Was denn nun? Unsere Berichterstattung über Corona löst bei unseren Online-Leserinnen und -Lesern regelmäßig Diskussionen aus, bei denen es sich lohnt einmal genauer nachzufragen.
Esslingen - Es ist schwer, in der Corona-Krise den Überblick zu behalten. Seit Monaten werden täglich neue Zahlen und Statistiken veröffentlicht. Für jede Stadt, jeden Kreis, jedes Land. Aber worauf beziehen sich die Zahlen eigentlich genau? Wie werden sie ermittelt und was lässt sich daraus tatsächlich ableiten und begründen? Die Reaktionen auf unseren Artikel „Ein Viertel der Infektionen bei Kindern und Jugendlichen“ haben uns dazu veranlasst, der Sache auf den Grund zu gehen. Wir haben uns den Fragen unserer Leserinnen und Leser angenommen und noch einmal beim Robert-Koch-Institut, beim Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg und beim Landratsamt Esslingen nachgefragt. In unserem Faktencheck haben wir die Antworten zusammengefasst.
„Infiziert! Wieviele sind davon tatsächlich krank?“ – „Wie viele Kinder zeigen überhaupt Symptome?“
Alle Personen, auch Kinder, können unabhängig davon, ob sie infiziert oder erkrankt sind, den Erreger auf andere Personen übertragen. Als infiziert gilt im Sinne des Infektionsschutzgesetzes eine Person dann, wenn sie den Krankheitserreger in sich aufgenommen hat und dieser sich im menschlichen Organismus entwickelt oder vermehrt. Als krank gilt die Person erst, wenn durch den Krankheitserreger eine Krankheit verursacht wird. Auch jüngere Personen ohne Vorerkrankungen und Kinder können schwer an Covid-19 erkranken oder Spätfolgen erleiden.
Im Rahmen der Fallermittlung wird durch das Gesundheitsamt erfasst, ob und welche Symptome vorliegen. In die Sieben-Tage-Inzidenz fließen alle Infizierten – mit und ohne Symptome – ein. Laut Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg liegen derzeit bei 72,7 Prozent der infizierten Kinder Symptome vor, die für Covid-19 bedeutsam sind. Bei den infizierten Erwachsenen sind es 85 Prozent. Eine Aussage zur Schwere der Symptomatik ist nicht möglich. Dem Gesundheitsamt in Esslingen wurden im gesamten Erfassungszeitraum seit dem 3. März 2020 insgesamt 52 positive Testergebnisse von Kindern gemeldet, die aufgrund einer Covid-19 Erkrankung im Krankenhaus stationär behandelt wurden.
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„Positiv getestet heißt nicht infiziert oder krank!“
Positiv getestet bedeutet, dass ein positiver PCR-Test auf Sars-CoV-2 vorliegt. Das heißt, dass eine Infektion vorliegt. Eine Infektion verursacht nicht immer eine Krankheit mit Symptomen.
„Wie viele haben das RS-Virus?“
Das RS-Virus ist ein Erreger von akuten Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege. Er ist vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern der häufigste Auslöser von schweren Atemwegsinfektionen. Ältere Kinder und Erwachsene entwickeln in der Regel nur leichte erkältungsähnliche Symptome durch den Erreger. Das RS-Virus ist keine nach dem Infektionsschutzgesetz meldepflichtige Erkrankung, daher liegen den Gesundheitsämtern hierzu keine Zahlen vor.
„Erstaunlich, dass die über 60-Jährigen nur einen Anteil von sieben Prozent bei den Neuinfizierten haben. Sollte das womöglich daran liegen, dass diese Gruppe zu 85 Prozent geimpft ist?“
Ja, die Impfung wirkt. Nur wenige Monate zuvor, im Januar 2021, betrug der Anteil der über 60-jährigen an allen Fällen 27 Prozent, das sind jetzt 20 Prozentpunkte weniger. Der Anteil der Kinder- und Jugendlichen betrug am Jahresanfang 10 Prozent.
