Der Titel ist Programm: Clueso stellt sein Album „Neuanfang“ vor. Foto: Vertigo

Vor dem ausverkauften Konzert im Wizemann spricht Clueso über die Motive für die Trennung von seiner Band, seinen neuen Sound – „schmutzig und trotzdem gut“ – und verrät, was er mit dem Weltall-Affen Gordo gemein hat.

Stuttgart - Clueso stellt am Freitag, 3. Februar, bei einem Clubkonzert im Wizemann in Stuttgart sein aktuelles Album „Neuanfang“ vor. Das Konzert ist ausverkauft. Am 28. September kommt er aber schon wieder nach Stuttgart und gibt ein Konzert im Beethovensaal in der Liederhalle.

Clueso, Sie haben sich 2015 von Ihrer Band getrennt, um sich anderen Projekten zu widmen. Waren Sie mit Ihrer Musik zuletzt nicht mehr glücklich?

Das kann ich nicht sagen. Wir waren eine großartige Band mit vielen tollen Bühnenmomenten. Es war eher so, dass große Fragezeichen im Raum standen und ich mich von vielen Sachen getrennt habe, weil ich einfach Lust auf etwas anderes hatte. Ich stellte mir die essenzielle Frage, wie ich mich aus einer Fremdbestimmung lösen kann, ohne zu brechen. Ich wollte beweglicher und weniger Unternehmer sein, ich wollte auch mal wie ein Maler einen Monat lang auf einem Stuhl sitzen und die weiße Leinwand anstarren.

Als frei schaffender Künstler weiß man oft nicht, woher man im nächsten Monat das Geld für die Miete bekommen soll. Woher kriegen Sie die Zuversicht, die Sie in diesem Job ­brauchen?

Mir geht es besser, wenn ich nicht die Verantwortung für andere habe. Es gibt Leute, die darin aufgehen, ein Unternehmen zu leiten. Ich aber weniger, ich bin lieber Musiker und ein bisschen freier.

Was ist Ihnen wichtig in Ihrem Business?

Ich habe schon Lust, in den Zeitstrahl der Geschichte hineinzubeißen und etwas Eigenes zu hinterlassen, in dem die Menschen sich wiedererkennen können. Mit Leuten wie Udo Lindenberg und Wolfgang Niedecken war ich da schon sehr nahe dran. Aber ich würde dafür nicht alles andere beiseiteschieben.

Gibt es im knallharten Musikgeschäft echte Freundschaften?

Das weiß man wohl immer erst, wenn es hart auf hart kommt. Mit Udo Lindenberg zum Beispiel gab es bisher keine Situation, in der ich ihn wirklich gebraucht habe und er auch da war, unsere Beziehung ist eher musikalischer Natur. Aber selbst dann beweist sich eine Freundschaft. Ich kann Udo jederzeit anrufen, und er würde mich sofort einladen. Mit ihm im Hyatt im Pool zu sitzen und wirklich mal über private Dinge und das Leben zu talken war ein schöner Moment. Udo steht drauf, in Freundschaften ein bisschen Künstlermagie drin zu lassen. Wolfgang Niedecken ist da anders, er schreibt einem auch aus dem Urlaub.

Welchen Rat holen Sie sich von älteren Kollegen wie Lindenberg oder Niedecken?

Gerade mit einer Band erlebt man viele euphorische Situationen, das schweißt zusammen. Sich davon lösen zu wollen ist also schon krass. Da habe ich natürlich um Rat gefragt. Wolfgang Niedeckens Rat lautete, man solle sich immer fragen, wofür man angetreten ist und wofür man heute noch steht. Wenn man darauf eine Antwort hat, wisse man eigentlich schon, was zu tun ist.

Haben Sie auch beim Musikmachen selbst etwas verändert?

Vor allen Dingen habe ich bestimmte Dinge abgegeben, auch auf die Gefahr hin, dass eher der Produzent seinen Fingerabdruck hinterlässt als ich. Im Studio gab es eigentlich nur den Produzenten Tobias Kuhn, den Drummer Tim Neuhaus und mich. Tobi sagte mir bereits bei der ersten Begegnung: „Ich will dein bestes Album machen“, und fragte mich im Studio immer: „Gefällt es dir? Ja. Dann lass es weg!“ Wir haben nach einer Nische gesucht, aber wir wollten keine neuen Rezepte erfinden.

Was erwarten Sie von Ihren Mitmusikern?

