Der nette Sextherapeut aus der Klasse nebenan: Asa Butterfield (Mitte) mit Emma Mackey und Connor Swindells in der britischen Netflix-Serie „Sex Education“ Foto: Jon Hall/Netflix

Zwischen Superkräften und Selbstbefriedigung: Netflix startet „Titans“ und „Sex Education“. Wir verraten Ihnen, worum es in den Serien geht, und welche anderen Coming-of-Age-Serien Sie gerade bei Netflix sehen sollten.

Stuttgart - Pubertät ist nichts für Feiglinge. Besonders dann, wenn erschwerte Bedingungen vorliegen. Zum Beispiel im Fall von Otis (Asa Butterfield aus „Hugo Cabret“). Der wächst zwar idyllisch in der britischen Provinz auf. Allerdings wird er zu Hause mit lauter phallischen Kunstwerken und Kühlschrankmagneten, die Sexstellungen imitieren, sowie einer Mutter (Gillian Anderson aus „Akte X“) konfrontiert, die Sexualtherapeutin ist und gerade ein Buch schreibt über die Phobien ihres Sohnes und dessen Unfähigkeit zu masturbieren. Oder im Fall von Rachel (Teagan Croft), der immer ganz schlimme Dinge passieren, wenn sie Angst hat oder wütend ist. Nach dem Tod ihrer Mutter ist das Mädchen mit den lila Haaren auf der Flucht, versteckt sich mal in Detroit, mal in Chicago, wird schließlich Teil der Teenie-Superheldentruppe und findet heraus, dass ihr Vater ein Dämon ist.

Die Pubertät als Farce oder Actiondrama

Otis ist der Held der britischen Komödie „Sex Education“, Rachel die zentrale Figur im düsteren Superhelden-Spektakel „Titans“ – zwei Serien, die an diesem Freitag auf Netflix starten und nur oberflächlich betrachtet grundverschieden sind. Doch sowohl „Titans“ als auch „Sex Education“ erzählen Coming-of-Age-Geschichten, verlegen die Konflikte des Erwachsenwerdens nach Außen, machen die Pubertät mal zur Farce, mal zum Actiondrama.

Anfangs war der der Streamingdienst Netflix vor allem dafür bekannt, dass er Freunden des Arthouse-Kinos eine Bibliothek voller hochwertiger TV-Serien ins Haus lieferte. Doch weil die Konkurrenz nicht schläft, reichen Serien, die ein cineastisch geschultes Publikum glücklich machen, längst nicht mehr aus, um sich weiterhin am Markt zu behaupten.

Umbau zum Familiensender

Netflix verfolgt daher derzeit drei Strategien, um sein Portfolio auszubauen: Zum einen produziert das Entertainment-Unternehmen aus Kalifornien mehr und mehr Spielfilme – etwa Alfonso Cuaróns „Roma“, „The Ballad of Buster Scruggs“ von den Coen-Brüdern, Susanne Biers Horrorfilm „Bird Box“ mit Sandra Bullock oder – von diesem Freitag an im Programm – die Komödie „The Last Laugh“ mit Chevy Chase und Richard Dreyfuss. Zum anderen drängt Netflix mehr und mehr in die nationalen Märkte, produziert seine Serien nun zum Beispiel auch in Deutschland („Dark“, „Dogs of Berlin“), Spanien („Haus des Geldes“) oder Frankreich („Marseille“).

Vor allem wird der Streamingdienst aber zum Familiensender umgebaut. Brian Wright, Vice President of Original Series, hatte das vor zwei Jahren in einem Interview mit unserer Zeitung angekündigt, als sich „Stranger Things“ bereits als Überraschungserfolg erwiesen hatte und die umstrittene Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ noch in Vorbereitung war. Wright, der zuvor beim Sender Nickelodeon war, sagte damals: „Bei Nickelodeon mussten die Shows für Kinder, nicht aber für Erwachsene funktionieren. Das ist nicht schlimm. Mein Job bei Netflix ist aber ein anderer, nämlich Premiuminhalte zu schaffen, die für Kinder genauso geeignet sind wie für Erwachsene. Es soll für alle etwas dabei sein.“

Stets etwas seltsamer, schriller, schrulliger

Was Netflix als Familienunterhaltung der anderen Art anbietet, hat deshalb wenig zu tun mit den High-School-Komödien-Klischees, die man mit Jugendfilmen verbindet. Die Coming-of-Age-Serien, die Netflix seither selbst produziert (wie „Sex Education“) oder per Lizenz einkauft (wie „Titans“), mögen es immer etwas seltsamer, schrulliger, schriller, albernder oder bösartiger, wenn sie davon erzählen, wie Jugendliche mal mehr, mal weniger erfolgreich mit ihrer pubertären Ichkrise umgehen. Im Fall des 16-jährigen Otis, indem er beschließt, auf dem Schulklo einfach selbst eine geheime Sexklinik einzurichten und seine Mitschüler zu therapieren. Im Fall von Rachel, dass sie lernt, dass es besser ist, sich dem Dämon zu stellen, der in ihr lauert, anstatt vor ihm wegzulaufen.

Die ersten Staffeln von „Sex Education“ und „Titans“ sind von Freitag, 11. Januar, an bei Netflix verfügbar.

Aktuelle Coming-of-Age-Serien bei Netflix

Élite (Spanien, seit 2018) Zwei Jungs und ein Mädchen aus einem ärmlichen Stadtviertel bekommen ein Stipendium an einer Elite-Schule – das hat tödliche Konsequenzen.

Derry Girls (Großbritannien, seit 2018) Erwachsenwerden in Zeiten der politischen Unruhe: Tragikomödie, die von einer Gruppe Schülerinnen im nordirischen Derry in den 1990er Jahren erzählt.

On my Block (USA, seit 2018) Im Melting-pot von Los Angeles ändert sich das Leben von vier Kids grundlegend, als die High School beginnt.

Everything sucks! (USA, 2018) Die Chronik eines turbulentes Schuljahrs an der Boring High School in den 1990er.

Atypcial (USA, seit 2017) Ein autistischer Teenager entdeckt die Liebe.

Chilling Adventures of Sabrina (USA, seit 2018) In der düsteren Variation der Sitcom „Sabrina – Total verhext“ legt sich eine 16-jährige Hexe mit dem Teufel an.

Tote Mädchen lügen nicht (USA, seit 2017) Die Serienadaption des Romans von Jay Asher setzt sich mit dem Selbstmord einer Schülerin auseinander.

Baby (Italien, seit 2018) Die Serie zum Skandal: Gelangweilte römische Teenager kommen auf die Idee, sich zu prostituieren.

The End of the f***ing World (Großbritannien, seit 2017) James, der davon träumt, einen Menschen umzubringen, reißt zusammen mit seiner Mitschülerin Alyssa aus.

Riverdale (USA, seit 2017) Das scheinbar so idyllische Städtchen Riverdale hat viele geheime dunkle Seiten – mittendrin die Schüler Archie, Jughead und Betty.

Stranger Things (USA, seit 2016) Eine Gruppe Nerds steht im Mittelpunkt dieser mit viel 1980er-Jahre-Zeitgeist vollgepackten Mysteryserie.

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