Diesen Container gestalten Flüchtlinge Foto: Jan Reich

Der Raum in Stuttgart ist knapp. Wohnen, arbeiten, lernen, sporteln, einkaufen, ausgehen, für all dies soll Platz sein. Damit beschäftigen sich die Künstler von Contain’t. Sie wollen die Grenzen zeitweiligen Bauens ausloten. Wie schwer das ist, zeigen sie nun selbst. Sie sollen Eidechsen weichen.

Stuttgart - Albert Einstein hat recht. Zeit ist relativ. Die 420 Mitglieder des Kulturvereins Contain’t erfahren dies gerade leidvoll. Aus vier Jahren sind für sie vier Monate geworden. 2012 sind sie auf die Brache am ehemaligen Güterbahnhof Bad Cannstatt gezogen, doch erst jetzt, „nach drei Jahren Frustrationserfahrung“, wie Vorstand Marco Trotta sagt, und kurz vor dem Auslaufen des Pachtvertrags Ende 2015, können sie sich ihrer eigentlichen Idee widmen: Modelle zu entwickeln, wie eine Stadt auch aussehen kann, mit beweglichen, stets veränderbaren Räumen. Seit September stehen auf dem Gelände nun die Container, die sie umgebaut und aufgepeppt haben.

Arbeit mit Flüchtlingen

Einen haben sie gemeinsam mit den Flüchtlingen aus der Nachbarschaft gestaltet, Sofas stehen darin, eine Lampe, die Wände nutzen sie als Regale und als Tafel. Sie nutzen ihn etwa für den Deutschunterricht. In zwei Containern arbeiten Architekten, weitere werden ausgebaut, damit man dort zeitweise arbeiten kann. „Space-Sharing-Concept“ nennt man das. Viel Mühe und viel Arbeit haben sie reingesteckt, und das für nur vier Monate?

Natürlich nicht. Deshalb feiern sie am heutigen Samstag von 16 Uhr an das Opening und Closing gleich zusammen. Es wird also eröffnet und gleich wieder geschlossen Das soll ein Zeichen sein. Trotta: „Wir möchten weitermachen.“ Dabei wollen ihnen die Grünen im Gemeinderat helfen. In einem Antrag fordern sie eine „längere Nutzungszeit für contain’t“.

Eidechsen haben Vorrang

Da ist bisher allerdings der Artenschutz vor. Denn was dem Juchtenkäfer recht ist, ist der Zauneidechse billig. Die muss man nämlich schützen, koste es was wolle. Auf dem Gelände sollen gut 400 Wohnungen entstehen. Frühestens 2019 will man damit beginnen. Doch sind die Eidechsen im Weg, sie dürfen nicht unter die Räder kommen. Also muss man sie vergrämen.

Ein tolles Wort, eines, das man selbst unter Artenschutz stellen muss. Es meint, man sorgt durch heiße Folien dafür, dass die Eidechsen umziehen. Die Widerspenstigen fängt man mit Schlingen. Momentan leben die Eidechsen auf einer Brache. Weil eine angrenzende Halle nächstes Jahr abgerissen wird, sollen sich die Eidechsen aufs Contain’t-Gelände vergrämen. Um Ende 2016 nach dem Abriss einer Papierrecyclingfirma einige Meter weiterzuziehen, an ihre neue Heimat an den Bahndamm. Danach liegt die Fläche brach bis 2019.

Neue Lösung gesucht

Statt Eidechsen und Künstler zu vergrämen, hoffen Trotta und die Grünen nun auf eine andere Lösung. „Östlich und südlich des Geländes sind noch freie Flächen verfügbar, die artenschutzrechtlich akzeptabel erscheinen“, heißt es in dem Antrag. Grünen-Stadtrat Björn Peterhoff ergänzt: „Warum soll Contain’t das Gelände nicht weiter nutzen? Es wird bis 2019 nicht gebraucht.“ Zudem sei vieles nicht rund gelaufen, auch auf Seiten der Verwaltung.

So haben es Trotta und Kollegen auch empfunden. Er drückt es anders aus: „Wir waren manchen ein Dorn im Auge.“ Der Ärger ist groß, und man merkt, dass er sich auf die Zunge beißen muss, um nicht lauthals zu schimpfen. „2011 hat der Gemeinderat beschlossen, dass wir hierher dürfen, im Juli 2015 haben wir die Baufreigabe bekommen.“ Woran lag das?

Von der Verwaltung gebremst

Blenden wir noch einmal zurück: 2012 zog der Kern der Künstler vom Nordbahnhof hierher, weil es hieß, die Bahn brauche das Gelände bei den Wagenhallen. Die Ironie der Geschichte ist, dass die Waggons dort immer noch stehen, weil die Gleise erhalten bleiben, während der Ableger in Bad Cannstatt nun vor dem Aus steht.

Die Bahn hatte den Künstlern 14 Waggons geschenkt, von denen ein Dutzend verschrottet wurden, der Erlös diente der Finanzierung des Vereins. Mit Veranstaltungen wollte man weiteres Geld verdienen, um damit die Ateliers zu betreiben. Doch das deutsche Baurecht kennt keine Zwischennutzung, und mit Brandschutzverordnungen und Fluchtwegen lässt sich jedes Projekt stoppen. Die Veranstaltungen wurden nicht genehmigt. Selbst nach einem Machtwort von Kämmerer Michael Föll im Mai 2014 dauerte es noch über ein Jahr, bis die endgültige Baugenehmigung vorlag. So bekam man jetzt erst das Geld zusammen, um die Container anzuschaffen und auszubauen. Trotta: „Selbst jetzt müssen wir jede einzelne Veranstaltung genehmigen lassen. Und die Genehmigung kommt oft erst Tage vorher.“ So wie für die morgige Eröffnung, am Mittwoch hatte man die Genehmigung, unter Auflagen zwar, aber immerhin.

Stadt untersucht Subkultur

So bitter das ist, mit ihrer bloßen Existenz haben die Künstler von Contain’t gezeigt, wo die Grenzen zeitgemäßen und zeitweiligen Bauens liegen. Wenn die Verwaltung will, kann sie mit Gesetzen jeden Gutwilligen so lange piesacken, bis er entnervt aufgibt. Nicht aufgrund bösen Willens, sondern wegen des fehlenden Verständnisses, was die Leute da so treiben.

Eine böse Pointe ist es, dass die Stadt gleichzeitig ganz stolz auf ihr Projekt WhatsUP hinweist. Unter dem Titel: „Kreative Stadt gestalten – Subkultur erhalten“ sucht man Wege, „um die subkulturellen Nutzungen zu schützen und ihnen Entfaltungsräume anzubieten“. Contain’t will man auch miteinbeziehen. Ob das posthum möglich ist? Vielleicht untersucht man ja dann eine Leiche, und wird ganz genau erzählen können, was alles schief gelaufen ist beim Entfalten.

Contain’t, Güterstraße 10, feiert am Samstag um 16 Uhr die offizielle Eröffnung der Ateliergemeinschaft. Von 19 Uhr an lädt man zur Stuttgart-Nacht mit Workshops, DJs, Bands und Ausstellungen.

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