Vincent van Gogh wie ihn Barbara Stok sieht Foto: Verlag SIngel Uitgevers © Barbara Stok

Wie sieht es aus, wenn sich Comic­zeichner der Künstlerbiografien annehmen und dabei auch die Bedingungen künstlerischen Schaffens beleuchten wollen? Im Ludwigsburger Kunstverein gibt es derzeit sechs beeindruckende Beispiele zu sehen.

Ludwigsburg - Genau genommen handelt es sich bei Comics um eine hybride Kunstform. Sie bedienen sich für ihre Bildgeschichten der Mittel der bildenden Kunst, vor allem Zeichnung und Grafik, zugleich bestehen starke Überschneidungen mit der Literatur, da die ­sequenziell angeordneten Bilder ganz im Dienste des Erzählens stehen. Wie bei der „klassischen“ Literatur gibt es ein weites Spektrum zwischen Trivialem und Tiefgründigem, mal in kurzen Strips, mal in ­vielen Seiten langen Erzählungen. Für ­Letzteres bürgert sich auch bei uns allmählich die Bezeichnung „Graphic Novels“ („grafische Romane“) ein – Comics sind freilich auch sie.

Wie aber sieht es aus, wenn sich Comiczeichner bildender Künstler annehmen und dabei nicht nur Biografien erzählen wollen, sondern auch Bedingungen und Zusammenhänge künstlerischen Schaffens? Sechs ambitionierte Versuche zeigt der Kunstverein Ludwigsburg aktuell in der Ausstellung „Kunst-Comics – Künstlerbiografien als Graphic Novels“.

Dabei wählen die Zeichner unterschiedliche Zugänge zu den Künstlern: Der Niederländer Typex, bürgerlich Raymond Koot, widmet sich der gesamten Laufbahn seines berühmten Landsmanns Rembrandt van Rijn (1606–1669). Der Comic entstand im Auftrag des Amsterdamer Rijksmuseums, das viele Rembrandt-Werke besitzt, und wie in vielen Gemälden des Porträtierten dominieren bei Typex gedeckte, erdige Farbtöne.

Mit leuchtenden Farben und vereinfachten Formen nähert sich dagegen der französische Zeichner Christophe Gaultier den Bilderwelten seines Gegenstands: Paul ­Gauguin (1848–1903). Nach einem Szenario von Maximilien Le Roy konzentriert sich der Comic auf die letzten zwölf Lebensjahre des französischen Künstlers in Polynesien, beschreibt ihn als vor Leidenschaft brennenden Freigeist.

An Kinderbuchillustrationen erinnert Barbara Stoks „Vincent“ über Gauguins Zeitgenossen und Freund Vincent van Gogh (1853–1890). Doch die nur vermeintlich schlichten Bilder der Niederländerin Stok fügen sich perfekt in eine einfühlsame ­Erzählung über van Goghs Leben nach seinem Umzug ins südfranzösische Arles, seinen Kampf mit Depressionen und Wahnvorstellungen.

Formal wie erzählerisch am beeindruckendsten sind indes die Werke zweier ­Norweger, Steffen Kverneland und Lars ­Fiske. Die Zeichner haben schon mehrere Comics zusammen erstellt, auch jetzt merkt man eine gemeinsame Planung: Beide Bände enthalten einen fast schon wissenschaftlichen Anmerkungsapparat, der die Quellen nahezu aller Szenen belegt, außerdem schalten sich Fiske und Kverneland immer wieder bei strittigen Punkten in die Handlung ein.

Fiskes Strich ist dabei auf eigenwillige Weise kantig und abstrakt, passt aber perfekt zu seinem Sujet, dem deutschen Maler, Dichter und Werbegrafiker Kurt Schwitters (1887–1948). In „Jetzt nenne ich mich selbst Merz. Herr Merz“ legt er den Schwerpunkt auf Schwitters Jahre im norwegischen Exil, wohin der als „entartet“ verfemte Künstler vor den Nazis geflohen war. Das Außergewöhnliche an Fiskes Werk: Es ist in weiten Teilen aufgebaut wie eine dadaistische Collage, denn Grundlage der Erzählstruktur ist Schwitters Collage-Skulptur „Merzbau“. Auf verblüffende Weise wird dadurch Schwitters Kunstkonzept plausibel.

Mit einem im Gegensatz zu Fiske semirealistischen und extrem variantenreichen, oft karikaturistischen Stil nähert sich Kverneland in „Munch“ seinem Landsmann Edvard Munch (1863–1944). In Vor- und Rückblenden erzählt er wichtige biografische Stationen des Expressionismus-Pioniers, und zwar ausschließlich mit Zitaten von Munch und dessen Zeitgenossen, woraus sich ein extrem vielschichtiges und lebendiges – und oft auch ziemlich lustiges – Porträt des Künstlers und der europäischen Boheme gegen Ende des 19. Jahrhunderts ergibt. Dabei versucht er auch die Entstehungsgeschichte seiner wichtigsten Werke, insbesondere „Madonna“ und „Der Schrei“, zu rekonstruieren.

An Kvernelands Virtuosität kommt der junge Franzose Xavier Coste in „Egon Schiele. Ein exzessives Leben“ nicht ganz heran, widmet sich auch dem Titel entsprechend etwas zu sehr den Amouren des Wiener Expressionisten Schiele (1890–1918). Doch auch Coste gelingt es, wichtige Werke aus den Lebensumständen des Künstlers gleichsam grafisch herzuleiten.

Mitunter mehrere Jahre arbeiteten die Zeichner an ihren Graphic Novels, und ­Originalbilder, Skizzen, Gliederungsentwürfe sowie Recherchedokumente verdeutlichen in der Ludwigsburger Ausstellung, wie akribisch sie dabei vorgegangen sind. Für alle vorgestellten Werke gilt: Große ­Comickunst.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: