Im Team arbeiten, Foto: Philipp Rothe

Das Projekt „Cook Your Future“ soll Flüchtlingen beim Einstieg in eine Berufsausbildung helfen. Die Inititative in Heidelberg gibt es seit zwei Jahren. Das Land findet das preiswürdig.

Heidelberg - Aisha Zalloukh laufen die Tränen übers Gesicht, die Wimperntusche rinnt ihr über beide Wangen. „Ich kann gleich nicht mehr“, schnieft sie und läuft zum Wasserhahn. „Ja ja, man muss viel leiden in diesem Kurs“, sagt der Koch Frank Nuscheler und lacht. Aber es hilft nichts, die Zwiebeln müssen noch kleiner gehackt werden: „Versuch es einmal etwas professioneller“, rät ihr der Lehrer. Die 34-Jährige, die mit ihrem Mann und drei Kindern aus Syrien geflohen ist und seit drei Jahren im Rhein-Neckar-Kreis lebt, ist eine versierte Hausfrau. Aber Zwiebeln für gut 60 Grünkern-Burger zu schneiden, bringt sie vorübergehend an ihre Grenzen. „Ich habe das Kochen schon von meiner Mutter gelernt, ich mache es gern“, erzählt sie. Nun, wo alle Kinder in die Schule gehen, soll mehr daraus werden: ein richtiger Beruf und Broterwerb. Aisha Zalloukh möchte Konditorin werden.

Seit knapp drei Monaten trifft sie sich deshalb mit einer kleinen Gruppe anderer Flüchtlinge und dem Koch und Cateringunternehmer Frank Nuscheler jeden Morgen in der Küche eines Heidelberger Bürgerzentrums. Da wird gekocht, gebraten, gebacken und nebenher Deutsch gelernt. Außer den Grünkern-Burgern werden heute Brötchen mit Koriander und Falafel-Bällchen samt Sesampaste für einen Catering-Auftrag zubereitet. „Es ist wichtig, dass wir hier nicht nur Klein-Klein machen, wie in der Familie, sondern richtig ins Produzieren kommen; die Leute müssen lernen, sich wieder selbst zu organisieren, gleichzeitig mehrere Dinge im Blick zu haben“, erklärt Nuscheler.

Etwa Dreiviertel der Kursteilnehmer halten durch

„Das ist kein Kochkurs“, sagt auch Ursula Hummel; die Deutsch- und Fremdsprachenlehrerin der Heidelberger Hotelfachschule hat das Ausbildungsprogramm zusammen mit dem Koch entwickelt. „Cook Your Future“ heißt das Projekt, das Menschen nach einer oft langen Flucht und dem untätigen Leben in Gemeinschaftsunterkünften eine erste Perspektive für das Berufsleben geben will. Seit zwei Jahren bietet die Heidelberger Jugendagentur die Kurse an, finanziert werden sie überwiegend vom Job-Center. „Unser Hauptziel ist es, dass die Teilnehmer in Arbeit kommen. Aber sie sollen nicht nur an der Spüle stehen, sondern eine richtige Ausbildung machen, die ihnen berufliche Chancen eröffnet“, erklärt Hummel.

In zwölf Wochen will „Cook Your Future“ die Grundlagen für eine Arbeit im Gaststätten- und Hotelgewerbe oder einer Kantine vermitteln. Nicht alle hielten durch, etwa ein Viertel der Teilnehmer höre vorzeitig auf oder müsse gehen, weil sie nicht pünktlich seien oder mit der Arbeit nicht klar kämen. „Das Kochen ist ein gutes Instrument zur Teambildung. Zugleich sieht man schnell ein Ergebnis – das ist wichtig. Denn wenn man so lange weg ist von dem Arbeitsleben und oft auch nur wenig zur Schule gegangen ist, dann drückt das aufs Selbstwertgefühl, die Schwellenangst wächst und oft auch die Lethargie“, sagt Hummel.

Integrationspreis der Landesregierung

44 Flüchtlinge im Alter zwischen 19 und 34 Jahren haben bisher an einem der vier Kurse teilgenommen. 30 von ihnen haben bis zum Schluss durchgehalten. Bis auf fünf von ihnen machen inzwischen alle eine Ausbildung oder haben eine Arbeit, manche im gastronomischen Bereich, manche auch in der Alten- und Krankenpflege, im Gartenbau oder als Lagerarbeiter. Zur Bilanz gehört aber auch: Einer der erfolgreichen Teilnehmer wurde abgeschoben, ein zweiter ist davon bedroht.

Großes Lob für das Projekt gab es von der Landesregierung: Ende Mai hat „Cook Your Future“ einen der ersten Integrationspreise gewonnen. Damit würdigt das Land das Engagement von Initiativen, die Geflüchtete unterstützen. „Sie greifen mit Ihren Projekten wichtige Herausforderungen auf, Sie sind Impulsgeber und zeigen, dass Integration gelingt, wenn alle an einem Strang ziehen“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne).

Ein Weg in die Ausbildung oder zu einer Arbeitsstelle

Mit Cook Your Future werden Berufsneulinge nach ihrer Flucht auf die gastronomische Praxis vorbereitet. Ziel ist es, Geflüchteten eine Ausbildung und Arbeit zu geben und zugleich den chronischen Fachkräftemangel in der Branche zu mildern. Träger ist die Jugendagentur in Heidelberg, die sich um die Eingliederung benachteiligter Jugendlicher kümmert.

Als der Integrationspreis des Landes Ende Mai erstmals vergeben wurde, hat die Heidelberger Initiative den ersten Platz in der Kategorie Zivilgesellschaft errungen. Erste Preise in zwei weiteren Kategorien gingen an das Café Morlock in Esslingen für sein integratives Beschäftigungsprojekt und an die Stadt Ravensburg für ihr Engagement für Migranten.

Das Projekt wird unter anderem von der Stadt Heidelberg, der Arbeitsagentur, der Industrie- und Handelskammer und einer Reihe von Gastronomiebetrieben der Region unterstützt. Bisher absolvierten 44 Teilnehmer das Programm, von denen die meisten aus Syrien kommen; weitere stammen aus Afghanistan, Pakistan, Eritrea, Gambia und Kamerun.

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