Die Kliniken Calw haben mit einem massiven Corona-Ausbruch zu kämpfen. Foto: Bernklau

Nach dem massiven Corona-Ausbruch an den Kliniken Calw stehen etwa 800 Personen unter Quarantäne. Aufgrund der rasanten Ausbreitung ist die Sorge groß, dass es sich um eine Mutation des Virus handeln könnte. Ein Patient kritisiert nun die Hygienemaßnahmen, die er erlebt haben will.

Kreis Calw - Als Dieter Mässelhäuser am Montagmorgen Zeitung liest, hat er ein ungutes Gefühl. Denn bei der Lektüre erfährt er von dem Corona-Ausbruch im Calwer Krankenhaus. Erste Fälle waren dort bereits am vergangenen Mittwoch aufgetreten. Wie massiv das Problem ist, hatte sich dann am Freitag gezeigt: 63 Personen, vor allem Mitarbeiter, wurden positiv auf Corona getestet. Mässelhäuser, 88 Jahre alt und aus Stammheim, war am Donnerstag für eine Untersuchung in der Klinik. Was er über die Hygienevorschriften liest, die dort laut Landrat Helmut Riegger angewendet werden, das will so gar nicht zu seinen Erfahrungen passen. Diese führen eher dazu, dass er vom Ausbruch nicht überrascht ist.

 

Patienten kritisieren Umgang mit Hygienevorschriften

An der Pforte sei er informiert worden, dass im ersten Stock seine Temperatur gemessen werde, erinnert sich Mässelhäuser. Er fährt hoch und wartet. "Ich war muttermaus allein. Da war gar niemand." Weil sich daran auch nichts ändert, begibt sich der Patient ohne Fiebermessung zu seiner Untersuchung. Auch dabei sind seine Temperatur oder ein möglicher negativer Coronatest kein Thema.

"Von wegen Vorsichtsmaßnahmen", sagt der Stammheimer. "Die fanden bei mir nicht statt." In Wirklichkeit habe man nach Belieben rein- und rauslaufen können aus dem Krankenhaus.

Auch Barbara Münchau aus Hochdorf kann sich nicht daran erinnern, dass ihre Temperatur gemessen wurde. Wie Mässelhäuser war sie vorige Woche, am 1. Februar, zu einer Untersuchung in Calw. Auch von einem negativen Coronatest, wie eigentlich seit just diesem Tag für Besucher gefordert, sei nie die Rede gewesen. "Jetzt im Nachhinein mach ich mir mächtig Gedanken", sagt die 71-Jährige. Als Tierärztin weiß sie Bescheid über die Inkubationszeit: Wenn am Mittwoch die ersten Coronafälle bekannt wurden, dann waren die Infizierten am Montag bereits ansteckend. Von der Klinik, obwohl sie ihre Kontaktdaten in einem Corona-Formular hinterlassen hat, hört Barbara Münchau nichts. Also ruft sie am gestrigen Montag dort an. "Es waren keine besonders beglückenden Nachrichten, weil mir keiner sagen konnte, was jetzt passiert."

Auch ihr Anruf bei der Hotline des Gesundheitsamts bringt sie nicht viel weiter. Barbara Münchau will sich testen lassen. Sie erfährt, dass sie online einen Termin machen soll, dafür aber gegebenenfalls bis Dobel fahren muss. Dass das DRK Schnelltests anbietet, ist zwar bekannt, welches Rote Kreuz aber für sie zuständig ist, das lässt sich an der Hotline nicht in Erfahrung bringen.

Münchau erwartet eigentlich, dass sie in solch einer Situation "medizinisch geschulte" Antworten bekommt bei einem Anruf im Gesundheitsamt. "Wenn man jetzt nicht aufpasst, dann geht das wirklich wie ein Schneeballsystem rum." Kurzerhand ruft sie ihren Hausarzt an – und der testet sie. Bis das Ergebnis vorliegt – die Tierärztin rechnet bis Mittwoch damit – bleibt die Sorge vor einer Ansteckung.

Zumindest innerhalb der Klinik ist es offenbar zu keinen weiteren Infektionen gekommen. Es bleibt bei den 53 betroffenen Mitarbeitern und den zehn positiv getesteten Patienten – am Sonntag war seitens des Landkreises noch von zwölf die Rede gewesen – von Freitag.

Diffuses Geschehen: unterschiedlichste Berufsgruppen betroffen

"Das Ausbruchsgeschehen ist diffus und streckt sich über mehrere Bereiche sowie über unterschiedlichste Berufsgruppen, sowohl pflegerisch, ärztlich aber auch vereinzelt in Service- und Verwaltungsbereichen", berichtet Janina Müssle, die Pressesprecherin des Landkreises Calw. Noch lässt sich nicht nachvollziehen, wie es zu dem Ausbruch gekommen ist.

Als Reaktion darauf hatte Florian Kling, Oberbürgermeister von Calw und damit Chef der Ortspolizeibehörde, die Quarantäne für rund 320 betroffene Mitarbeiter und ihre Angehörigen erlassen. "Es ist natürlich brutal schwer, sowas zu entscheiden", sagt Kling. "Vor allem, weil es die trifft, die unser Gesundheitssystem am Laufen halten." Vorerst einmal bis Mittwoch stehen um die 800 Personen unter Quarantäne.

Der Grund für diese weitreichende Maßnahme ist, dass es sich angesichts der schnellen Verbreitung des Virus in der Klinik um eine Mutante handeln könnten. Eine Bestätigung dafür gibt es noch nicht. Stand Montagnachmittag lagen erst "einige wenige Testergebnisse, die bisher keine Mutationen aufweisen". Laut Müssle hofft die Behörde, die die weiteren Testergebnisse spätestens am Dienstag zu erhalten.

