Süleyman Higde hat schlechte Erfahrungen gemacht. Ein neues Schild erklärt, warum er in seinen Copyshop nur noch Geimpfte einlässt. Foto: Gottfried Stoppel

Der Betreiber eines Copy-Shops in Backnang stellt ein Schild auf, auf dem er nur noch Geimpfte willkommen heißt. Bei Beschimpfungen im Internet bleibt es nicht.

Backnang - Das Schild liegt in Fetzen. „Irgendjemand muss es gestern Abend zerrissen haben“, ärgert sich Süleyman Higde. Jemand, der angesichts der Aufschrift ziemlich erbost gewesen sein muss. „Hier kommen Sie nur rein, wenn Sie geimpft sind und Maske tragen. Da sich manche Menschen nicht an die bundesweite 2G-Regel halten wollen, sehe ich mich dazu genötigt“, steht auf den Papierfetzen in schwarzen Lettern, wenn man sie wieder zusammensetzt. Es ist bereits das zweite Schild dieser Art, das Higde vor seinem Copyshop und Post aufgehängt hat. Das erste hat er selbst abgenommen, nachdem sich manche über dessen noch deutlichere Wortwahl beschwert hatten. „Sie hatten das ganze Jahr 2021 Zeit“, hatte auf diesem Banner gestanden.

„Immer wieder zeigen mir Leute den Stinkefinger“

Die Entscheidung des Ladenbetreibers, zumindest im Copyshop-Teil seines Geschäfts nur Geimpfte einzulassen, schlägt im Internet hohe Wellen. Nachdem jemand das erste Schild fotografiert und in einer lokalen Facebook-Gruppe gepostet hatte, brach ein Shitstorm über den 49-Jährigen herein. „Eigentlich interessiert mich das Internet nicht so sehr“, meint Higde. Als er dennoch nachsah, war er dann doch erschrocken: Zwar loben einige Leute seine Aktion, aber es gibt auch jede Menge Kritik. „Da ist wohl jemandem das Menschsein etwas kaputt gegangen“, schreibt jemand. „Ist genauso, als würde er sagen, hier dürfen keine Ausländer rein“, findet ein anderer Facebook-Nutzer. Andere werfen Süleyman Higde Spaltung der Gesellschaft vor oder vergleichen seine Aktion gar mit der NS-Zeit.

„Einer hat sogar dazu aufgerufen, mein Schaufenster einzuwerfen. Wissen die Leute nicht, dass sie damit eine Straftat begehen?“ wundert sich Higde. Angezeigt habe er den Mann aber nicht – Trubel herrsche wegen des Schilds genug. Zumal es nicht bei grottenschlechten Google-Bewertungen und Stimmungsmache auf Facebook bleibt: „Immer wieder zeigen mir Leute den Stinkefinger. Ich zeige dann halt zurück“, meint Higde und zuckt mit den Schultern. Erst an diesem Morgen habe wieder jemand die Situation von Ungeimpften mit jener von Juden im Dritten Reich verglichen.

In einem Teil des Ladens sind nur noch Geimpfte willkommen

„Es gibt auch einige Leute, die die 1G-Regel bei mir richtig gut finden, deshalb bleibe ich auch dabei“, sagt der Ladenbetreiber. Mit einer Einschränkung: nachdem sich jemand bei der Post beschwert hatte, gilt im Teil des Ladens, der dem Brief- und Paketversand gewidmet ist, 3G. Denn dieser Part des Geschäfts gehört zur Grundversorgung.

Immer wieder hat Süleyman Higde erlebt, dass Fremde mit fragwürdigen Maskenbefreiungs- oder Genesungs-Attesten in den Laden kamen. „Dann zeigten sie mir einen Wisch, den jeder in der kürzesten Zeit selbst machen kann“, sagt er. Er sei nicht imstande und nicht willens, diese Papiere zu kontrollieren – daher die Entscheidung, im Laden künftig 1G gelten zu lassen. „Manche haben ja wirklich eine Lungenkrankheit, aber diejenigen kenne ich inzwischen“, sagt er.

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Der 49-Jährige sagt: „Ich verstehe manche Leute nicht. Früher sind wir Schlange gestanden, um uns gegen Pocken impfen zu lassen. Und heute stehen die Leute stattdessen lieber immer wieder drei Stunden in der Kälte vor dem Testzentrum.“ Zumal diese zu Zeiten, in denen der Test kostenpflichtig war, wegen Besuchermangels geschlossen gewesen waren. „Jeder Test kostet den Steuerzahler 16 Euro – am Ende werden wir alle das bezahlen müssen“, echauffiert er sich.

Süleyman Higde will sich nicht unterkriegen lassen. Dass sein 1G-Konzept von anderen Ladenbetreibern in Backnang oder anderswo nachgeahmt wird, glaubt er nicht – „leider“, sagt er. Viele befürchteten, dadurch Kunden zu verlieren. „Ich selbst merke es an den Kundenzahlen aber nicht“, sagt er. Dann macht er sich wieder an die Arbeit. Schild Nummer drei muss gestaltet werden.

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