Kardiologen warnen: Bei typischen Herzschmerzen, Luftnot oder Engegefühl im Brustbereich umgehend den Notruf 112 wählen Foto: dpa/Nicolas Armer

Stuttgarter Kardiologen sind besorgt: Betroffene mit infarkttypischen Herzschmerzen, Luftnot oder Engegefühl im Brustbereich zögern zu lange, den Notruf 112 zu wählen.

Stuttgart - In der Corona-Krise zeigt sich in deutschen Kliniken ein besorgniserregendes Phänomen: Die Zahl der kardiologischen Notfälle ist dramatisch gesunken – es gibt weniger Patienten, die mit Herzinfarkt eingeliefert werden. „Offensichtlich machen sich Patienten mit akuten Herzerkrankungen derzeit Gedanken darüber, ob sie in diesen Tagen während der Corona-Pandemie in den Kliniken gut behandelt werden können“, heißt es in einem offenen Brief, den verschiedene kardiologische Fachgesellschaften mit der Deutschen Herzstiftung am Donnerstag an Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) gesandt haben. Nachdem das Ministerium schon die Notwendigkeit betont habe, Krebserkrankungen zu behandeln, müsse auch die Behandlung von schwer am Herzen erkrankten Patienten sichergestellt sein, so die Unterzeichner.

Die Zahl der Herzpatienten hat stark abgenommen

In einem weiteren internen Schreiben an alle Stuttgarter Ärzte zeigen sich die Chefärzte der kardiologischen Fachabteilungen der Stuttgarter Krankenhäuser alarmiert: „Es mehren sich aus vielen Kliniken die Erfahrungen, dass Patienten mit gefährlichen Symptomen, die für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall sprechen, aus Angst vor Covid-19 keine ärztliche Behandlung aufsuchen“, heißt es. „Auch bei uns hat die Zahl der Herzinfarktpatienten stark abgenommen“, sagt Thomas Nordt, Ärztlicher Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßkrankheiten am Klinikum Stuttgart, auf Anfrage. Geplante Eingriffe werden von Patienten abgesagt. „Teils fürchten sie eine Ansteckung mit dem Coronavirus, teils ist die Sorge groß, dass sie den Klinikaufenthalt in Einsamkeit verbringen müssen, da keine Besuche von außen erlaubt sind.“ Andere gingen davon aus, dass die Kliniken derzeit keine geplanten Herz-OPs vornehmen.

Herzinfarkte sind die Folge einer Verengung in den Herzkranzgefäßen

Betroffene bringen sich in große Gefahr: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache. Vorne dabei: Die koronare Herzkrankheit, bei der sich Fett- und Kalkablagerungen an den Herzkranzgefäßen absetzen. Bei einem Herzinfarkt wird aus der Verengung ein Verschluss. Teile des Herzmuskels werden von der Sauerstoff- und Nährstoffzufuhr abgeschnitten, das Herzmuskelgewebe stirbt ab. Folgen können Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen sein – im schlimmsten Fall der Tod.

Auch bei unklaren Beschwerden sofort den Notruf alarmieren

Eine schnelle Hilfe sei da wichtig, sagt Kardiologe Nordt: „Je früher man den Gefäßverschluss wieder öffnet, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit für derartige Folgen.“ Dazu muss das Bewusstsein für die Anzeichen eines Herzinfarkts geschärft werden: plötzlich einsetzende, länger anhaltende Schmerzen in der linken Brust, Schmerzen im Hals, Kiefer, Rücken, Oberbauch oder in den Armen, Übelkeit, Atemnot und Angstzustände. Besonders Frauen und ältere Patienten leiden häufig an diffuseren Symptomen wie Magenproblemen, Schlafstörungen oder Erschöpfung. „Wer sich unsicher ist, sollte dennoch die Notrufnummer 112 anrufen oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116 117“, sagt Nordt. Dort werde beurteilt, ob ein Notfall vorliegt.

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