Dass ich die Nummer eins bin und sie wahnsinnig Bock auf mich haben. Das spreche ich auch aus. Manchmal geht es um das große Ganze und nicht um die einzelne Person, und ich erwarte, dass man das versteht. Genauso höre ich mir auch die Erwartungen der ­anderen an.

Welche klangliche Vision hatten Sie von dem Album?

Beim Einspielen der Songs fiel mir auf, wie schwierig es ist, so schmutzig zu klingen wie Tobi. Das gilt auch für mich: Ich kann sehr schlampig spielen, aber auch sehr genagelt. Manche Songs durfte ich gar nicht mehrmals singen, eigentlich konnte ich sie noch gar nicht, sie sind einfach passiert. Tobi fand es immer am besten, wenn es so hingerotzt war wie bei Rio Reiser. Dabei ist eine eigene Stimmfarbe herausgekommen. Ich habe dann viele Top-Mixer ausprobiert, die haben sehr gut gearbeitet, aber ich hatte trotzdem etwas zu meckern. Ich wusste nur nicht genau, was mich störte. Michael Ilbert hatte schließlich den besten Sound. Es ging uns um eine Umschiffung der großen Stadionarchitektur, damit meine ich, schmutzig zu sein und trotzdem gut zu klingen.

Bob Dylan ist für ihn eine Bibel

Sie erzählen Geschichten, die erfunden, aber keine Lügen sind. Was bedeutet das?

Ich erzähle erdachte Geschichten, aber darin fließt auch Autobiografisches mit ein. Manche Figuren entwickeln eine Eigendynamik. Damit sie funktionieren und auch bei mir eine Emotion erzeugen, muss ich sie manchmal von mir wegbewegen lassen, obwohl ich ihnen alles von mir mitgebe. Somit sind sie erfunden, aber gleichzeitig auch keine Lüge. Das habe ich von Dylan gelernt.

Wie sehr sind Sie mit Dylans Werk vertraut?

Dieses dicke Buch mit seinen Texten ist für mich wie eine Bibel. Ich schlage es immer wieder auf, weil ich Dylans Denkweise erfrischend finde. Ich lese gern Musikerbiografien wie die von Miles Davis, Neil Young, Anthony Kiedis, David Bowie, Patti Smith. Da ist viel zu holen.

Welche Biografie hat Sie besonders beeindruckt?

Die von Anthony Kiedis. Weniger sein Leben, aber das Buch selbst hat mir in einer Zeit geholfen, in der es mir nach einer Trennung nicht so gut ging. Kiedis sollte einmal mit seinem Cousin in der Nähe von St. Louis spielen, und die ganze Familie hatte sich angekündigt. Aber einen Tag vorher trennte sich Kiedis von seinem Cousin. Weil er festgestellt hatte, dass es nicht passt. Er wollte sich als Künstler nicht verraten und stellte sein Werk über freundschaftliche Beziehungen. Diesen Gedanken finde ich interessant.

Weil Sie ähnlich handeln ­würden?

Bei mir ist es eine demokratische Diktatur (lacht). Ich versuche erst einmal, alles in meine Musik einfließen zu lassen, aber wenn ich mir das Ergebnis dann anhöre, muss ich damit leben können. Und zwar ein Leben lang. Von daher auch der Spruch „Jeder lebt für sich allein“.

Sie haben ein Lied über den Affen Gordo gemacht, der 1958 als erster Primat ins All flog.

Mein zwei Jahre älterer Bruder und ich mochten zu DDR-Zeiten das Buch „Weltall Erde Mensch“. Darin gab es Aufklappbilder vom Kosmos mit Juri Gagarin, Sputnik, Wostok und den Tieren, die ins All geschickt wurden. Ein Affe, der eigentlich zurückkommen sollte, hieß Gordo. Er überlebte allerdings nicht, weil es Probleme mit dem Fallschirm gab und seine Kapsel im Meer versank. In dem Strudel voller Fragezeichen, in dem ich mich letztes Jahr befand, fühlte ich mich manchmal wie dieser kleine Affe in der Rakete. Ich wollte einfach nur runterkommen. Es war nicht die große Depression, aber es gab und gibt Momente, in denen man sich auf der Bühne fragt: „Ist das jetzt mein Beruf, hier oben zu stehen?“

Muss man sich als Künstler immer wieder selbst hinterfragen?

Ich mag unsichere Momente, solange man sich nicht verfängt. Dafür muss man sich halt irgendwo treu bleiben. Deswegen wahrscheinlich dieser Neuanfang.

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