Im Euroraum dürfte die Zinswende früher kommen als in den USA. Die Dollarstärke hat folgenschwere Auswirkungen für Verbraucher, Unternehmen und Regierungen.
Schlechte Nachrichten für deutsche Touristen: Der Euro wird gegenüber dem Dollar schwächer – und der Urlaub in den Staaten damit teurer. Der Hauptgrund ist, dass die Zinserwartungen in Europa und in den USA zunehmend auseinanderdriften. Sollten Europäische Zentralbank (EZB) und US-Notenbank Fed bei ihrer Geldpolitik getrennte Wege gehen, so hätte dies erhebliche Auswirkungen an den Märkten – und auch für Verbraucher, Firmen und Regierungen.
„Zinsnachteil spricht für weitere Abwertung des Euro“
Die Ferien in den USA dürften künftig noch mehr ins Geld gehen, denn der starke Dollar macht US-Metropolen wie New York, Miami oder San Francisco noch teurer. Was den Euro unter Druck bringt, ist vor allem die Aussicht auf eine frühere Zinswende im Euroraum als in den USA. Dabei hat die Gemeinschaftswährung gegenüber der US-Devise seit Anfang des Jahres ohnehin schon rund vier Prozent an Wert verloren. Experten gehen von einer anhaltenden Talfahrt aus.
„Wegen der deutlich veränderten Zinsdifferenzen erwarten wir nun einen Fall des Euro-Dollar-Wechselkurses Richtung Parität“, heißt es in einer Analyse von Chefökonom Jörg Krämer und US-Notenbankexperte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. „Das Abkoppeln der EZB von der Fed vergrößert den erwarteten Zinsnachteil des Euro und spricht für eine weitere Abwertung des Euro.“ Die Commerzbank hat ihre Wechselkursprognose deshalb kräftig gesenkt und erwartet jetzt, dass der Euro zum Jahresende nur noch ganz knapp über dem Dollar steht.
Dass die Gemeinschaftswährung so stark einbüßt, liegt vor allem daran, dass EZB und Fed sich bei der Geldpolitik in verschiedene Richtungen bewegen. Während die Inflation in der Eurozone weiter auf dem Rückzug ist, nimmt sie in den USA seit Anfang des Jahres wieder zu. Zugleich könnte die lahme Konjunktur in Europa gut Hilfe durch niedrigere Zinsen gebrauchen, während die US-Wirtschaft brummt. Die Notenbanken schlagen deshalb abweichende Kurse ein. EZB-Präsidentin Christine Lagarde peilt eine erste Zinssenkung im Juni an. Fed-Chef Jerome Powell hingegen signalisiert, dass die US-Notenbank mit einer Lockerung abwarten will, bis die Teuerung wieder nachlässt.
Für die internationalen Geldströme ist das Zinsniveau in den großen Währungsräumen von hoher Bedeutung – Kapital wandert tendenziell dorthin, wo es höhere Renditen gibt. Mittelzuflüsse aus dem Ausland lassen wiederum den Devisenkurs der entsprechenden Währung steigen. Höhere US-Zinsen sprechen also für einen starken Dollar.
Wahl von Donald Trump könnte den Dollar noch weiter stärken
Hinter dem Höhenflug der US-Währung stehen allerdings noch weitere Faktoren. So werden in Dollar gehandelte Kapitalanlagen wie US-Staatsanleihen und Gold bei steigender Nervosität an den Märkten als sicherer Hafen angesteuert. Darum steht die US-Währung hoch im Kurs, wenn sich geopolitische Brandherde wie der Nahostkonflikt oder der Krieg in der Ukraine zuspitzen.
Auch die Devisenstrategen der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) gehen davon aus, dass der Dollar in diesem Jahr weiter Stärke zeigen wird. Dabei dürfte auch der US-Präsidentschaftswahlkampf zwischen Amtsinhaber Joe Biden und seinem Vorgänger Donald Trump eine Rolle spielen.
Trump hat bereits Zweifel gesät, ob die USA unter seiner Führung noch ein verlässlicher Nato-Partner wären – sollte er ins Weiße Haus zurückkehren, könnten defensive Anlagen profitieren. „Eine anschwellende Nachfrage nach Sicherheit im Zuge eines Trump-Siegs würde den US-Dollar voraussichtlich zusätzlich beflügeln“, heißt es bei der LBBW. Die US-Wirtschaft habe wegen ihrer günstigen und sicheren Energieversorgung zudem einen Wettbewerbsvorteil. Darüber hinaus machten staatliche Anreize Investitionen in den USA attraktiv.
Der starke Dollar schmerzt derweil nicht nur deutsche Amerika-Urlauber, er macht auch in US-Währung gehandelte Importe teurer – nicht zuletzt wichtige Rohstoffe wie Öl. Dadurch könnte ein neuer Inflationsschub in die Währungszone schwappen und die mühsamen Fortschritte im Kampf gegen die Teuerung wieder zunichte machen. Erschwerend hinzu kommt, dass die jüngste Eskalation im Nahen Osten das Risiko eines kräftigen Ölpreisanstiegs deutlich erhöht hat. Die EZB muss bei ihrer geldpolitischen Lockerung äußerst vorsichtig agieren – inwieweit sie sich dauerhaft gegen den Kurs der Fed stemmen könnte, bleibt abzuwarten.
Der starke Dollar ist für große Teile der Weltwirtschaft ein Fluch
EZB-Chefin Christine Lagarde betont zwar die Unabhängigkeit gegenüber der US-Geldpolitik: „Was im Euroraum geschieht, wird nicht das Spiegelbild dessen sein, was in den USA geschieht.“ Österreichs EZB-Rat Robert Holzmann bemühte sich aber schon, die Erwartungen zu dämpfen: „Wenn die Fed die Zinsen in diesem Jahr überhaupt nicht senkt, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass wir sie drei- oder viermal senken.“
Grundsätzlich ist der starke Dollar für große Teile der Weltwirtschaft ein Fluch. Vielen Regierungen – besonders in klammen Schwellenländern – droht Unheil, weil die Kosten für Staatsschulden in US-Währung steigen. Profitieren könnte indes die deutsche Exportwirtschaft, deren Produkte günstiger werden. „Gerade in einer wirtschaftlichen Flaute kann ein gegenüber dem Dollar schwächerer Euro einen Impuls darstellen“, sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier der Nachrichtenagentur Reuters.
Entscheidender als das Verhältnis zwischen Euro und Dollar ist für die Exporteure ohnehin der handelsgewichtete Wechselkurs, der einen größeren Währungskorb abbildet. Hier sieht der Euro weniger geschwächt aus als gegenüber der US-Devise.