Clytus Gottwald Foto: factum/Granville

Vor allem mit seinen Bearbeitungen von Solo- und Instrumentalwerken der Jahrhundertwende für 16-stimmigen Chor hat Clytus Gottwald Musikgeschichte geschrieben. Ein Würdigung des Komponisten, Dirigenten und langjährigen SDR-Redakteurs zum 90. Geburtstag.

Stuttgart - Der Welt abhanden gekommen ist Clytus Gottwald nie. Davon kündet nur ein Lied Gustav Mahlers auf einen Text Friedrich Rückerts, den Gottwald für 16-stimmigen Chor bearbeitet hat. Er selbst, der Komponist (siehe unten), Chorleiter, Musikwissenschaftler und langjährige Redakteur für Neue Musik des Süddeutschen Rundfunks, war, obwohl auch studierter Theologe, stets auch sehr diesseitig unterwegs.

Davon kündet noch heute sein Humor, und davon kündet auch seine geerdete Bescheidenheit. Nein, beteuert er etwa: Er sei gewiss kein Komponist, höchstens „ein kompositorisch denkender Mensch“, und im Übrigen sei er Pierre Boulez, dem (wirklichen) Komponisten dankbar, weil ihm dessen Werke deutlich vor Ohren geführt hätten, dass er gut daran täte, die Zahl der mittelmäßigen Komponisten nicht weiter zu erhöhen .

Stattdessen hat Clytus Gottwald bearbeitet, hat Werke aus der ziemlich chorlosen Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im Geiste von György Ligetis „Lux aeterna“ für bis zu 16-stimmiges Vokalensemble arrangiert. Auf diese Weise ist ihm gleich doppelt Paradoxes gelungen: Er hat eine Musik wiederentdeckt, die so nie komponiert worden ist, und er hat der Musik mit Werken der musikalischen Vergangenheit Türen für die Zukunft geöffnet.

Gottwald modernisierte die Chormusik

Sololieder und Instrumentalmusik von Claude Debussy, Franz Liszt, Alban Berg, Richard Wagner, Hugo Wolf, Maurice Ravel. Anton Webern oder Giacomo Puccini hat er, der nach der Heimkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1946 als Bariton im neu gegründeten Chor des Süddeutschen Rundfunks unterkam, später für unbegleiteten Chor bearbeitet. Es gibt genügend Gründe, auch dies als Komponieren zu bezeichnen; Gottwald, für seinen Kollegen Manfred Schreier ein „Künstlergelehrter“, will das aber partout nicht hören.

Modernisiert hat er die bis zu den 1980er Jahren ziemlich restaurativ gewordene Chormusik gleichwohl, und dazu haben auch die gut 80 Ur- und Erstaufführungen beigetragen, die Gottwald zwischen 1960 und 1990 mit seiner Schola Cantorum Stuttgart stemmte. Nicht nur als Arrangeur hat er Großes für die (Chor-)Musik unserer Tage geleistet, sondern auch als Anreger, Auftraggeber, Dirigent. Er hat, kann man sagen, dafür gesorgt, dass die Chormusik unserer Welt nicht abhanden kam.

Heute singen die besten Chöre Gottwalds Chor-Arrangements

Nötig hierfür waren: gutes Handwerk, ein profundes Wissen um Vokalpolyfonie, also die gesungene Mehrstimmigkeit des Mittelalters (Gottwalds Dissertation beschäftigt sich mit dem Renaissance-Komponisten Johannes Ghiselin), liebevolle Vertiefung in Feinheiten der Partiturnotation und der kompositorischen Eigenarten. Auch jene (schwäbische) Beharrlichkeit mag dazu gehören, die den gebürtigen Schlesier 1970 nach zwölf Jahren das Amt des Stuttgarter Pauluskirchen-Kantors kostete – wegen der allzu modernen Programme seiner Konzerte.

Heute singen die besten Chöre Clytus Gottwalds Arrangements. Frieder Bernius’ Kammerchor und das SWR-Vokalensemble führen in Stuttgart immer wieder die Stücke auf, die auch die seinen oder zumindest durch seinen wachen Geist hindurchgegangen sind, und zu Recht hat er deshalb das Bundesverdienstkreuz, den Kulturpreis Baden-Württemberg und den Preis der Europäischen Kirchenmusik erhalten.

An diesem Freitag feiert Gottwald seinen 90. Geburtstag. Beim Festival Lachenmann-Perspektiven sang das SWR-Vokalensemble aus diesem Anlass ein liebevolles Stückchen, das Peter Eötvös als Hommage an den Kollegen schrieb, der keiner sein will. Worte können nicht ausdrücken, was diese Musik sagte. Wir gratulieren trotzdem – von Herzen. und wünschen uns und der Welt, dass der Jubilar der Welt und der Musik noch lange nicht abhanden kommt.

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