Motiv aus Ville Tietäväinens Comic „Unsichtbare Hände“ Foto: Literaturhaus

Seit Jahresbeginn sollen laut der Internationalen Organisation für Migration über 3000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sein. Ein Comic rüttelt auf: „Unsichtbare Hände“ heißt das 200 Seiten dicke Epos des finnischen Grafikdesigners, das bis zum 18. Dezember im Literaturhaus Stuttgart vorgestellt wird.

Seit Jahresbeginn sollen laut der Internationalen Organisation für Migration über 3000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sein. Ein Comic rüttelt auf: „Unsichtbare Hände“ heißt das 200 Seiten dicke Epos des finnischen Grafikdesigners, das bis zum 18. Dezember im Literaturhaus Stuttgart vorgestellt wird.

Das Schreckensdatum

Vor fast genau einem Jahr, am 3. Oktober 2013, ertranken beim Untergang eines völlig überladenen Flüchtlingsschiffes vor der italienischen Insel Lampedusa mindestens 366 Menschen. Das Unglück löste heftige Debatten aus über die EU-Flüchtlingspolitik, geändert hat sich seitdem kaum etwas – allein seit Jahresbeginn sollen laut der Internationalen Organisation für Migration über 3000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sein.

Die Verdrängung gilt nicht nur für die Politik, das Thema hat bisher wenig Eingang in fiktionale Literatur oder Drehbücher gefunden. Nun ist es ausgerechnet ein Comic, der aufrüttelt: „Unsichtbare Hände“, ein über 200 Seiten dickes Epos des finnischen Grafikdesigners und Illustrators Ville Tietäväinen. 2011 erschien die Graphic Novel in Finnland, seit März 2014 ist sie auf Deutsch erhältlich. Das Literaturhaus Stuttgart zeigt bis zum 18. Dezember eine Schau zu dem außergewöhnlichen Werk, die fürs Literarische Colloquium Berlin konzipiert wurde.

Rashids Träume

Tietäväinen erzählt in „Unsichtbare Hände“ die Odyssee des arbeitslosen Schneiders und Familienvaters Rashid aus Marokko, der wie viele davon träumt, in Europa Geld für ein besseres Leben zu verdienen. Mit Hilfe von Schleppern versucht er, in einem überfüllten Schlauchboot über die Straße von Gibraltar Spanien zu erreichen. Er überlebt trotz Havarie – im Gegensatz zu seinem besten Freund Nadim – und erreicht die Treibhäuser im andalusischen Almeria, in denen die „papierlosen“ Illegalen als Billigstarbeitskräfte gefragt sind. Ohne sie könnten hier nicht Obst und Gemüse zu so günstigen Preisen produziert werden. „Willkommen in der Vierten Welt“, begrüßt ein Polizist die Neuankömmlinge, denn die Arbeits- und Lebensbedingungen spotten jeder Beschreibung: Die Illegalen hausen in improvisierten Slums, arbeiten für Dumping-Löhne ungeschützt unter extremen Bedingungen. Gewaltige Mengen Pestizide ­garantieren neben den geringen Arbeitskosten, dass auch im Winter mehrere Hunderttausend Tonnen Paprika, Tomaten und Gurken exportiert werden können. Viele der Arbeiter werden durch die Gifte krank, zerbrechen körperlich und ­seelisch.

Fünf Jahre Recherche

Die Erzählweise und der halbrealistische Zeichenstil in „Unsichtbare Hände“ erinnern an die Außenseiterdramen des französischen Comic-Virtuosen Baru. Was die Faktenmengen angeht, kann sich das Werk mit Joe Saccos dichten Comicreportagen messen. Fünf Jahre arbeitete Tietäväinen am Comic, recherchierte mit dem finnischen ­Sozialanthropologen und Islam-Experten Marko Juntunen sowohl in marokkanischen Armenvierteln als auch in spanischen Plantagen. Ein Schock sei für beide die Beobachtung gewesen, wie die lokale Polizei, Grenzpatrouillen, Menschenhändler und Arbeitgeber in enger Zusammenarbeit von der Billiglohnindustrie profitierten: „Die Arbeiter bleiben rechtlos“, sagt Tietäväinen.

Die Hoffnung bleibt

Lakonisch und präzise schildert der Finne Mechanismen der Erniedrigung und Ausbeutung. Bemerkenswert ist die erzählerische Ökonomie, mit der er eine Fülle von Informationen in die beklemmende Geschichte packt, ohne sie zu überladen oder ihren Fluss zu hemmen. Durchweg gelingen ihm überzeugende und differenzierte Charakterzeichnungen, vor allem von Rashid, der trotz zunehmenden körperlichen Verfalls seine Hoffnung nicht aufgeben will.

Doch woher kommen seine Hoffnungen? Die Antwort liegt in der Situation der Herkunftsländer, deren Trostlosigkeit Träume vom Paradies Europa immer wieder neu befördert – woran die EU nicht unschuldig ist. Auch dies beleuchtet der Finne, ein Viertel des Bandes spielt in der Zeit vor Rashids „Harraga“, wie in Marokko die illegale Reise nach Europa genannt wird. Wenn der naive Rashid darüber sinniert, dass die Schneider in Marokko wie viele Bauern ihre Existenzgrundlage verlieren werden, denn „alles, was aus Europa kommt, ist billiger“, wird ein Zusammenhang deutlich: „Ich zeige in ,Unsichtbare Hände‘ auf, welche verheerende Wirkung die EU-Wirtschaftspolitik auf die afrikanischen Länder hat und wie sie die Menschen zum Auswandern zwingt“, sagt Tietäväinen./