Der Waiblinger Tafelladen ist wegen des Coronavirus geschlossen und wird gründlich gereinigt. Foto: Gottfried Stoppel

Um Mitarbeiter und Kunden vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen, haben viele Tafeln im Rems-Murr-Kreis vorübergehend geschlossen. Die Erlacher Höhe fordert eine Erhöhung der Grundsicherung für alle Leistungsbezieher.

Waiblingen - Das Coronavirus trifft auch die Tafeln im Rems-Murr-Kreis: Im Laufe der vergangenen Woche schlossen die Einrichtungen in Weinstadt, Waiblingen, Schorndorf und Winnenden ihre Türen. Da viele der ehrenamtlichen Mitarbeiter aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe gehören, müsse man das Angebot vorübergehend einstellen, um die Menschen vor Ansteckung zu schützen, erklärten die Tafeln auf ihren Homepages.

Die Tafel in Fellbach, die zum Verein Schwäbische Tafel Stuttgart gehört, hat indes noch geöffnet, allerdings habe man auch hier alle Mitarbeiter, die einer Risikogruppe angehören, nach Hause geschickt, berichtet die Projektleiterin Ingrid Poppe. Da bei der Tafel in Fellbach aber auch Menschen tätig sind, die nicht zur Risikogruppe gehören – etwa Langzeitarbeitslose, die hier eine Arbeitsgelegenheit haben – und die trotz Corona weiterhin bereit sind zu arbeiten, könne man den Betrieb aufrechterhalten. „Weil unser Fuhrpark größer ist, können wir auch ein bisschen flexibler reagieren, wenn ein Fahrer ausfällt“, erklärt Poppe.

Kunden haben Verständnis

Um Mitarbeiter und Kunden vor Ansteckung zu schützen, habe man letztere allerdings in zwei Gruppen eingeteilt – je nach Anfangsbuchstabe des Nachnamens kann an unterschiedlichen Tagen eingekauft werden. Zudem werden immer nur kleine Gruppen auf einmal hereingelassen. „Dafür haben die Kunden viel Verständnis. Sie sind dankbar, dass wir überhaupt noch geöffnet haben“, sagt Poppe. Panisch reagiere hier niemand. Was den Nachschub an Lebensmitteln angehe, sei dieser bei Obst und Gemüse etwas verringert, offenbar bliebe in den Supermärkten derzeit weniger übrig.

Bislang kämen kaum Kunden der geschlossenen Tafeln nach Fellbach. „Viele haben gar nicht die Möglichkeit dazu – etwa Alleinerziehende, deren Kinder jetzt zu Hause sind oder Risikogruppen, die das Haus nicht verlassen dürfen“, erklärt Ingrid Poppe. Für viele sei eine Fahrkarte zu einem weiter entfernten Tafelladen auch einfach zu teuer – insbesondere jetzt am Monatsende, wenn das Geld knapp wird. Trotzdem gilt: „Jeder, der nachweislich bedürftig ist, kann kommen, wir weisen niemanden ab“, betont Poppe. Wichtig sei allerdings, dass die Kunden die Unterteilung in Gruppen berücksichtigen und sich vorher informieren, wann ihre Einkaufstage sind.

100 Euro mehr für Erwachsene gefordert

Angesichts der Corona-Krise fordert die Erlacher Höhe, dass die Grundsicherung für alle Leistungsbeziehenden kurzfristig und unbürokratisch erhöht wird, damit einkommensarme und wohnungslose Menschen nicht zusätzlich benachteiligt werden. Ihre Lage verschärfe sich in der gegenwärtigen Situation, erklärt Wolfgang Sartorius, der geschäftsführende Vorstand des diakonischen Sozialunternehmens. „Ein Drittel der Tafeln sind bereits geschlossen, ebenso unsere Mittagstische und Tagesstätten, und dies ist vielerorts so. Damit entfallen für einkommensarme und wohnungslose Menschen wichtige Bezugsquellen für Lebensmittel, aber eben auch Orte, an denen sich die Menschen aufhalten können.“ Zugleich stiegen die Preise für wichtige Güter in dem Maße, wie sie knapp werden – etwa Händedesinfektionsmittel, so Sartorius.

Deshalb schlägt die Erlacher Höhe eine vorübergehende Erhöhung der Grundsicherung um 100 Euro für Erwachsene und 80 Euro für Minderjährige vor. „Dahinter steht die Überlegung, dass 100 Euro ein nennenswerter Anstieg um knapp ein Viertel des Regelsatzes sind und zugleich eine Größenordnung, bei der es der Bundesregierung leichtfallen dürfte, dieser zuzustimmen“, erklärt der Vorstand der Erlacher Höhe.

Diakonie Württemberg schließt sich an

Das diakonische Sozialunternehmen selbst bemühe sich derzeit nach Kräften, seine Beratungsstellen und Notübernachtungen mit den entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen so lange wie möglich offen zu halten. An Stelle persönlicher Beratungsgespräche würden verstärkt technische Möglichkeiten wie Telefon oder Chatprogramme genutzt. „Zugleich versuchen wir kreative Lösungen zu finden, um bestmöglich zu helfen, wie dies zum Beispiel auch lokale bürgerschaftliche Gruppen tun. Aber es wird trotzdem sehr, sehr eng“, warnt Sartorius. Trotzdem: „Meine Hoffnung ist, dass uns die Corona-Krise als Gesellschaft neu zusammenrücken lässt und manche Gräben überbrückt werden, weil allen der Wert jedes einzelnen Menschen, der Wert von Leben und Gesundheit neu bewusst wird.“

Die Diakonie Württemberg erklärte vergangene Woche, sie unterstütze die Forderung der Erlacher Höhe. „Menschen mit geringem Einkommen geht es angesichts der Corona-Pandemie besonders schlecht, ihnen müssen wir schnell helfen“, sagte der Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg.

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