Auch hinter Verpackungsmaschinen wie dieser steht in Baden-Württemberg ein eigenes Branchennetzwerk. Foto: Optima

Lasst viele Cluster blühen - das ist in der vielfältigen baden-württembergischen Wirtschaftslandschaft die Devise. Dafür gibt es die vom Land finanzierte Cluster Agentur.

Stuttgart - Wer hat es nun besser? Das zentralistische Bayern, in dem die Landesregierung aus München heraus strategisch beschlossen hat 19 Branchennetzwerke, die so genannten Cluster, systematisch nach vorn zu bringen? Oder Baden-Württemberg, das es schon als Konsolidierungserfolg wertet, wenn aus 130 regional verankerten und die vielfältigsten Branchen abdeckenden Netzwerken rund 110 geworden sind. „Im Prinzip sind das in der Tat zu viele“, sagt Gerd Meier zu Köcker, der die Landesagentur leitet. Doch in der Vielfalt liegt seiner Meinung nach auch eine Stärke. In solchen Firmenbündnissen denken Partner über gemeinsame Ziele nach. Dazu gehören technologische Trends aber etwa auch die Außendarstellung insbesondere auf internationalem Parkett.

Die Cluster werden zwar vom Land unterstützt, sind aber in unterschiedlichster Form als private Vereine organisiert. Das Land gibt Zuschüsse, im Durchschnitt sind das aktuell rund 38 Prozent der Kosten. Das ist weniger als der europäische Durchschnitt von 45 Prozent, was ein Indiz dafür ist, wie sehr die Branchennetzwerke im Land von unten organisiert sind. Auch das könne durchaus ein Vorteil sein, sagt der Leiter der Cluster Agentur: „Wenn die Politik Schwerpunkte bestimmt, ist das immer etwas anderes als wenn die Ziele von den Unternehmen selber definiert werden.“ Die Gründung der Cluster Agentur vor knapp zwei Jahren, war aber der Versuch, die Netzwerke im Land schlagkräftiger zu machen. Die Agentur bildet die Mitarbeiter der Cluster fort und wirkt sozusagen als Vernetzer der Vernetzer.

Die Cluster Agentur soll die Außenwirkung verbessern

Das Land hat damit nach einer Ausschreibung einen privaten Dienstleister beauftragt. „Das Problem von Baden-Württemberg ist vor allem die Außenwirkung“, sagt Meier zu Köcker. Dass Baden-Württemberg auch außerhalb der großen Branchen Maschinen- und Automobilbau etwa in der Biotechnologie sehr leistungsfähige Unternehmensnetzwerke besitzen, sei teilweise noch zu wenig im Bewusstsein verankert. Im Land gibt es selbst in Spezialtechnologien wie der Verpackungstechnik, wo sich etwa rund um Schwäbisch Hall herum unter dem Namen „Packaging Valley“ eine Gruppe von Firmen zusammengeschlossen hat, eigene Netzwerke. Immer wieder gibt es auch neue regionale Cluster wie der Schwerpunkt für Medizintechnik in Mannheim, die bekannt gemacht werden müssen. Ausbaufähig sei auch noch die Kooperation von Clustern mit ähnlichen Schwerpunkt untereinander. Auch wenn etwa im Bereich der Medizintechnik Standorte wie Tuttlingen oder Mannheim relativ weit auseinanderliegen, gebe es mehr Möglichkeiten gemeinsam zu agieren, sagt der Chef der Cluster Agentur.

Die Cluster im Land sind äußerst heterogen

Auch die Struktur und Leistungsfähigkeit dieser Netzwerke ist äußerst heterogen. Das Spektrum im Land reicht von großen Initiativen wie dem mehr als 1000 Mitglieder umfassenden IT-Netzwerk Cyberforum in Karlsruhe bis hin zu kleinen und kleinsten Initiativen im ländlichen Raum, die eher der gegenseitigen Kontaktpflege dienen. „Wenn sie das mit einer halben Stelle nachmittags betreiben, sind die Möglichkeiten eher begrenzt“, sagt Meier zu Köcker.

Die wichtigste Zielgruppe der Cluster Agentur ist die Kategorie dazwischen: Branchennetzwerke, die groß genug sind, um sich zu professionalisieren, aber die andererseits nicht die Struktur und den Mitgliederbestand haben, um sich alleine etwa auf internationalem Parkett bewegen zu können. Sechs Jahre hat das Land Baden-Württemberg veranschlagt, um mithilfe der Cluster Agentur die Entwicklung anzuschieben. Danach sollte ihre Aufgabe erledigt wein.

Etwa ein Drittel oder ein Viertel der Cluster habe das entsprechende Entwicklungspotenzial, sagt Meier zu Köcker. Doch im Gegensatz zu Bayern, wo die großen Themen von oben verordnet werden, soll eine schlagkräftige Cluster-Struktur im Land von der Basis her wachsen. Das Thema Start-ups wird dabei in den kommenden Jahren eine immer größere Rolle spielen. Schon heute dienen zwar die Branchen-Cluster dazu, auch junge Unternehmen mit etablierten Firmen zu verknüpfen. „Für die Firmen wird es wichtiger, schon frühzeitig an Innovationen heranzukommen. Und für die Gründer sind die Partner im Netzwerk wichtige potenzielle Kunden“, sagt Meier zu Köcker.

Die Einbeziehung von Start-ups wird wichtiger

Bisher ist die Schwelle für eine Mitgliedschaft in einem Branchencluster für ganz junge Unternehmen immer noch hoch. „Sie sollten schon so fünfzig Mitarbeiter haben“, sagt der Agentur-Chef. Die Firmen müssten nicht nur die Mitgliedsbeiträge bezahlen können, sondern es gebe in den Clustern auch die Erwartung, dass sie schon so weit seien, um Produkte liefern zu können. Doch im Karlsruher Cluster für Informationstechnologie ist bereits zu besichtigen, wie sich die Netzwerke in Zukunft für Gründer noch mehr öffnen könnten. Im so genannten Cyber-Lab ist in diesem Jahr ein so genannter Inkubator an den Start gegangen, der Gründern beim Start hilft - und der auf die Kontakte und die Expertise des bestehenden Cluster-Netzwerkes zurückgreifen kann.

Begriffserläuterung: Was sind Cluster?

Nähe – Cluster sind geografische Konzentrationen von miteinander verbundenen Unternehmen und Institutionen in verwandten Branchen oder Technologien. Sie können sich im Austausch sehr gut ergänzend. Entscheidend ist, dass in einer Region eine genügende Zahl verwandter Unternehmen vorhanden ist.

Verwandtschaft – Die für einen Cluster relevvante Verwandtschaft der Unternehmen bezieht sich auf ähnliche Produkte und Dienstleistungen oder sie sind Teil einer so genannten Wertschöpfungskette - sind also etwa in verschiedenen Etappen an der Herstellung desselben Produkts beteiligt. Diese Nähe kann Innovationen beschleunigten. Ob Verpackungsmaschinen oder Medizinroboter – die Schwerpunkte sind regional äußerst vielfältig.

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