Rund zwölf Tonnen CO2 stößt der Mensch in Deutschland im Durchschnitt aus. Damit ist der Fußabdruck um ein Vielfaches größer, als er sein dürfte. Foto: picture-alliance/dpa/Kay Nietfeld

Die ideale CO2-Bilanz liegt bei zwei Tonnen pro Person und Jahr. Das ist in Deutschland nicht zu schaffen. Wie viele Tonnen sind realistisch, und wie umgehen mit dem Rest?

Es wirkt aussichtslos. Pro Kopf dürfte maximal zwei Tonnen CO2 ausgestoßen werden, wenn die Erderwärmung unter zwei Grad Celsius, besser 1,5 Grad, begrenzt werden soll. In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Ausstoß bei knapp zwölf Tonnen. Selbst ohne Auto, mit gedämmtem Haus, Solardach und veganem Speiseplan ist bei vier Tonnen Schluss, alleine die öffentlichen Emissionen machen knapp zwei Tonnen aus. Was also tun? Wir stellen drei Ansätze vor.

 

Reduzieren und kompensieren

Michael Bilharz verantwortet beim Umweltbundesamt den CO2-Rechner, mit dem man seine Emissionen berechnen kann. Bilharz liegt bei fünf Tonnen im Jahr, sagt er. Es gebe zwar Leute mit drei Tonnen, aber das sei die absolute Ausnahme. Im Bereich Wohnen könne man mit einem Passivhaus und erneuerbaren Energien auf null kommen, bei der Mobilität ohne Auto und Flugreisen auch. Bei der Ernährung sei die Untergrenze eine Tonne, die Kategorie Konsum wiederum sei „schwer zu greifen“, sagt er. Sein Rat: die Emissionen aufs Minimum reduzieren, den Rest kompensieren.

Doch wie viele Menschen kompensieren? Die Einnahmen von Atmosfair lagen nach Auskunft der Kompensationsorganisation 2005 bei 200 000 Euro, 2016 bei vier Millionen Euro und 2021 bei 21 Millionen Euro. Kompensiert werden „vorrangig Flugreisen, weil für Lebenstilemissionen bereits bessere Lösungen ohne Kompensation existieren, die aus Klimasicht Vorrang haben“, teilt Dietrich Brockhagen, Gründer und Geschäftsführer von Atmosfair, mit.

Ob der Einzelne überhaupt etwas ausrichten könne, „diese Debatte wird immer wieder aufgewärmt“, sagt Bilharz. Sie sei jedoch wenig hilfreich. Es brauche politische Rahmenbedingungen, „aber die fallen nicht vom Himmel“, sagt er. „Wir brauchen deshalb Pioniere des Handelns.“

Sich aufs Wesentliche konzentrieren

Christine Eigenbrod aus Mannheim hat ihre CO2-Bilanz schon eine Weile nicht mehr berechnet, obschon sie seit etwa sechs Jahren versucht, möglichst klimafreundlich zu leben. „Ich finde es unpraktisch im Alltag“, sagt sie. Zudem führe der Fußabdruck bei ihr zu einem schlechten Gewissen. „Er ist wie eine Last.“ Eigenbrod erinnert sich gut an die Zeit, als sie sich „ein Jahr auf plastikfrei eingeschlossen“ hat. Als Mutter dreier Kinder kam die heute 32-Jährige irgendwann an ihre Grenzen. Ein Schlüsselmoment war, als ihr 30 Kilo Kastanien weggeschimmelt sind, die sie zum Ökowaschmittel verarbeiten wollte.

Im November 2022 ist Eigenbrods Buch „Klimabewusst & glücklich“ erschienen. Darin schildert sie, wie sie Denkfehler aufgedeckt und eine neue Perspektive gefunden hat. Entscheidend sei nicht das Waschmittel, sondern die Zahl der Kinder, Autofahrten oder Flüge. Sie versucht, nicht mehr in allem perfekt zu sein, „das bricht einem sonst das Genick“. Ihre Kinder möchte sie nicht missen, aber sie hat sich angewöhnt, mit dem Lastenrad zu fahren, sie ist länger nicht mehr geflogen und ernährt sich vor allem vegan. Ihr Buch, sagt sie, richte sich vor allem an Gutsituierte, die es sich leisten könnten, sich Lebensstilfragen zu stellen. Es sind aber ja auch diejenigen, die die meisten Emissionen produzieren. Für den Einstieg wiederum findet Eigenbrod den CO2-Rechner eine gute Hilfe. „Um mal zu sehen, wo man steht.“

Dreigleisig vorgehen

Ohne CO2-Rechner kommt der Ansatz von Christof Drexel aus. Dass der Einzelne mit einem geänderten Lebensstil die Welt retten kann, hält der gelernte Ingenieur, Berater und Autor aus Bregenz für utopisch. In seinen Büchern „Zwei Grad. Eine Tonne“ und „Warum Meerschweinchen das Klima retten“ wirbt er für eine dreiteilige Lösung, um die Emissionen um 90 Prozent zu reduzieren: Lebensstilanpassungen, Effizienzgewinne und der Ausbau erneuerbarer Energien sollten kombiniert und jeweils rund 30 Prozent beitragen. „Man sollte nicht dem Einzelnen die Verantwortung zuschieben“, sagt der 54-Jährige. „Es braucht auch Lenkungsmaßnahmen.“

Dennoch ist Drexel überzeugt, dass jeder und jede einen Beitrag leisten kann und muss. Zum einen über den Lebensstil, zum anderen über den persönlichen Einfluss in den Bereichen Effizienz und Ausbau der Erneuerbaren. Der Autor gibt in seinen Büchern Tipps, wie man seine Lebensführung klimafreundlicher gestalten kann: von Biolebensmitteln über Secondhandkleidung bis Radfahren. Damit das Freude und nicht Frust bereitet, sollte sich jeder das herauspicken, was ihm leichtfällt, findet er. Wo man die Emissionen beim Lebensstil am wirkungsvollsten reduziere: bei Flugreisen und Fleisch. „Wir müssen uns mäßigen“, sagt er. Das Narrativ vom Verzicht hält er für falsch, denn ein klimafreundlicher Lebensstil sei sehr lebenswert.

Die Bilanz der Reichsten

CO2
Laut einem Bericht von Oxfam aus dem Jahr 2020 war global gesehen das reichste Prozent zwischen 1990 und 2015 für mehr als doppelt so viele Emissionen verantwortlich wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung zusammen. Dem Bericht zufolge stießen die zehn Prozent Reichsten im genannten Zeitraum mehr als die Hälfte der Gesamtemissionen aus.

Energie
Beim Energieverbrauch zeigt sich ein ähnliches Bild wie beim CO2-Fußabdruck. Laut Berechnungen des Ökonomen Yannik Oswald verbraucht das reichste Prozent in Deutschland so viel Energie wie die ärmsten 16 Prozent: Hier stehen 400 000 Haushalte 6,4 Millionen Haushalten gegenüber. Die reichsten zehn Prozent haben denselben Energieverbrauch wie die unteren 40 Prozent. ana/red