Warnt vor Ausgrenzung: Stephanie Aeffner, Behindertenbeauftragte des Landes Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Die Schließung von Werkstätten und Tagesbetreuungseinrichtungen stellt Behinderte und ihre Angehörigen vor große Probleme. Die Behindertenbeauftragte des Landes, Stephanie Aeffner, fordert mehr Unterstützung für die Betroffenen.

Stuttgart - Stephanie Aeffner muss derzeit viele Fragen beantworten: Eltern wollen wissen, wo sie Unterstützung für ihre Kinder finden, Mitarbeiter in Behinderteneinrichtungen sind auf der Suche nach Schutzkleidung.

 

„Schon im normalen Alltag ist das Leben für Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen schwierig, die Coronapandemie fordert viele Familien nun rund um die Uhr“, sagt die Behindertenbeauftragte des Landes. Gleichzeitig warnt sie davor, schon jetzt über so genannte Exit-Strategien zu diskutieren, die vorsehen, dass die Einschränkungen für Jüngere gelockert werden, während Ältere streng abgeschirmt werden sollen. „Corona ist nicht nur ein Risiko für alte Menschen, auch Jüngere mit Vorerkrankungen sind gefährdet.“ Die Gesellschaft dürfe jetzt nicht in Gruppen aufgeteilt werden, die gebraucht oder nicht gebraucht würden. Eine soziale Isolation verstärke die psychischen Belastungen.

Werkstätten sind geschlossen

Wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus sind Werkstätten, ambulante Tages- und Nachtpflegeeinrichtungen und Sonderschulen mittlerweile geschlossen. Die rund 35 000 Behinderten, die in der Regel tagsüber in den etwa 400 Werkstätten arbeiten, müssen nun den ganzen Tag in ihren Wohngruppen bleiben oder von ihren Familien betreut werden.

Gleichzeitig fallen Pflegekräfte weg – zum Teil auch, weil sie aus Furcht vor Ansteckung in ihre Heimat zurückkehren und keine neuen kommen. Assistenzkräfte, die Behinderte in der Schule oder bei der Arbeit unterstützen, werden nicht mehr bezahlt.

Finanzielle Nöte

Dazu kommen oft noch finanzielle Probleme – etwa, weil Eltern unbezahlten Betreuungsurlaub nehmen müssen. Oder weil Essenszuschüsse gestrichen werden. In den Werkstätten erhalten Behinderte dafür drei Euro pro Tag – die fehlen ihnen nun. Das trifft vor allem Personen, die sich nicht selbst versorgen können. „Diejenigen, die von Sozialhilfe leben, können sich kein Essen auf Rädern leisten“, berichtet Aeffner. Aus ihrer Sicht sollten die Pflegekassen Familien unterstützen, indem sie ihnen ermöglichen, derzeit nicht benötigte Gelder für die Verhinderungs- oder Kurzzeitpflege abzurufen. „Im derzeitigen Krisenfall sollten wir erlauben, dass diese auch Familien finanzieren. Normalerweise geht das Geld an die sozialen Dienste, doch viele stehen zur Zeit gar nicht zur Verfügung.“

Fehlende Schutzausstattung

Ein großes Problem für die Behinderteneinrichtungen ist das Thema Schutzausstattung. Anders als etwa Krankenhäuser wurden sie nicht in die Gruppe derer aufgenommen, die vorrangig mit Schutzkleidung, Gesichtsmasken oder Desinfektionsmitteln beliefert werden sollen. Dabei sind viele Körperbehinderte auf Pflege angewiesen – und haben damit wie die Pflegekräfte selbst ein höheres Ansteckungsrisiko.

Probleme gibt es aber auch bei Pflegekräften, die selbst zu den Risikogruppen zählen, etwa weil sie unter chronischen Atemwegserkrankungen leiden, und nun dringend gebraucht werden. Eigentlich hätten sie nach dem Infektionsschutzgesetz Anspruch auf Lohnfortzahlung, doch weil die Gesundheitsämter überlastet seien, könnten solche Fragen nicht schnell genug geklärt werden, sagt Aeffner. „Die Ämter und die Landesregierung tun ihr Bestes, aber in dieser Krisensituation ist es schwierig, alle im Blick zu haben.“ Aus dieser Erfahrung müssten Lehren für die Zukunft gezogen werden, fordert sie: „Wir dürfen die Daseinsvorsorge nicht dem Markt überlassen. Wir brauchen klare Standards. Und die Pflegeberufe müssen endlich angemessen bezahlt werden.“

Verständlichere Informationen

Mit den Nöten von Menschen mit vielerlei Einschränkungen hat auch Jutta Pagel-Steidl täglich zu tun. „Die Situation beängstigt viele, manche wissen gar nicht genau, worum es geht und wie sie sich verhalten sollen“ , sagt die Geschäftsführerin des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung. Dass Ansprachen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu Corona jetzt auch von einem Gebärdendolmetscher für Menschen mit Hörbehinderungen übersetzt werden, sei ein wichtiger Schritt, reiche aber noch nicht.

Alle wichtigen Informationen zu der Pandemie – etwa zu Verhaltensregeln oder Schutzmaßnahmen – müssten auch zügig in einfacher Sprache übermittelt werden. „Viele Menschen in Heimen oder betreuten Wohngruppen verstehen nicht, warum sie ihre Angehörigen nicht mehr treffen dürfen, und auch vielen Angehörigen fällt es schwer, auf Besuche vorerst zu verzichten.“

Rasch geklärt werden müssten aber auch Finanzfragen, etwa, wie Behinderte bezahlt werden, die jetzt nicht mehr in Restaurants oder Hotels arbeiten könnten, oder wie Schul- und Arbeitsassistenten die Krise überbrücken können.