Katharina Schäfer macht an ihrem Klavier während des Konzerts für ihre Nachbarn eine kurze Pause für den Fotografen. Foto: factum/Simon Granville

Die freischaffende Musikerin und Klavierlehrerin Katharina Schäfer spielt seit Mitte März fast täglich für die Nachbarschaft. Sie hat damit während der Corona-Krise ganz neue Erfahrungen gemacht – sehnt sich aber wieder nach Engagements.

Gerlingen - Die Nachbarn gegenüber lauschen gebannt, sie haben schon ein Dankeschön und Blumen vor die Haustür gestellt. Ein anderer Nachbar raucht während der Klavierklänge genüsslich eine Zigarre. Katharina Schäfer lebt seit knapp einem Jahr in Gerlingen. Und sie macht Musik für ihre Mitmenschen – um diese während der Corona-Zeit aufzuheitern. Sie tut das ehrenamtlich, lebt zur Zeit vom Ersparten. Im Gespräch merkt man der 56-Jährigen nach wenigen Minuten eines an: All die Erfahrungen in der Zeit seit Mitte März möchte sie nicht missen. Zu schön sind die vielen Ereignisse.

Bach und Kaffeehausmusik

Morgens um zehn Choräle und Kantaten etwa von Bach, nachmittags um drei Kaffeehausmusik zur Unterhaltung. Das war ihr Konzept für die 20, 25 Minuten, die sie seit März täglich an ihrem Klavier in der Gerlinger Schillerstraße für Nachbarn spielte, und die sie nun auf einmal am Tag reduzierte. „Ich kann doch damit nicht aufhören. Ich weiß, dass ältere Menschen mir zuhören.“ Sie bereitet sich vor, stellt ein Programm zusammen. Es soll so sein wie im Konzertsaal oder während eines Festes. „Ich staune jedes Mal über mein Repertoire.“

Das hat sie sich in den vergangenen 30, 35 Jahren angeeignet. So lange schon lebt und arbeitet sie als Berufsmusikerin – mit allen Chancen und Risiken. Das Schlimmste in der Corona-Zeit heißt: keine Engagements. Und so ist es auch ein besonderes Ereignis, wenn jemand anruft und mit ihr über einen Auftritt für Gage reden will. Hoffentlich klingele das Telefon bald wieder öfter, meint Katharina Schäfer. Unterrichten dürfe sie jetzt Gott sei Dank wieder – mit Maske und Abstand sei das allemal besser als die Schüler abweisen zu müssen.

Über das Orgelspielen ins Metier gekommen

Das „Gott sei Dank“ meint sie wörtlich. Evangelisch sei sie schon lange, sagt sie, über das Orgelspielen in der Kirche war sie einst ins Metier gekommen. Musik studiert hat sie nicht – Kinder waren ihr wichtiger. Bewusst, zusammen mit ihrer Jugendliebe. Die hat sich zwar verabschiedet, zwei Söhne und eine Tochter aber blieben – und bringen heute fünf Enkel mit ins Haus. Die Musik habe sie über Jahrzehnte gelernt – keine Kunst bei einem Profigeiger als Vater und einer überaus musischen Mutter. „Sie hat als Grundschullehrerin viel Musik mit den Kindern gemacht.“

Sie hat früher schon einmal hierzulande in Asperg gewohnt – und damals eine sehr gute Freundin gewonnen. Man verlor sich aus den Augen, als die Familie wieder nach Niedersachsen ging. Nun aber, nach Jahrzehnten und einem Zeitungsartikel über ihre Fensterkonzerte, meldete sich die Frau von damals. Sie arbeitet als Managerin eines Orchesters. „Wir haben uns bereits zum Musizieren verabredet.“

Einen Choral als Solo

Orgelspielen, Singen in der Kirche, Menschen bei einer Abendandacht erfreuen – diese Erfahrung hat Katharina Schäfer erst vor wenigen Tagen wieder in der Petruskirche gemacht. „Das war so schön“, sagt sie, „ich hab’ das total genossen.“ Die Pfarrerin habe für ihr Solo einen Choral ausgesucht, den sie auswendig könne. „Den habe ich früher abends meinen Kindern vorgesungen.“ Sie durfte vortragen, weil die Besucher bei Gottesdiensten noch immer nicht singen dürfen. Und nun saßen die beiden ältesten Enkel in der Kirche ein paar Meter von ihr entfernt, „mit riesengroßen Augen, von Stille und Ehrfurcht erfüllt. Ich hoffe, dass ich sie noch öfter mitnehmen kann.“

Mit den Balkonkonzerten, die gar nicht auf dem Balkon stattfinden, werde sie so schnell nicht aufhören, dafür sei sie dankbar. Sie nehme gerne Titelwünsche entgegen, „ein Kärtchen im Briefkasten reicht“. Und dann hofft sie, dass sich wieder eine bezahlte Tätigkeit findet. Als Musikerin. Oder in der Altenhilfe – eine Weiterbildung als Betreuerin für Senioren und Demenzkranke hat sie auch. Dann ist es kurz vor zehn. Das Klavier ruft.

Wer Katharina Schäfer kontaktieren will, findet ihre Daten auf der Homepage www.klavier-orgel-gesang.de.

Musik vor den Altenheimen

Die Bewohner auch der Alten- und Pflegeheime im Strohgäu werden seit Wochen fast überall von Musikern unterhalten. Diese spielen vor dem Haus oder im Garten – immer so, dass die Bewohner am offenen Fenster zuhören können. Hier ein paar Beispiele:

Ditzingen-Hirschlanden
Vor dem Haus um die Linde herum oder im Park postieren sich die Mitglieder des Posaunenchors, wenn sie zur Unterhaltung der Bewohner des Guldenhofs spielen. Das findet ein bis zwei Mal pro Woche statt.

Ditzingen
Im Haus Friederike gibt es zwei Arten von Konzerten: Donnerstags treten Gastmusiker außerhalb des Hauses auf. Dazu hat sich auch ein Chor gegründet, der mit Gitarre oder zum Saxofon singt. Im Haus hingegen spielt eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes regelmäßig klassische Musik – dafür wird das Klavier von Wohnbereich zu Wohnbereich geschoben.

Hemmingen
Im Kleeblatt treten der Posaunenchor oder die Singgemeinschaft auf. Und eine Kindergartengruppe sei schon da gewesen und habe gesungen, berichtet eine Mitarbeiterin. Die Bewohner hören am Fenster oder vom Speisesaal aus zu.

Korntal-Münchingen
Die Leiterin des Posaunenchors spielt weiterhin regelmäßig mit anderen Musikern für die Bewohner des Spitalhofs in Münchingen. Große Dankbarkeit ist auch ihr Lohn.

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