Tänzerische Wimmelbilder: Szene aus Ohad Naharins Stück „Decadance“ mit Gauthier Dance Foto: Regina Brocke

Mit „Classy Classics“ eröffnet Gauthier Dance das dritte Colours International Dance Festival im Stuttgarter Theaterhaus

Stuttgart - Mit dem Auftakt: Tanz! Von der ersten Sekunde an und auf einen Schlag sind bei der Festivaleröffnung von Colours am Donnerstagabend alle Augen auf die Theaterhaus-Bühne gerichtet. Die rhythmische Wucht, mit der Cayetano Sotos 2013 für Gauthier Dance geschaffenes „Malasange“ einsetzt, wirkt wie ein Ausrufezeichen, das über dem fünfteiligen Abend „Classy Classics“ prangt. Sie macht die Unbedingtheit klar, mit der sich Eric Gauthier und sein bestens vernetzter Programmmacher Meinrad Huber für die flüchtigste aller Kunstformen starkmachen.

Tatsächlich vereint Sotos energiegeladene Hommage an die kubanische Sängerin La Lupe so ziemlich alles, wofür die Truppe des kanadischen Tanz-Entertainers steht. Exaltierte Lebensfreude mischt sich mit skurriler Komik und geschmeidiger Erotik. Dazwischen irrlichtern Wehmutsfunken. Raffiniert ausgeleuchtet von Lichtkegeln und in immer neuen Reihungen und Ordnungen, bilden fünf berockte Tänzer und zwei Tänzerinnen in Overknee-Strümpfen einen eigenen Kosmos.

Dass es nicht nur, aber besonders in der Tanzwelt gleich mehreres zu verteidigen gibt, verdeutlichen die Ansprachen. Mit Blick auf die Doppel-Präsenz dieser Kunstform in der Stadt verbindet der Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier seinen Ruf „Stuttgart, du kannst glücklich sein!“ mit dem Hinweis, dass diese Sparte am Theaterhaus zwölf Nationen umfasst. „Die Künstler verdienen nicht nur unseren Respekt, sondern auch unseren Schutz.“ Das sei in Zeiten einer fortschreitenden Nationalisierung, wie sie die AfD mit ihrer aktuellen Anfrage nach dem Migrantenanteil unter den Beschäftigten der Württembergischen Staatstheater voranzutreiben versuche, die einzig richtige Antwort. Tosender Beifall. Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) betont, wie viel ärmer die Stadt ohne 40 Prozent ihrer Einwohner mit Migrationshintergrund wäre.

Fünf Kontinente sind auf dem Festival vertreten

Einen globalen Blick hat auch Meinrad Huber. „Erstmals sind alle fünf Kontinente auf dem Festival vertreten“, lässt er wissen – und dass Investitionen in Tanz durchaus nachhaltig sein können. „Sotos ,Malasangre‘ wird mittlerweile von acht Kompanien getanzt und trägt den Namen Gauthier Dance um die Welt.“

Die Chancen, dass Colours Impulse setzt, stehen gut. Durch die derzeit in Stuttgart tagende Konferenz der bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren erfährt das Festival besondere Aufmerksamkeit. Die Gelegenheit, mehr als vierzig Kompaniechefs vor Ort zu haben, hat sich Eric Gauthier nicht entgehen lassen und sie zu „Classy Classics“ eingeladen.

Zu sehen bekommen sie William Forsythes „Herman Schmerman Duet“, 1992 der Pariser Ausnahmetänzerin Sylvie Guillem auf den sehnig-langen Leib choreografiert. Der auch im Spitzentanz gewieften Bruna Andrade, die vom Ballett Karlsruhe auf den Pragsattel wechselte, glückte es, die unnachahmliche Lässigkeit der Madame Non, wie Guillem mitunter tituliert wird, in ihrer fiebrigen und doch so coolen Interpretation aufscheinen zu lassen. Etwas mehr Schärfe und Biss hätte dem wie elektrisch aufgeladenen Pas de deux dennoch gutgetan.

Es ist mehr zu entdecken, als ein Augenpaar erfassen kann

Während Forysthes Duo allein schon durch die Gianni-Versace-Kostüme eine Reise in die 1990er Jahre ist, wirkt Marco Goeckes Solo „Äffi“ von 2005 zeitlos. Ein echter Klassiker eben. In diesem Seelentrip zu Songs von Johnny Cash ließ Theophilus Vesely mit zusammengeballter Kraft auch stille Momente glänzen. Wie ein kopfstehendes Metronom schlugen seine Beine aus, schwangen sich zum Taktstock auf, um kurz drauf in anrührenden Hüpfschritten an Chaplins Tramp zu erinnern.

Nach so viel fein justierter Poesie hatte es Gauthiers Beethoven-Spaß „Orchesta of Wolves“ nicht leicht. Die von Rosario Guerra als Dirigent dominierte Orchesterprobe für Tänzer ist der Klamotte dann doch näher als den Klassikern.

Für jede Kompanie neu zusammengesetzt, geht es nach der Pause mit „Decadance“ von Ohad Naharin und der Maximalbesetzung von 18 Tänzern weiter. Nach „Kamuyot“ beim Start und „Minus 16“ bei der Fortsetzung ist es der dritte Beitrag des israelischen Choreografen für ein Colours-Event. Vielfalt satt, wohin man sieht: ein Wimmelbild aus Farben, unterschiedlichen Gruppenkonstellationen, ein Kommen und Gehen, erzählerische Duette sind eingebettet ins allgemeine Treiben. Hier ist mehr zu entdecken, als ein Augenpaar erfassen kann: vor allem aber die Vielgestaltigkeit des Tanzes, die in den Muskeln steckt und gleichberechtigt aus ganz unterschiedlichen Kulturen kommt.

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