Das unheimliche Virus: Bei mehr als der Hälfte der Corona-Infektionen lässt sich die Quelle nicht herausfinden, sagt Karlin Stark. Foto: factum/Simon Granville

Karlin Stark startete in turbulenten Zeiten als Chefin des Ludwigsburger Gesundheitsamtes. Im Interview spricht sie über den ausgebluteten öffentlichen Gesundheitsdienst, Chancengleichheit, Frauen in Führungspositionen – und natürlich über Corona.

Ludwigsburg - Zum Jahreswechsel hat Karlin Stark die Leitung des Gesundheitsamtes in Ludwigsburg übernommen. Corona überlagert alles – bei einem Aufgabengebiet, dessen Relevanz ohnehin oft verkannt wird, wie die 58-Jährige bedauert. Ein Gespräch über den ausgebluteten öffentlichen Gesundheitsdienst, Chancengleichheit, Frauen in Führungspositionen – und natürlich über Corona.

Frau Stark, Sie haben sich mitten in der Pandemie erfolgreich als Chefin des Kreisgesundheitsamtes beworben. Haben Sie’s schon bereut?

Überhaupt nicht.Meine Jahre im Landesgesundheitsamtwaren schön, gut und lehrreich. Aber die Wirksamkeit – also die Frage, wo setzte ich meine Energie ein, und was kommt dabei heraus – hat mir zuletzt gefehlt. Das Landesgesundheitsamt hat in der Pandemie hauptsächlich eine Beratungsfunktion und wurde wenig in politische Entscheidungen eingebunden. Das ist hier im Kreisgesundheitsamt anders, hier sind wir aktiv und vernetzt in die Landkreistätigkeiten eingebunden und sehen täglich die unmittelbaren Folgen unseres Tuns. Für mich war der Wechsel eine gute Entscheidung, mir liegt diese Arbeit besser. Hilfreich ist, dass der Gesundheitsbereich im Kreis Ludwigsburg ein eigenes Dezernat ist. Das ist gut und hilfreich bei der Positionierung von Präventions- und Infektionsthemen.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, sagte kürzlich, der öffentliche Gesundheitsdienst sei geradezu kaputtgespart worden. Das räche sich in der Coronakrise.

Die Pandemie hat nach oben gespült, welche wichtigen Aufgaben der öffentliche Gesundheitsdienst hat und wie unzureichend er dafür ausgestattet ist. Ärzte und Ärztinnen im öffentlichen Gesundheitsdienst sind zudem die am schlechtesten bezahlten im deutschen Gesundheitssystem. Das hat zum aktuellen eklatanten Nachwuchsmangel geführt. Vor etwa fünf Jahren fingen wir an, bei öffentlichen Kundgebungen auf unsere Probleme aufmerksam zu machen, wurden aber kaum wahrgenommen. Erst durch die Pandemie ist bis hoch zur Bundesregierung angekommen, dass wir vernünftig ausgestattet werden müssen, nicht nur für die Pandemie-Sondersituation, sondern auch für unsere Regelaufgaben. Wir haben glasklare, handfeste Arbeitsaufträge, für die wir personell nicht ausreichend ausgestattet sind. Dazu kommt das große Manko, dass es keinen einzigen Universitäts-Lehrstuhl für die Bevölkerungsmedizin gibt. Unsere Themen müssten grundsätzlich ganz anders beforscht und mitgedacht werden.

Wie zum Beispiel?

Meine Vision ist, dass bei jedem Gesetz, bei jeder Verordnung nicht nur die finanziellen, sondern auch die gesundheitlichen Auswirkungen aufgeführt werden. Man sollte die Entwicklungsperspektiven, die Chancengleichheit und die Umweltbedingungen für die zukünftigen Generationen dezidiert mit einbeziehen. Wir bräuchten deutlich mehr Kapazitäten für Prävention. Wenn die Menschen gesünder leben, gibt es weniger lebensstilassoziierte Krankheiten wie Diabetes, Rücken- oder Gelenkbeschwerden. Das entlastet das System finanziell und personell, reduziert unser Demografieproblem und ermöglicht den Menschen, länger selbstbestimmt und unabhängig mit weniger Medikamenten und Hilfsmitteln zu leben.

Wie sind Sie selbst ins öffentliche Gesundheitswesen gekommen?

Als ich als junge Ärztin am Ulmer Uniklinikum schwanger wurde, sagte mir mein Chef, mit Kind hätte ich dort keine Perspektive mehr. Ich war dann mit Kind und Ehemann zwei Jahre in England und arbeitete dort als Ärztin. Nach meiner Rückkehr habe ich eher zufällig und, wie ich damals dachte, übergangsweise eine Stelle in einem Gesundheitsamt gefunden. Innerhalb weniger Monate war ich vom Arbeitsgebiet im Öffentlichen Gesundheitsdienst begeistert. Ich finde es unglaublich vielseitig, spannend und nah am Leben. Bevor ich in Leitungsfunktionen kam, habe ich selbst Tausende Einschulungsuntersuchungen gemacht, habe viele hygienische Begehungen oder Gutachten verschiedenster Art gemacht, bin in Brunnenschachtanlagen geklettert und habe viele Heilpraktikerprüfungen vorgenommen. Ich habe über die Jahre also alle Facetten und Aufgabenbereiche kennengelernt und ausgeübt.

Worum kümmert sich ein Gesundheitsamt – wenn gerade nicht Corona ist?

