Auf dem Gelände der Messe Stuttgart herrscht Totenstille. Foto: Messe Stuttgart/Roland Halbe

Eigentlich hätte 2020 ein Rekordjahr für die Landesmesse auf der Filderebene werden sollen. Stattdessen müssen nun Kredite aufgenommen werden, um finanziell durchzuhalten. Das Gelände wird in der Pandemie gerade für andere Zwecke genutzt.

Echterdingen/Stuttgart - Ein Hauch von Endzeitstimmung weht derzeit durch Fußgängerzonen, leere Flughafenhallen und über das weitgehend verwaiste Messegelände neben der A 8 auf der Filderebene. Am 1. März 2020 hatte die Messe Stuttgart ihren vorerst letzten regulären Messetag, erinnert sich Roland Bleinroth. „Seitdem musste der Konzern weltweit über 150 Messen und Events verschieben oder absagen“, erklärt der Sprecher der Geschäftsführung. Ursprünglich hätte 2020 mit einem geplanten Umsatz von über 200 Millionen Euro ein Rekordjahr werden sollen. Es kam alles anders.

Statt mehr als 200 wurden gerade einmal 52 Millionen Euro Umsatz generiert, vor allem im Januar und Februar. Die Geschäftsleitung rechnet mit einem Minus von 25 Millionen Euro für das vergangene Jahr. Dass der Grundbetrieb bisher weitergegangen ist, lag auch an den Reserven der vergangenen Jahre vor der Pandemie.

Mitte des laufenden Jahres ist der Sparstrumpf aber voraussichtlich leer. Die Messe braucht einen Kredit in Höhe von 33 Millionen Euro. Die Gesellschafter, das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart, wollen je zur Hälfte dafür bürgen.

Seit April gibt es Kurzarbeit

Von direkten Kündigungen wegen der Corona-Krise war bei der Stammbelegschaft laut Geschäftsführer Bleinroth bisher noch niemand betroffen. Derzeit arbeiten 442 Menschen bei der Messe. Es seien aber befristete Verträge nicht verlängert und frei gewordene Stellen nicht wiederbesetzt worden. Das Kassenpersonal wurde nicht weiter beschäftigt. Im April wurde Kurzarbeit eingeführt. Die Infrastruktur, eine Präsenzmesse mit Publikumsverkehr durchzuführen, ist bei der Messe Stuttgart also weiter vorhanden. Der Betrieb ist nie ganz stillgestanden. Einige Dienstleistungspartner der Messe hätten ihr Geschäft allerdings bereits aufgeben müssen, berichtet Bleinroth. „Leider gibt es erste Insolvenzmeldungen“, sagt er. Um nach der Pandemie den Betrieb wieder aufnehmen zu können, sei man auf Partner angewiesen.

Die zehn Messehallen auf dem 120 000 Quadratmeter großen Gelände können aufgrund der geltenden Corona-Vorschriften nicht weiter für einen normalen Messebetrieb genutzt werden. Lediglich die Halle 9 wird nun für den Betrieb eines Kreisimpfzenturms des Landkreises Esslingen genutzt. Auch das Corona-Testzentrum im Freien wird dort weiterhin betrieben. In einer weiteren Halle stehen Fahrzeuge für eine digitale CMT ohne Publikum vor Ort. Die Fahrzeuge in der Messehalle sollen lediglich von einem kleinen Kreis aus Journalisten, Bloggern und Fachbesuchern besichtigt werden können. Außerdem wird der Parkplatz hinter dem Messegelände von Versandunternehmen und Spediteuren zeitweise als Stellfläche genutzt.

Im zweiten Portal soll es wieder kleinere Präsenz-Fachmessen geben

Wann der normale Betrieb wieder aufgenommen werden kann, ist derzeit vollkommen ungewiss. „Wir planen sehr konservativ und zurückhaltend“, sagt Bleinroth. Die meisten Veranstaltungen benötigten einen mehrmonatigen Vorlauf. Wann auf der Messe wieder ein Publikumsverkehr stattfinden kann, hängt vom Verlauf der Pandemie ab. „Da Messemacher von Haus aus Optimisten sind, rechnen wir ab dem zweiten Quartal mit den ersten, kleineren Präsenz-Fachmessen“, erklärt der Geschäftsführer. Zudem seien weitere digitale oder hybride Veranstaltungen geplant.

Bereits in der Vergangenheit wurden Online-Veranstaltungen angeboten. „Die Messe Stuttgart hat dafür neue Studiolösungen entwickelt und vier sendefähige Fernsehstudios auf dem Messegelände eingerichtet“, erklärt Roland Bleinroth. Die Erfahrungen aus der Corona-Krise werden, so glaubt der Geschäftsführer, auch nach der Pandemie genutzt werden. So könnten Präsenzmessen zukünftig stärker durch ein digitales Angebot ergänzt werden. Der Markenkern der Messe bleibe aber der fachliche und direkte Austausch am Stand. „Die persönliche Begegnung und das haptische Erfahren werden nicht durch digitale Kanäle zu ersetzen sein“, ist Bleinroth überzeugt.

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