Ein paar Fältchen mehr, aber der alte Blick: Clint Eastwood wird neunzig. Foto: AFP/Valerie Macon

Da feiern viele Kinofans innerlich mit: Der Schauspieler, Regisseur und Produzent Clint Eastwood wird 90 Jahre alt. Der eigensinnige Konservative hat nicht nur Filme, sondern Mythen geschaffen.

Stuttgart - Wenig war diesem Manne immer schon zu viel: Clint Eastwood ist der große Minimalist des amerikanischen Kinos. Wenn in einer Szene nur vier Zeilen Dialog für ihn vorgesehen waren, hat einer seiner Kollegen das beschrieben, habe Eastwood auch die noch auf vier Worte reduziert. Der Star, der am 31. Mai 1930 in San Francisco zur Welt kam, hat erst Charaktere auf Typen und dann Typen auf Mythen verknappt.

Das ist ein irrwitziges Hochrisikounterfangen: In Nullkommanichts kann eine Figur auf dem Weg zum Mythos in einer Pfütze der Lächerlichkeit liegen. Eastwood aber bleibt selbst dann trittsicher, wenn in den Revolvervirtuosen seiner vielen Western der vom Himmel gesandte Racheengel durchscheint wie in „Pale Rider“ von 1985.

Sumpf der Brutalität

Eastwoods Rächer sind keine Fortsetzungen der alten Westernhelden mit coolerem Blick. Es sind skrupellose Pragmatiker, manchmal auch Fanatiker, denen der Zweck die Mittel heiligt. Die Hauptrollenkarriere des Amerikaners begann in Europa unter der Regie von Sergio Leone. Den fatalistischen bis zynischen Blick des Italo-Westerns auf den Wilden Westen als Sumpf der Brutalität nahm Eastwood mit zurück nach Hollywood.

Nicht selten haben seine Figuren einen beunruhigenden Zug. Am deutlichsten wird das bei Dirty Harry, dem Selbstjustiz-Cop, den Eastwood mehrfach gespielt hat: Harry tötet lieber, als dass er verhaftet. Dass dieser Cop dabei auch mal Fratzen zieht, ist außergewöhnlich. Eastwood spielt meist Gesichtsmuskelmikado, und gerade die Reglosigkeit lässt ahnen, dass im Inneren des Charakters etwas brodelt, das die Sicherheitstür blickdichter Reglosigkeit dringend braucht. Eastwoods wandelnder Widerspruch, der lakonische Wüterich, ist so charismatisch wie abstoßend – und damit zupft Eastwood, der früh auch als Produzent und Regisseur arbeitete, sehr bewusst an amerikanischen Nervenenden.

Nichts geht über Querköpfigkeit

Er lässt Ideale, Probleme, Denkströmungen und Verwerfungen nicht bloß sicht- und greifbar werden. Er schmiedet Brandeisen, die Szenen ins Langzeitgedächtnis der Zuschauer schmoren: Dirty Harrys fetischistischer Umgang mit seiner 44er Magnum etwa ist seit Jahrzehnten ein Paradiesgemälde amerikanischer Selbstbewaffnungsadvokaten.

Eastwood ist ein Konservativer, dem das Recht auf Individualismus und Querköpfigkeit über alles geht. Sein vielseitiges Schaffen bezeugt das: Der Jazzfan Clint Eastwood hat das wunderbares Biopic „Bird“ (1988) über den Jazzgiganten Charlie Parker gedreht, hat im Spätwestern „Unforgiven“ (1992) mit konservativer Politik abgerechnet, hat 2006 in einem Zweiteiler über den Pazifikkrieg in „Flags of our Fathers“ erst die amerikanische, dann in „Letters from Iwo Jima“ die japanische Seite der Front gezeigt: also eben das, was verbohrte Patrioten nicht mit in den Blick nehmen wollen.

Eastwood und das Publikum

Dieser Mann geht Risiken ein. Nicht alles gelingt ihm, aber keiner seiner Filme ist fade auf bloße Multiplextauglichkeit hin gestylt. Ob „Jersey Boys“ (2014) über die Doo-Wop-Musik von einst oder „Richard Jewell“ (2019) über ein heutiges Opfer des Boulevard-Journalismus: Eastwood dreht, was ihn interessiert. Schon lange, lautet eine kluge Analyse, komme er nicht mehr zum Publikum, sondern warte, dass das Publikum zu ihm komme.

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