Collien Ulmen-Fernandes hat jetzt ihr zweites Kinderbuch veröffentlicht. „Lotti & Otto“ sind zwei sehr liebenswerte Otterkinder. Foto: Moritz Thau/Moritz Thau

Die Schauspielerin, Moderatorin und Kinderbuchautorin Collien Ulmen-Fernandes kämpft gegen Rollenklischees und lebt ihren Kindern echte Gleichberechtigung vor.

Stuttgart - Collien Ulmen-Fernandes (39) ist Autorin, Moderatorin und Schauspielerin. Sie hat eben ihr zweites Kinderbuch „Lotti & Otto“ (Edel-Verlag) veröffentlicht – eine amüsante Geschichte zweier Otterkinder fern von Geschlechterklischees. Für das ZDF hat sie „Familien allein zu Haus“ gedreht, das in der Mediathek abrufbar ist. Ein Gespräch über Vorurteile, Geschlechterklischees und darüber, wie sie in Zeiten von Corona arbeitet.

 

Frau Ulmen-Fernandes, fürchten Sie, dass die Schulen bald wieder schließen?

Klar hat man ein mulmiges Gefühl. Wir hatten einen Corona-Fall an der Schule meines Stiefsohnes. Eine Mitschülerin war erkrankt, hat aber erstaunlicherweise niemanden angesteckt. Da hatten wir kurz Sorge, weil mein Mann und ich gerade in Dreharbeiten sind. Schauspieler müssen wöchentlich zum Corona-Test, weil beim Dreh kein Abstand gehalten werden kann. Aber die Gefahr ist stets da, dass man sich irgendwo ansteckt. Es sind schwierige Zeiten, in denen es keine eindeutigen Lösungen gibt.

Nach dem Lockdown ab Mitte März freut man sich als Eltern jeden Tag, an dem die Kinder in der Schule sind.

Das schon. Aber ich hatte natürlich etwas Bauchschmerzen, dass alle ohne Abstand und Mundschutz zur Schule gehen. Das ist für die Kinder widersprüchlich. Im Supermarkt halten alle Abstand und tragen Maske und in der Schule nicht, weswegen mein Kind mich fragt, ob Corona in der Schule nicht ansteckend sei.

Sie haben für eine TV-Dokumentation Familien während der Corona-Krise begleitet. Was haben Sie beobachtet?

Wir haben den Familien Kameras geschickt, und sie haben ihren Alltag dokumentiert. Das war sehr spannend. Man kann eben nicht pauschal sagen, was Corona mit Familien macht. Corona macht ganz unterschiedliche Dinge, und die wollten wir aufzeigen. Wir haben den Familien zu Beginn einen „Mental Load“-Test hingelegt. Das kann ich nur jedem empfehlen.

Dieser Test erhebt, wie viel jeweils Vater und Mutter für die Familie tun.

Ja, diese Familien waren im Vorfeld überzeugt davon, dass Vater und Mutter gleich viel machen. Erst dadurch haben sie festgestellt, dass die Mutter sehr viel mehr macht. Das ist vielen nicht bewusst, weil wir in Zeiten einer Pseudo-Gleichberechtigung leben. Männer machen ein bisschen mit, fühlen sich aber nicht wirklich verantwortlich. So kommen Mütter während einer Krise wie Corona auch schneller in den Burn-out.

Versuchen Sie, Ihren Kindern Gleichberechtigung vorzuleben?

Ja. Denn hier liegt die Wurzel des Problems. Schon den Kindern wird beigebracht, dass Mädchen für den Haushalt zuständig sind. Ich habe von meiner Mutter den Satz gehört: „Du musst lernen, wie man kocht und eine Waschmaschine bedient, sonst kriegst du keinen Mann.“ Ich kenne keinen Mann, der das jemals von seinen Eltern gehört hat. Die Zuständigkeit liegt in den Köpfen immer noch bei den Frauen. Selbst in deutschen Spielwarenkatalogen schieben ausschließlich Mädchen die Baby-Puppenwagen. In schwedischen Prospekten stehen Jungs und Mädchen gemeinsam in der Küche. So lernen Kinder, dass beide dafür zuständig sind. In deutscher Fiktion sind 80 Prozent Hausfrauen, nur 20 Prozent der Frauen in Filmen und Serien arbeiten, dadurch manifestieren und reproduzieren wir stereotype Rollenbilder.

Ein Thema ist das Gendermarketing. Für uns Kinder der 80er Jahre gab es keine Überraschungseier in Rosa, keine Schaumbäder für Helden und welche für Prinzessinnen. Nimmt das zu?

Das Thema kam in den vergangenen 10 bis 15 Jahren auf, was daran liegt, dass die Spielwarenindustrie einen Einbruch hatte. Wenn man „für Jungs“ und „für Mädchen“ draufschreibt, werden Spielzeuge nicht weitergegeben. Ein Junge darf in Köpfen von Eltern nicht mit Barbies spielen. Doch es ist eben total wichtig, dass man diese Stempel entfernt. Für eine Studie hat man die Bau- und Puppenecke in einem Kindergarten aufgelöst und alle Spielsachen vermischt. Dadurch haben die Jungs mal zu Puppen gegriffen, die Mädchen zu Bauklötzen. Das Ergebnis war, dass bei den Jungs die sozialen und emotionalen Kompetenzen gestärkt wurden, bei den Mädchen hat sich das räumliche Denken verbessert. Das heißt, Kindergehirne profitieren davon, wenn man die Jungs-Mädchen-Etiketten weglässt.

Sie setzen sich für Gleichberechtigung, gegen Geschlechterklischees, Sexismus und Rassismus ein. Die Beschimpfungen, die Sie erhielten, sind nicht zitierbar. Wie gehen Sie damit um?

Gar nicht. Ich bin jemand, der gerne für Themen kämpft. Aber bei Rassismus fehlen mir die Worte. Ich habe in meiner Kindheit nie Rassismus erfahren. Aber seit einigen Jahren bin auch ich rassistischen Bemerkungen ausgesetzt. Nur wie soll ich reagieren, wenn jemand schreibt: „Du hast eine kackbraune Haut“? Da kann man nicht in die Debatte gehen. Ich habe das Gefühl, dass die Gesellschaft zunehmend verroht und sich die Grenze des Sagbaren massiv verschoben hat. Der ausgesprochene Rassismus wird immer mehr. Was mir geholfen hat, war, dass Leute diesen Rassisten geschrieben, sich schützend vor mich gestellt und sie von meiner Insta-Seite verjagt haben. Deshalb finde ich, dass #wirsindmehr das wichtigste Hashtag in der Rassismus-Debatte ist.