Die CNN-Moderatorin Alisyn Camerota bei der Präsentation ihres ersten Romans in New York Foto: Film Magic

In in ihrem Romandebüt „Amanda wakes up“ schildert die CNN-Moderatorin Alisyn Camerota locker das harte Geschäft mit der Quote. Aus Journalistinnen werden Weibchen gemacht. Bei Fox News hat Camerota selbst sexuelle Belästigungen erlebt.

New York - Auf Familienwerte kommt die Rede beim US-Fernsehsender Fox News oft. Fox News ist ein Rupert Murdoch gehörender, erzkonservativer Kanal, der mit seinen krawalligen Diskussionen und polemischen Beiträgen, seinen Hetz- und Schmierkampagnen jene postfaktische Unversöhnlichkeit mit heranzüchtete, die Donald Trump den Wahlsieg ermöglichte. Im Jahr 2016 wurde Fox News aber von einem heftigen Skandal durchgerüttelt: Gleich mehrere Karrierefrauen des Hauses erhoben schwere Vorwürfe sexueller Belästigung und Erpressung.

Hohe außergerichtliche Abfindungen wurden bezahlt, ein Teil der Führungsriege wurde ausgetauscht, aber die lästige Neugier auf das, was da wirklich vorging und vorgeht, hat sich nicht gelegt. Sie wird ­immer wieder befeuert von nachgereichten Aussagen Betroffener oder Eingeweihter.

Angebote eines Chefs

Im April dieses Jahres berichtete die frühere Fox-Moderatorin Alisyn Camerota, die seit 2014 für den Konkurrenzsender CNN arbeitet, von unappetitlichen Angeboten des damaligen Fox-Chefs Roger Ailes. Auf die Frage nach ihren weiteren Karriereaussichten, so Camerota, habe Ailes ihr gesagt: „Daran müsste ich mit Ihnen arbeiten, richtig eng arbeiten. Dafür müssten wir uns vielleicht besser kennenlernen, und das sollte vielleicht an einem anderen Ort passieren. Eventuell in einem Hotel. Verstehen Sie, was ich damit sagen will?“ Die Anwältin des wenige Wochen darauf im Alter von 77 Jahren verstorbenen Ailes’ hat diesen Vorwurf ­allerdings zurückgewiesen.

Enthüllungsbegierig haben sich Rezensenten und Medienleute nun auf Alisyn Camerotas ersten Roman „Amanda Wakes Up“ (Verlag Viking, 332 Seiten) gestürzt, der jetzt in den USA erschien. „Amanda wacht auf“ erzählt nämlich von einer jungen TV-Journalistin, die es im Eiltempo aus der Provinz nach New York, von einer unbedeutenden Klitsche zu einem aggressiven neuen Kabelsender und von Außenreportagen auf die Moderatorinnencouch einer Morgenshow schafft. Dort wird sie in den Präsidentschaftswahlkampf eines populistischen Blenders hineingezogen, der die Medien permanent als Lügenpresse attackiert. Viele hofften auf einen deftigen Schlüsselroman.

Als Liberale beim rechten Sender

Die 1966 in New Jersey geborene Camerota aber hat etwas anderes geschrieben, das man auf den ersten Blick enttäuschend ­finden kann: ein flottes Kolportagebüchlein über eine aufrechte, wenn auch etwas verspulte junge Frau, die daran glaubt, dass es sich in jedem Senderumfeld für guten Journalismus zu kämpfen lohnt. Das ist mal schneidig witzig, mal schamlos aufs „Sex And The City“-Publikum abgestimmt und will unbedingt verfilmt werden. Vor allem aber liefert Camerota zunächst einmal eine Rechtfertigung ab, wie sie es überhaupt als politisch halbwegs liberaler Mensch bei Fox News aushalten konnte.

Fernsehen als Fleischbeschau

Eine komplett bereinigte Variante des TV-Zirkus aber legt Camerota keineswegs vor. Bei ihr ist Sexismus nicht an einzelne Sabberchefs mit Selbstkontrollproblemen gebunden, sondern kalkulierter Teil des Geschäfts. Als die Romanheldin Amanda Gallo erstmals zum großen Kabelsender kommt, wird sie wie ein Werkstück von Fachleuten auf Reize hin optimiert: Nachrichtenshows funktionieren auch als Fleischbeschau. Und davon aufgereizte Wirrköpfe, die noch während der laufenden Sendung ihre Anzüglichkeiten twittern, sind keine Zumutung, sondern der erwünschte „buzz“, der Goldstandard der neuen Aufmerksamkeitsökonomie.

Scharf aussehen für die Quote

Camerota kommt auf diesen Aspekt nicht zurück, ihre Amanda fügt sich. Es wird klar: Ohne diesen Pragmatismus käme sie nicht voran, und dass im Sender momentan keiner übergriffig wird, ist eher überraschend bei der täglichen Frage, ob eine Moderatorin „scharf genug“ für die Quote aussieht. Der dritte Aspekt wird erst allmählich deutlich: Politiker und deren Berater, Profis des Mediengeschäfts, respektieren Journalisten umso weniger, je mehr deren Position von Model-Kriterien abhängt. Noch die miesesten Lügner haben ja ein wenig Wahrheit im Mund, wenn sie von der Unglaubwürdigkeit solch eines TV-Betriebs reden.

In „Amanda Wakes Up“ wird der hier Victor Fluke genannte Präsidentschaftskandidat von einem Berater namens Arthur Dove gesteuert, der auch Züge von Steve Bannon trägt. Man solle da aber nicht zu einfache Schlüsse ziehen, warnt Camerota, sie habe Aspekte vieler realer Personen zu Romanfiguren verdichtet. Dieser Dove umgarnt Amanda im direkten Kontakt, aber unliebsame Fragen an seinen Kandidaten quittiert er mit polemischen Twitter-Attacken. Er weiß um die Verletzlichkeit von Journalisten, die ganz von ihren Beliebtheitswerten abhängig sind. Und er versteht es glänzend, diese Werte zu manipulieren, nach unten oder oben zu drücken. Auch Alisyn Camerota, die selbst als Überläuferin vom Kampfsender Fox zu den Liberalen steten sexuellen Beschimpfungen enttäuschter Konservativer ausgesetzt ist, etwa unter den Youtube-Clips ihrer Auftritte, hat für dieses Problem nicht einmal im Roman eine Lösung.

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