Sherees Mutter nimmt in Gedanken Abschied von der Oma. Foto: Domingo

Es ist die Geschichte eines Sommers. In Böblingen wächst Sheree Domingo auf, sie muss in den Sommerferien mit der Mutter zur Arbeit ins Pflegeheim, derweil stirbt auf den Philippinen die Oma. Sheree Domingo erzählt in ihrem Comic von Heimat, Alter und Tod. Ihr Buch stellt sie beim Comic-Juju-Festival vor, das am Freitag, 19. Juli beginnt.

Stuttgart - Die Mutter stirbt. Ihre Tochter kann nicht dabei sein, nicht ihre Hand halten, weil sie in einem Pflegeheim in Böblingen arbeitet und keinen Urlaub bekommt, um auf die Philippinen zu fliegen. Das ist die Geschichte, die Sheree Domingo in ihrem ersten Comicbuch „Ferngespräch“ erzählt – aus ihrer Perspektive, der eines Schulmädchens. Es ist zugleich die Geschichte ihrer Familie. 1982 kamen ihre Mutter und ihre Tante nach Schwaben. Das Regime von Ferdinand Marcos hatte die Philippinen ausgeblutet, bis heute sind ihre Menschen der wichtigste Exportfaktor der Inseln im Pazifik. Sechs Millionen Kinder wachsen bei den Großeltern auf, weil die Eltern im Ausland arbeiten und das Geld für die Familien erarbeiten. Auch Sheree Domingos Mutter unterstützte Eltern und Geschwister.

Als Abschlussarbeit ihres Studiums an der Kunsthochschule in Kassel hat Domingo das Buch gezeichnet und geschrieben. Edition Moderne hat es nun herausgebracht (96 Seiten, 24 Euro). Beim erstmals stattfindenden Comicjuju-Festival wird sie es am Samstag um 21 Uhr im White Noise vorstellen. Vieles verschränkt sich in dieser Geschichte.

Die Suche nach den Wurzeln

Das ferne Sterben der Oma, die Trauer der Mutter, die Einsamkeit der Alten in dem Heim, die von ihren Kindern nicht besucht werden und auf den Tod warten, die Frage: Was ist Heimat? Längst ist Sheree Domingos Mutter in Böblingen heimisch geworden, sie hat einen Deutschen geheiratet, den Vater von Sheree. Obschon 1989 hier geboren, beschäftigt Sheree die Suche nach ihren Wurzeln. „Als Kind wollte ich die Klischeedeutsche sein, blond mit blauen Augen“, sagt sie, je älter ich wurde, desto mehr habe ich mich mit meiner philippinischen Herkunft beschäftigt.“ Öfters war sie schon dort, versucht Kontakt zu halten. Was gar nicht so einfach ist, weil die Familie in alle Winde verstreut ist.

Das ist Schwaben nicht fremd. Jahrhundertelang flohen die Menschen aus Württemberg. Zu karg der Boden, zu unfähig die Herrscher. Das geflügelte Wort unter den Auswanderern war: Den Ersten den Tod, den Zweiten die Not, den dritten das Brot. Man wagte sich in die Ferne der Kinder und Enkel wegen. So wie Sheree Domingos Mama. „Ich habe das Glück, in Deutschland geboren und aufgewachsen zu sein“, sagt Sheree, „weil meine Mutter die schmerzliche Trennung von ihrer Familie auf sich genommen hat.“

Menschen als Exportartikel

Wie so viele andere. Auf den Philippinen werden Zigtausende Krankenschwestern und Pfleger ausgebildet. Als Exportartikel für den arabischen und deutschen Markt. Denn, so erzählt es die kleine Sheree im Buch einer alten Frau, die frustriert von der Fremdbestimmtheit im Heim ist und sich über die „Alten, die nicht richtig im Kopf sind“, beschwert: „Auf den Philippinen gibt es gar keine Altenheime.“ Woraufhin die Frau sagt: „Da hat deine Oma aber Glück!“ Sie darf im Kreise ihrer Familie sterben. Nur Sheree Domingos Mutter ist nicht dabei. Sie muss arbeiten.

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