Eric Gauthier animiert zum Tanzen. Foto: Jeanette Bak

Eric Gauthier verwandelt mit seinem Tanzfestival „Colours“ Stuttgart in eine Mitmachbühne. Wieder zeigt sich: Er ist ein Glücksfall für die Stadt, meint Jan Sellner.

Dass Stuttgart eine Tanzstadt ist mit seinem weltberühmten Ballett und der John-Cranko-Schule als Glanzlichtern, hat sich herumgesprochen. Mit Beginn des Internationalen Tanz-Festivals Colours gilt diese Stadtbeschreibung mehr denn je. Denn der Kreis der Tanzenden vergrößert sich gewaltig. Plötzlich sind die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr nur Zuschauer, sondern werden selbst zu Tänzerinnen und Tänzern. Und dies ganz voraussetzungslos. Talent, Beweglichkeit, Gewicht, Alter – das alles spielt keine Rolle, wenn ein gewisser Eric Gauthier zum Tänzchen bittet, wie am Freitagabend zum Auftakt seines Colours-Festival auf dem Schlossplatz geschehen. Getanzt wird dort das ganze Wochenende über und später auch in den Außenbezirken, die er mit seinem Tanz-Truck aufsuchen wird. Und  es nähme Wunder, wenn es dem Tausendsassa des Tanzes nicht gelänge, auch stocksteife Passanten in Schwingungen zu versetzen oder sie zumindest zu einem zarten Wippen zu animieren.

 

Spätestens dann ist wieder einmal klar: Der 48-jährige aus Kanada stammende und im Stuttgarter Theaterhaus beheimatete Gauthier ist ein Glücksfall für die Stadt. Es gehört neben allen tänzerischen und anderen Gaben ungeheure Energie dazu, nicht nur eine eigene Kompanie auf die Beine zu stellen, sondern auch ein mehr als zweiwöchiges internationales Festival mit zeitgenössischem Tanz im vielseitigen Stile von Colours auszurichten. Abendfüllend, stadtfüllend, erfüllend.

Ein kreatives Gegenmodell zum Erstarrten

Auch wenn Gauthier unbestritten der Kopf des Festivals ist, so ist Colours doch das Gegenteil einer Solonummer. Das zeigt sich an der Vielzahl der beteiligten Künstlerinnen und Künstler und der Einbindung vieler Stuttgarter Kulturstätten – von der Staatsgalerie über das Atelier am Bollwerk und der Kulturbühne auf dem Wasen bis zu den Jazz Open und der Wilhelma. Dort, im zoologisch-botanischen Garten, führen seine Tänzerinnen und Tänzer gemeinsam mit Kindern Tiertänze auf. Colours ist auch ein Festival der Fantasie.

Gauthiers will damit zusätzlich Farbe in die Stadt zu bringen. Vor allem will er sie Bewegung versetzen. Dieses wünscht man sich auch jenseits der vielen Tanzbühnen, Dancefloors und „Playgrounds“, die in den kommenden Tagen in Stuttgart wackeln werden. Colours darf man auch ganz grundsätzlich als kreatives Gegenmodell zum Erstarrten, Verknöcherten verstehen. Weniger Statisches, mehr Lockerheit und ab und an einen gewagten „Move“ – das wünscht man sich an vielen Stellen. Lobende Erwähnung verdient an dieser Stelle auch ein städtisches Programm – „Stuttgart bewegt sich“ –, das weit über 1000 Sport- und Bewegungsangebote auflistet, die den Bürgern im Sommer und teils darüber hinaus offenstehen.

Ein Gespür für die Stadt

Es braucht diese Bewegung in engerem und weiterem Sinne. Denn Bewegung ermöglicht auch ein Sich-Aufeinanderzubewegen. Eric Gauthier, der ein ausgeprägtes Gespür für die Stadt hat, für ihre Stärken ebenso wie für ihre Unzulänglichkeiten, hat erkannt, wie wichtig dies für eine Stadtgesellschaft ist: „Der rote Faden bei Colours ist die Sehnsucht nach Gemeinschaft“, heißt es in der Ankündigung des Festivals. Genau das braucht es. Auf der Bühne, vor allem aber auch in der Stadt: Zusammenhalt und Gemeinschaft.