Im Kern geht es darum, Menschen ein gesundes und selbstbestimmtes Aufwachsen, Leben und Altern zu ermöglichen. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht der Mensch, wir beschäftigen uns mit allem, was seine Gesundheit beeinflusst. Dazu gehören zum Beispiel auch Stellungnahmen, Beratungen und Aktionen zu Umweltproblemen, Schadstoffen, Altlasten, Gesundheits- und Städteplanungen. Wir untersuchen Trink- und Badewasser und befördern Präventionsangebote verschiedenster Art. Das sind alles wichtige gesetzliche Aufgaben, die durch die unzureichende personelle Ausstattung nur teilweise erledigt werden können. Durch Corona mussten wir einzelne Bereiche teilweise komplett herunterfahren. Da entstanden große Rückstände, die alle wieder aufgearbeitet werden müssen.

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind aktuell mit der Pandemie beschäftigt?

Um die 250. Darunter sind rund 40, die von Haus aus im Thema Infektionen bewandert sind. Wir bekamen gute Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen aus anderen Dezernaten, die in Teilbereiche eingelernt wurden, einige wurden von extern befristet eingestellt. Es sind viele engagierte und lernbereite Helfer dabei, deshalb bekommen wir die Pandemie einigermaßen bewältigt. Besonders unsere angestammten Fachleute laufen aber seit Längerem am Anschlag. An ihnen hängt sehr viel. Zudem fehlen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die jetzt bei uns aushelfen, an ihren normalen Arbeitsplätzen.

Welche Aufgaben bringt Corona für Ihr Team mit sich?

Wir arbeiten im Krisenstab mit, erstellen Berichte und beraten. Wir kontaktieren und informieren Erkrankte, ermitteln ihre Kontaktpersonen und veranlassen die Anordnung von Quarantänen. Wir beantworten Fragen aus der Bevölkerung durch unsere Homepage und unsere Hotline. Wir beraten Schulen, Kitas und andere Einrichtungen, kümmern uns um Reiserückkehrer, beraten Ärzte, die Spezialfragen haben, wir überprüfen, wie viele und welche Tests die beauftragten Teststellen vornehmen. Es ist viel Arbeit. Aber ich hatte das Glück, in Ludwigsburg auf den schon fahrenden Dampfer aufsteigen zu können. Ich bin auf ein gut funktionierendes System mit ausgeklügelten Organisationsstrukturen gestoßen. Das hat mir den Einstieg sehr erleichtert.

Wie führen Sie als Tanker-Kapitänin?

Ich sehe mich nicht als Kapitänin. Ich bin eher der Führungstyp Mutter, bei mir spielt die Erkennung und Förderung von Fähigkeiten, die Teambildung und der Fürsorgegedanke eine große Rolle. Die männergeprägte Mär, dass Frauen nicht leitungsfähig seien, weil sie zu emotional sind, ärgert mich ziemlich, weil ich das für falsch halte. Mir sind meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jedenfalls sehr viel wert. Die Menschen sollen sich wohlfühlen und die Arbeit mit ihrem Privatleben in Einklang bringen können. Meine Erfahrung ist, dass sie sich dann auch im Beruf stark engagieren, viel leisten und zufrieden sind. Mir ist es außerdem wichtig, den Familienaspekt mitzudenken, auch in Führungsentscheidungen. Es wäre ein großer Zugewinn, wenn wir in der Landes- und Bundespolitik mehr Politikerinnen und Politiker hätten, die aktiv an der Familienarbeit beteiligt sind oder waren. Das sollte letztlich Strukturen befördern, die Beruf, Familie und Ehrenamt besser in Einklang bringen.

Die Kinder zählen in der Pandemie zu den größten Leidtragenden. Wurde das Augenmerk zu spät auf sie gerichtet?

Man hat zu Anfang sicher unterschätzt, was die pandemiebedingten Kontaktminderungen mit den Familien machen. Eltern können für Kinder keine Gleichaltrigen ersetzen. Es wurde zu wenig berücksichtigt, dass Kinder andere Kinder brauchen, um sich altersgerecht zu entwickeln. In Arbeits- und Wirtschaftsleben wurde so wenig wie möglich eingegriffen, während Kitas, Schulen und der Freizeitbereich schon früh stark eingeschränkt wurden. Leitend waren die virologischen und infektiologischen Aspekte. Die Positionen von Pädagogen, Psychiatern, Theologen und Gerontologen wurden zuerst wenig berücksichtigt, mit der entsetzlichen Folge, dass wir zum Beispiel Menschen isoliert haben sterben lassen. Daraus haben wir gelernt, das darf nicht mehr passieren.

In wie vielen Fällen lässt sich eigentlich nachvollziehen, woher die Ansteckung mit dem Virus kam?

Zwischen ein Drittel und die Hälfte der Fälle haben wir aktuell in Ausbrüchen, die meisten in Familien, der zweitgrößte Anteil ist das Arbeitsumfeld, danach kommen die Kitas und Schulen. Die größte Sorge machen mir die Infektionen, deren Quelle wir nicht kennen. Das sind derzeit leider mehr als die Hälfte der Fälle. Infektionen können beispielsweise beim Einkaufen oder bei sonstigen Zufallskontakten passieren. Möglicherweise begegnet man dort Menschen, die aktiv infektiös sind, aber gar keine Symptome haben. Das ist ja das Tückische an dem Virus.

Jetzt sind weitere Öffnungen in Sicht, obwohl die Inzidenzen noch lange nicht bei den von Ihnen erhofften Werten sind, sehr viele Menschen noch vergebens auf einen Impftermin warten und für Kinder noch gar keine Impfungen möglich sind. Macht Ihnen das Sorgen?

Aktuell bin ich sehr optimistisch, dass sich die Situation durch die Impfungen entspannt. Das wünsche und gönne ich uns allen, die Rückkehr zur Normalität mit allen Annehmlichkeiten und ungetrübten, angstfreien Sozialkontakten.

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