„Warum sind dann so wenig über 60-Jährige infiziert, obwohl diese Gruppe größer ist als die von Kindern und Jugendlichen?“
Die Impfquote vollständig Geimpfter in der Altersgruppe der über 60-Jährigen beträgt in Baden-Württemberg zum Stand 1. September 2021 fast 82 Prozent. Daher sind sie gut geschützt und erkranken nicht so häufig.
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„Es sollte sich mittlerweile rumgesprochen haben das die Impfungen vor schweren Verläufen schützen können.“
Diese Aussage ist korrekt. Die Daten aus den Zulassungsstudien und Beobachtungsstudien insbesondere aus Großbritannien und Israel zeigen, dass alle verfügbaren Covid-19-Impfstoffe hochwirksam gegen schwere Verläufe von Covid-19 sind. Das bedeutet, selbst wenn man erkranken würden, wäre das Risiko, schwer zu erkranken, sehr gering.
„Es sollte sich mittlerweile rumgesprochen haben, dass diese Impfungen nicht gegen Infektionen schützen.“
Das ist so nicht korrekt. Die Impfung kann laut der genannten Studien vor Infektionen mit schweren Krankheitsverläufen schützen.
„Die Impfung hemmt Infektionen. Kann sie aber nicht zu 100 Prozent verhindern.“
Keine Impfung schützt zu hundert Prozent. Das RKI schreibt hierzu, dass die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken, bei den vollständig gegen Covid-19 geimpften Personen um etwa 95 Prozent geringer ist als bei den nicht geimpften Personen.
„Wie viele Kinder sind bisher an Corona gestorben?“
In Baden-Württemberg wurden nach Daten des Lageberichts des Landesgesundheitsamtes seit 4. März 2020 bisher sechs Fälle in der Gruppe der 0-9-Jährigen an oder mit Covid-19 verstorbenen Kinder erfasst. In der Gruppe der 10-19-Jährigen wurden keine Todesfälle gemeldet. Im Vergleich dazu gab es in der Gruppe der 80-89-Jährigen im selben Zeitraum 4654 Personen, die mit oder an Covid-19 verstorben sind. Im Landkreis Esslingen wurde dem Gesundheitsamt im gesamten Erfassungszeitraum bisher nur eine Person unter 18 Jahren mit Vorerkrankung gemeldet, die mit oder an Covid-19 verstorben ist.
„Nicht infiziert, sondern Positivgetestete! Und mit hoher Wahrscheinlichkeit falschpositiv!“
Grundsätzlich gilt: Alle Fälle, die in der Statistik gezählt werden, haben einen positiven PCR-Test. Anders als bei Antigen-Schnelltests gibt es bei PCR-Tests kaum falsche positive Testergebnisse. Ein positiver PCR Test bedeutet den Nachweis einer Infektion bei der betroffenen Person. Bei einem positiven Antigen Schnelltest muss dieser aufgrund der geringeren Spezifität durch eine PCR-Untersuchung bestätigt werden und fließt erst dann in die Statistik des Landesgesundheitamtes ein. Antikörper Testungen fließen nicht in die Statistik ein.
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„Und die Geimpften sind auch mit dabei, sogar mit starken Symptomen!?“
Im gesamten Erfassungszeitraum seit Beginn der Impfungen am 27. Dezember 2020 wurden im Landkreis Esslingen bei derzeit 304 464 vollständig immunisierten Personen insgesamt 202 Impfdurchbrüche mit Symptomatik gemeldet. Von den COVID-19 Fällen, die in Baden-Württemberg im Krankenhaus behandelt werden, sind es aktuell 14 Prozent Impfdurchbrüche und 86 Prozent ohne Impfschutz. Legt man die Anzahl Geimpfter und Ungeimpfter zugrunde, ist das Risiko an Covid-19 zu erkranken und hospitalisiert zu werden, für Ungeimpfte ungefähr 10x so hoch wie für vollständig Geimpfte.
Mehr zum Thema im Internet
Fragen und Antworten des Robert-Koch-Instituts zu Covid-19
Informationen des Robert-Koch-Instituts zu Antigentests (PDF)
Lagebericht des Landgesundheitsamtes Baden-Württemberg zu Covid-19