Fragwürdige Regeln durchlöchern in Südafrika den konsequenten Lockdown. Nirgends in Afrika verbreitet sich das Virus schneller.
Johannesburg - Für Cyril Ramaphosa begann das Desaster voller Verheißung. Noch bevor Südafrika den hundertsten Corona-Fall meldete, hatte der Präsident bereits einen der weltweit schärfsten Lockdowns über das Land verhängt – und wurde dafür allseits gepriesen. Endlich ein Staatschef, der sich um das Wohl der Bevölkerung kümmert, hieß es: nach dem Aids-Verleugner Thabo Mbeki und dem Staatskassenräuber Jacob Zuma. Die Hoffnung kursierte, dass mit dem frühen Abschalten des öffentlichen Lebens die Pandemie im Keim besiegt werden könnte: Der Preis dafür schien damals nicht zu hoch zu sein.
Dafür schluckten die Südafrikaner auch Begleitmaßnahmen wie das Verbot des Alkohol- und Zigarettenverkaufs, deren Sinn sich – gelinde ausgedrückt – nicht jedem erschloss. Erst als die aus ihren Kasernen ausgeschwärmten Soldaten ungehorsame Lockdown-Verletzer schikanierten und sogar totschlugen, begannen viele Südafrikaner sich Sorgen zu machen. Hatte die Regierung dem Virus oder den Einwohnern des Landes den Krieg erklärt?
Kilometerlange Schlangen vor den Suppenküchen
Der Erfolg schien den Mächtigen recht zu geben: Die Neuansteckungen hielten sich in Grenzen, erst am Ende der fünfwöchigen härtesten Phase der Ausgangssperre zogen sie an. Warum gerade jetzt? Das Ziel des Lockdowns sei gar nicht der völlige Stopp der Ausbreitung des Virus gewesen, hieß jetzt die offizielle Linie: Man habe lediglich Zeit zur Vorbereitung der medizinischen Antwort gewinnen wollen. Unterdessen hatten sich vor Suppenküchen kilometerlange Schlangen gebildet: Die Versorgung der hungrigen Bevölkerung brachte die Verantwortlichen an ihre logistischen Grenzen. Per Gericht musste die Regierung gezwungen werden, Schulkindern weiterhin täglich eine warme Mahlzeit zukommen zu lassen – auch wenn die Schulen inzwischen geschlossen waren. Man hoffte offenbar, sich das sparen zu können.
Schließlich zeichnete sich ab, dass sich der ohnehin bankrotte Staat mit seinem Corona-Hilfspaket übernommen hatte. Beim Währungsfonds musste ein Milliardenkredit aufgenommen werden, Südafrika hat sich über Jahrzehnte verschuldet. Aus diesen Gründen wurde der harte Lockdown heruntergefahren, ausgerechnet als die Neuansteckungen in die Höhe schossen.
Die Regierung beschloss einen Katalog an Maßnahmen für die abgeschwächte Lockdown-Phase, der manchem die Haare zu Berge stehen ließ. Fortan durfte getrunken, aber nicht geraucht, T-Shirts mit langen, aber nicht mit kurzen Ärmeln gekauft werde. Man durfte mit 50 anderen Gläubigen eine Kirche, aber nicht die eigene Mutter besuchen. Als schließlich militanten Minibusbesitzern erlaubt wurde, ihre Fahrzeuge mit Passagieren voll zu laden, während Parks geschlossen blieben, war klar: Da sind Motive im Spiel, die mit dem Kampf gegen das Virus nicht das Geringste zu tun haben.
Zu wenig Schutzkleidung: das Pflegepersonal streikt
Die Sorgen vertieften sich weiter, als sich mitten im Sturm der Neuinfektionen in mehreren Teilen des Landes ein akuter Mangel an Betten und Sauerstoff abzeichnete. Drei Monate nach Beginn der Krise gab es noch immer nicht genügend Schutzbekleidung – in mehreren Krankenhäusern ging das Pflegepersonal deshalb in Streik. Schließlich häuften sich Berichte, wonach sich hochrangige Mitglieder des regierenden ANC an öffentlichen Aufträgen für Schutzbekleidung und medizinische Ausrüstung bereicherten: Selbst die Sprecherin des Präsidenten war in einen derartigen Fall verwickelt. Spätestens jetzt war der Kredit von Präsident Cyril Ramaphosas vollends verspielt.
Wie durch ein Wunder sinkt die Neuansteckungsrate seit zwei Wochen wieder. Eine offizielle Erklärung dafür gibt es bisher nicht. Vielleicht lag es ja daran, dass das Rauchverbot am Dienstag aufgehoben worden ist. In Südafrika hält man selbst das inzwischen für möglich.