Comic-Neuerscheinung: „Der Bücherdieb“ Sartre war wieder nicht da

Von Thomas Klingenmaier 

Diese wenig einladende Gesellschaft starrt uns vom Titelbild entgegen. Aber „Der Bücherdieb“ ist eine höchst vergnügliche Lektüre für alle Literaturinteressierten. Foto: Reprodukt
Diese wenig einladende Gesellschaft starrt uns vom Titelbild entgegen. Aber „Der Bücherdieb“ ist eine höchst vergnügliche Lektüre für alle Literaturinteressierten. Foto: Reprodukt

Daniel ist ein verkrachter Jurastudent in den fünfziger Jahren in Paris. Eines Tages schwindelt sich das windige Bürschchen in der Graphic Novel „Der Bücherdieb“ in die Kreise der Bohème. Wunderbar respektlos wird die von Legenden umrankte Kulturszene von damals gezeigt.

Stuttgart - Es gibt Menschen, die würden noch dem schäbigsten Teufel ihre Seele verkaufen, wenn sie dafür das Paris der fünfziger Jahre erleben dürften, die literarischen Salons und Künstlerkneipen, die Debatten der Existenzialisten, Revolutionäre, Spätsurrealisten und Post-dies-und-das-ler. In ihrem so respektlosen wie glaubhaften Comic „Der Bücherdieb“ führen uns Alessandro Tota und Pierre van Hove in diese hehren Sphären, aber das Personal hat etwas entschieden Tagdiebhaftes.

Das liegt zunächst einmal am verkrachten Jurastudenten Daniel Brodin, dem wir in die Salons und Kneipen folgen. Brodin ist ein begeisterter Leser, aber miserabler Hobbydichter, und hat eigentlich gar keine Kontakte zur Schickeria, zur Bohème und zum Untergrund. Aber ein Akt spontaner Hochstapelei bringt ihn mit allerlei Leuten zusammen, die immer nach dem nächsten Wundertier suchen und ihm versichern, er könne das sein. Daniel kann sich gar nicht entscheiden, wem er nun schöner tun soll, den Umstürzlern oder den Etablierten.

Urbane Hühnerdiebe

Das Lustige ist, dass Daniel zu gar keinem scharfen Urteil über seine neuen Freunde kommen muss. Das übernehmen die schon selbst, verhöhnen einander, machen sich durch ihre Posen gleich selbst lächerlich – oder werden für den Leser dieser feinen Geschichte als prätentiöse Ganoven kenntlich, als urbane Hühnerdiebe, die ein bisschen Sartre gelesen haben – oder jedenfalls so tun. Sartre selbst wird gern angekündigt bei diversen Partys und Treffen, kommt aber nie.

Neben diesem satirischen Element hat „Der Bücherdieb“ aber auch viel gar nicht verfremdete Atmosphäre zu bieten: die Trostlosigkeit der Pariser Zimmerchen etwa, in denen vom Umsturz geträumt wird, oder die beseelte nächtliche Stimmung dieser Stadt, die alles aushält, auch Künstler.

Alessandro Tota/Pierre van Hove: Der Bücherdieb.
Reprodukt Berlin. 176 Seiten, 20 Euro. Aus dem Französischen von Volker Zimmermann. Hier geht’s zur Leseprobe.

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