Die Reaktionen der Klinikmitarbeiter auf die Pendlerquarantäne – sie dürfen ihre Wohnung nur verlassen, um zu Arbeit zu gehen – fällt gemischt aus. Die einen würden die harte Maßnahme verstehen, sagt OB Kling. "Sie sagen: ›Wir halten das aus und halten den Laden am Laufen.‹" Die anderen haben wenig Verständnis, dass auch ihre Familien mit hineingezogen werden. Solche Beschwerden kommen auch in der Stadtverwaltung an.

"Trotz aller Hygienevorschriften könne das passieren"

Der Oberbürgermeister hat Verständnis: "Das ist natürlich eine sehr anstrengende Situation." Auch Dienstpläne müssen dabei kurzfristig verändert werden. So wird versucht, vor allem die Mitarbeiter einzusetzen, die am Freitag bereits im Dienst waren, damit die Pendler-Quarantäne nicht noch mehr Personen trifft. Für alle betroffenen Mitarbeiter, die sonst keine Unterstützung haben, hat die Stadt einen Einkaufsservice eingerichtet.

Dass es das Krankenhaus so hart trifft, überrascht den Rathaus-Chef nicht unbedingt. "Wir haben ja fast alles Leben abgeriegelt". Schulen, Kindergärten und die meisten Geschäfte sind zu. Wenn irgendwo viele Menschen nah zusammenkommen, dann sei es in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Trotz aller Hygienevorschriften könne das passieren.

Die Kritik, dass Hygienemaßnahmen lasch gehandhabt werden im Calwer Krankenhaus, weist Ingo Matheus, Unternehmenssprecher des Klinikverbunds Südwest, zurück. So herrsche ein strenges Besuchsverbot. "Parallel wurden alle Mitarbeiter und Patienten PCR-getestet, eine zweite Testreihe startet in den nächsten zwei Tagen." Eine dritte schließe sich möglicherweise an.

Außerdem würden weder stationäre noch ambulante Patienten "der Testpflicht im Eingangsbereich gemäß der neuen Coronaverordnung des Landes Baden-Württemberg" unterliegen. Allerdings würden stationäre Patienten "regelhaft PCR-getestet, bei den ambulanten erfolgt bei Bedarf ein Schnelltest". Und weiter: "Zudem tragen sowohl Mitarbeiter als auch Patienten FFP2-Masken."

Darüber hinaus kann sich laut Janina Müssle jeder Mitarbeiter im Klinikverbund "jederzeit gänzlich ohne Vorgaben oder Gründe auf Eigeninitiative testen lassen". Dazu kommen die regelmäßigen Testungen von Mitarbeitern, die etwa in Bereichen mit Covid 19-Patienten, tätig sind.

Bisher 200 Erkrankte wegen Covid 19 in Hesse-Stadt behandelt

Seit Beginn der zweiten Welle wurden durchgehend solche Patienten in Calw versorgt, sowohl intensivmedizinisch, als auch auf der Isolierstation. Seit Beginn der Pandemie waren es insgesamt 200. "Insofern herrscht viel Erfahrung im Umgang mit hochinfektiösen Patienten", erklärt Janina Müssle. Derzeit liegen vier Corona-Patienten auf der Intensivstation. Sie werden alle beatmet.

Dagegen geht es infizierten Klinik-Mitarbeitern "überwiegend gut, vereinzelt haben die Beschäftigten Krankheitssymptome". Die Stimmung unter den Mitarbeiterin der Kliniken Calw ist laut Ingo Matheus "angesichts der aktuellen Umstände berechtigterweise angespannt, dennoch gehen die Mitarbeiter sehr professionell mit der Situation um".

Von Gerüchten, dass es innerhalb der Belegschaft gar zu Streikaufrufen gekommen sei, "liegen uns keine Erkenntnisse vor". Bisher seien alle Schichten besetzt gewesen und alle Mitarbeiter zum Dienst erschienen.

Dieter Mässelhäuser, der 88-jährige Stammheimer, der vom Ausbruch gelesen hat, macht sich Sorgen angesichts dessen, was in der Klinik passiert. Einen Termin in Calw am Montagnachmittag hat er sicherheitshalber abgesagt. Was, wenn er sich im Krankenhaus infiziert hat? Das ist seine eine Sorge. Die andere wächst angesichts der Ereignisse in der Hesse-Stadt: Trotz vieler Versuche hat er noch immer Impftermin.

Nach Angaben des Landkreises haben erst rund 120 der 600 Klinik-Mitarbeiter in Calw eine Impfung erhalten – so gut wie alle lediglich die erste Dosis. Zudem teilt Pressesprecherin Janina Müssle mit: "Die große fachliche Diskussion aktuell bundes- und weltweit ist ja, dass eben noch nicht klar ist, ob Geimpfte nicht doch Überträger sein können und somit dann auch bei Tests positiv sind. Letztlich ist die Impfung momentan eine Schutzimpfung für den jeweils Geimpften." Start der Mitarbeiterimpfungen war am 29. Januar im Kreisimpfzentrum Calw. Verimpft wurde der Stoff von Biontech. Außerdem seien einzelne Mitarbeiter auf eigene Initiative hin bereits in den zentralen Impfzentren gewesen. Die zweiten Impfungen stehen demnach in den kommenden Tagen und Wochen an. Der Impfschutz ist erst mit der zweiten Dosis komplett. Die Impfbereitschaft sei "extrem hoch". "Viel mehr Mitarbeiter wollen sich aktuell impfen lassen, als es Impfstoff gibt." Müssle weist darauf hin, dass derzeit nur Mitarbeiter aus der ersten Priorisierungsgruppe zugelassen sind. Solche, die etwa auf Covid- oder Intensivstationen arbeiten.