Wir brauchen Planungssicherheit. Da hängen ja auch Lieferketten dran“, so der Gastronom.
Die Unsicherheit ist es, die am meisten schlaucht. Sagt auch Michael Huppert vom Sternelokal Hupperts in Heslach. Er hat mit seiner Frau Marianne ebenfalls auf Mitnahme gesetzt, in dem versteckten Restaurant lebt er vor allem von Stammgästen. Die seien treu, aber die Ungewissheit nage schon an den Nerven. „Jetzt ist es Ende November und wir wissen noch nicht einmal, wie die Novemberhilfe genau ausschaut.“ Der Regierung macht er allerdings keine Vorwürfe, die Situation sei eben wie sie ist: „Und nun müssen wir das Beste draus machen.
Sternelokal steht in den Startlöchern
Im Olivo, dem Sternelokal im Steigenberger Hotel Graf Zeppelin, herrscht die gleiche Ungewissheit. Mehrmals schon seit der Schließung Mitte März musste die Wiedereröffnung des Zwei-Sterne-Restaurants in größeren Räumlichkeiten verschoben werden. Ob die Sterne so überhaupt zu halten sind? Das stehe für den Küchenchef Anton Gschwendtner gar nicht so sehr im Fokus, wenngleich er „auf eine gute und faire Regelung beim Guide Michelin“ hoffe. Die Reservierungslage für den November jedenfalls sei „extrem gut“ gewesen, auch die Nachfrage für Weihnachten und Silvester sei da. Selbst wenn das Olivo im Dezember wieder an den Start gehen sollte, hätte Gschwendtner ein dreiviertel Jahr nicht in der Restaurantküche gestanden. „Aber ich habe das Kochen nicht verlernt und viel Zeit für neue Ideen gehabt“, so Stuttgarts höchstdekorierter Koch.