Noch nicht mal zwei Jahre nach Abschaltung der letzten Meiler wird in Deutschland über eine Rückkehr zur Atomkraft diskutiert – doch wäre das überhaupt möglich?
Ob Kernfusion, Mini-AKW oder zurück zu alten Kraftwerken: In Deutschland ist die Diskussion um ein Comeback der Atomkraft entflammt. Die Union will nach einer möglichen Regierungsübernahme bei der Neuwahl Ende Februar prüfen, wie die vom Netz gegangenen Meiler wieder in Betrieb genommen werden können. Doch ist eine Rückkehr zur Kernkraft überhaupt realistisch? Die bisherigen Kraftwerksbetreiber lassen keine Zweifel: Eine Rolle rückwärts zum Atom werde es nicht geben. Die Umsetzung würde dauern und Milliarden kosten, warnen Experten.
Baden-Württembergs größter Energiekonzern EnBW erteilt Vorstößen für eine Wiederinbetriebnahme seiner stillgelegten Atomkraftwerke eine klare Abfuhr: „Eine Diskussion über die weitere Nutzung der Kernkraft hat sich für uns erledigt“, sagt ein Konzernsprecher auf Anfrage unserer Redaktion.
EnBW: Rückbau unserer AKW ist „irreversibel“
Der drittgrößte Energieversorger Deutschlands hat das Kapitel Atomkraft abgeschlossen – was ganz im Sinne der Firmenphilosophie ist: Der einstige Atomstromer hat sein Geschäftsmodell in den vergangenen Jahren komplett umgekrempelt und baut seither die Stromerzeugung über erneuerbare Energien aus.
„Der Rückbaustatus unserer fünf Kernkraftwerke ist praktisch gesehen irreversibel“, sagt der EnBW-Sprecher. Für alle fünf Kraftwerke sei das gesamte Abbauprogramm vollumfänglich von der staatlichen Aufsicht genehmigt. „Die EnBW ist der erste deutsche Betreiber, der diesen Status für seine Kernkraftwerke erreicht hat.“
Könnten abgeschaltete AKW wieder ans Netz?
„Rein technisch wäre es theoretisch möglich, die ein oder andere stillgelegte Anlage in den ursprünglichen genehmigten Zustand zurückzuversetzen“, erklärt Sven Dokter von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit. Ganz nach der Logik: Wo etwas herausgesägt wurde, kann auch wieder etwas hereingeschweißt werden. Selbst größere AKW- Komponenten wie Dampferzeuger seien bereits ausgetauscht worden.
Doch der Kernkraft-Experte weist auf eine Reihe von Hürden hin, die eine Wiederinbetriebnahme alter AKW kostspielig und zeitaufwendig erscheinen lassen. So gebe es die Bauteile für ein Kraftwerk nicht von der Stange. Sie müssen müssten erst gefertigt und teilweise wegen der Strahlung von Robotern ferngelenkt verbaut werden, sagt Dokter.
Experte: Rückbau ist in vollem Gange
„In den meisten Anlagen ist der Rückbau schon richtig an die Substanz gegangen. Da wurden beispielsweise größere Teile raugesägt und zerlegt“, erklärt der Kernkraftexperte. Das gilt beispielsweise auch für den im April 2023 abgeschalteten Block Neckarwestheim II. Dort hat die EnBW mittlerweile wesentliche Bauteile demontiert. Seit vergangenem Sommer werden zum Beispiel die wichtigen Hauptkühlmittelleitungen durchtrennt und abgebaut. Für die einstiegen AKW-Betreiber kommt ein Zurück zum Atom nicht infrage. „Das deutsche Atomgesetz regelt eindeutig, dass mit den deutschen Kernkraftwerken kein Strom mehr produziert werden darf“, sagt der EnBW-Sprecher. Die abgeschalteten Anlagen verfügten über keine Betriebsgenehmigungen mehr für die Stromproduktion – „und es gibt keine Grundlage, diese wieder in Kraft zu setzen.“
Bau eines AKW dauert mehr als ein Jahrzehnt
Auch Markus Krebber, Vorstandschef des Energieversorgers RWE, gibt der Kernkraft keine Zukunft.„Ich glaube, die Messe ist gelesen. Da gibt es in Deutschland kein Zurück mehr“, sagte er. Wollte man die drei RWE-Meiler wieder hochfahren, bräuchte es langwierige Genehmigungsprozesse, massive Investitionen in die Nachrüstung und den Aufbau einer qualifizierten Betriebsmannschaft. „Will die Gesellschaft das?“, fragt er.
Ähnlich äußert sich der Chef des Energiekonzerns E.on, Leonhard Birnbaum: „Das ist mittlerweile auch technisch nicht mehr möglich, das Thema ist durch.“ Für unrealistisch hält die EnBW auch einen Wiedereinstieg in die Atomkraft mit neuen Kraftwerken. „Wir glauben nicht, dass der Neubau von Kernkraftwerken in Deutschland eine Lösung der Fragen zu heutigen Problemstellungen der Energieversorgung wäre.“ Planung und Bau einer neuen Anlage würden mindestens bei mehr als einem Jahrzehnt liegen. „Dafür wäre allerdings Voraussetzung, dass alle beteiligten Stellen auch aktiv an einer schnellstmöglichen Umsetzung mitwirken“, so der Sprecher.
Hoffnung machen Mini-AKW
Die Atomindustrie setzt ihre Hoffnungen indes auf kleine modulare Kernreaktoren, das sind zumeist traditionell wassergekühlte Anlagen, nur kleiner. Die Mini-AKW mit einer Leistung von etwa 300 Megawatt sollen zukünftig zu etwa 80 Prozent in einer Fabrik vorgefertigt werden. Die EnBW sieht darin eine spannende Technologie – die sich aber noch im Entwicklungsstadium befindet. „Deshalb müssen wir Technologien zur Anwendung bringen, die heute tatsächlich verfügbar sind“, sagt der Sprecher.
Laut einer Studie des Bundesamts für die Sicherheit nuklearer Entsorgung (BASE) vom vergangenen Jahr ist die Markteinführung alternativer Reaktortypen derzeit nicht absehbar. „Trotz teils intensiver Werbung von Herstellern sieht das BASE derzeit keine Entwicklung, die den Bau von alternativen Reaktortypen in den kommenden Jahren in großem Maßstab wahrscheinlich macht“, sagt ein Sprecher.
Zu erwarten sei eher, dass aus sicherheitstechnischer Sicht die möglichen Vorteile dieser Reaktorkonzepte von Nachteilen und nach wie vor ungeklärten Fragen überwogen werden – etwa der Endlagerung von Atomabfällen.
„Diese Reaktorkonzepte lösen weder die Notwendigkeit, ein Endlager für die radioaktiven Abfälle zu finden, noch die drängenden Fragen des Klimaschutzes“, so der BASE-Sprecher. Ob und wann solche Reaktoren eine Genehmigung erhalten könnten, sei völlig offen.