Die Menschen im Fokus: Clint Eastwood wird an diesem Sonntag 85 Jahre alt Foto: dpa

Echte Kerle machen nicht viele Worte. Sie können sich nur auf einen verlassen: sich selbst. Für solche Figuren steht Clint Eastwood. In allen Rollen des Mannes, der vom Schauspieler zum großen Regisseur avancierte, steckt der Charakter des einsamen Wolfes – der freilich ein großes Herz hat.

„Million Dollar Baby“ (2004), prämiert mit den Oscars für den besten Film und die beste Regie, zeigt das exemplarisch. Eastwood spielt einen Boxtrainer, der seine besten Jahre hinter sich hat und ein heruntergekommenes Boxstudio betreibt. Er ist ein verschlossener Kerl, schreibt seiner verlorenen Tochter Briefe, ohne je Antwort zu bekommen.

Eines Tages taucht die ehrgeizige Maggie bei ihm auf (ebenfalls Oscar-prämiert: Hilary Swank) und trainiert verbissen allein, bis er endlich mit seinem Grundsatz bricht, keine Frauen zu trainieren. Sie wird ein Champion, er feiert einen späten Triumph. Doch ein folgenschwerer Kampf zwingt die beiden harten Knochen in ein tragisches Melodram, wie man es einfühlsamer kaum inszenieren kann.

In diesem Bild kulminiert Eastwoods Entwicklung als Künstler: Waren die Einzelgänger zu Beginn seiner Karriere Raubeine, die kaum einen Blick in ihr Inneres zuließen, so zwang er sie unter eigener Regie zunehmend dazu, sich zu öffnen.

Der einsame Reiter, der aus dem Nichts auftaucht

In Sergio Leones Western-Klassikern spielte Eastwood stets den einsamen Reiter, der aus dem Nichts auftaucht, Gefechte auf Leben und Tod entscheidet und am Ende im Sonnenuntergang verschwindet. Doch es scheint nur so, als seien seine Figuren skrupellose Desperados unter vielen – immer, wenn es darauf ankommt, zeigen sie Haltung.

Als Schatzjäger in Leones Spätwestern „The Good, The Bad And The Ugly“ (1966, zu Deutsch: „Zwei glorreiche Halunken“, ­obwohl es drei sind) gerät er zwischen die Fronten des US-Bürgerkriegs. Zwischen wie Wunden klaffenden Schützengräben sprengt er eine Brücke, nicht nur, aber auch, um das sinnlose Blutvergießen zumindest an diesem Ort zu beenden.

Später stirbt in einer Kirchenruine zitternd ein junger Soldat, und jeder andere Revolverheld würde ihn keines Blickes würdigen. Eastwoods Blondie aber legt den staubigen Mantel um ihn, lässt ihn vom Rillo ziehen, bleibt bei ihm bis zum Schluss. Wortlos, denn zu sagen gibt es nichts mehr. Selbst den Showdown auf dem riesigen Soldatenfriedhof steuert er so, dass unnötige Opfer vermieden werden. Ein menschlicher Desperado? Clint Eastwood hat den Widerspruch aufgenommen und ausgelebt.

Setzte Standards in Sachen harte ­Action-Thriller

Ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden prägte auch Eastwoods zweite Paraderolle: In „Dirty Harry“ (1971) spielte er einen knallharten Cop, der sich selten an Regeln hält, ­gerade deswegen aber die schlimmsten Verbrecher zur Strecke bringt. Der Film setzte in Hollywood Standards in Sachen harte ­Action-Thriller (Regie: Don Siegel). Eastwood schien endgültig auf Typen abonniert, die zwar von Gefühlen angetrieben werden, diese aber höchstens in kleinen Gesten andeuten. In „Flucht aus Alcatraz“ (1979) wird ihn einer fragen: „Wie war deine Kindheit?“, und Eastwood wird in der Rolle des genialen Ausbrechers antworten: „Kurz.“

Den tieferen Blick nach innen wagte Eastwood zunächst als Regisseur: In „Bird“ (1988) inszenierte er das tragische Leben des Jazz-Saxofonisten Charlie Parker, doch noch gelang es ihm nicht, seine Gefühle für die Musik in den Bildern spürbar werden zu lassen. Dafür unterzog er seine harten Kerle einer Wandlung.

Kehrte er in „Pale Rider“ (1985) als klassischer Westernheld zurück, so stellte er in „Erbarmungslos“ (1992) den Desperado-Mythos auf den Kopf: Als ­gealterter ­Revolverheld auf einer kargen Farm ringt er mit den Schweinen im Dreck. Schließlich lässt er aus Geldnot die Kinder zurück, um mit einem Ex-Kollegen (Morgan Freeman, Nebenrollen-Oscar für „Million Dollar ­Baby“) einen Job zu erledigen, den er sehr blutig und ganz und gar ruhmlos beendet. Erstmals war Eastwoods Einzelgänger ein gebrochener Mann, der weiß, dass seine Kaltschnäuzigkeit nur Fassade ist. Auch damals bekam er die Oscars für die beste Regie und den besten Film.

Wie eine logische Folge erscheint „Die Brücken am Fluss“ (1995). Eastwood gibt einen Fotografen, der – natürlich ganz allein – in der Provinz Holzbrücken fotografiert. Dabei trifft er die Liebe seines Lebens, eine Hausfrau (Meryl Streep), deren Familie für einige Tage verreist ist und die davon träumt, aus ihrem ereignislosen Dasein auszubrechen. Hier bleibt dem einsamen Wolf keine Hintertür: Sie geben sich einander hin, wohl wissend, dass beider Leben nie wieder so sein wird, wie es einmal war.

Nichts von sich preisgeben wollte zuletzt der Scharfschütze in „American Sniper“ (2014), und das war konsequent: Unter Eastwoods Regie spielte Bradley Cooper einen Traumatisierten des Irak-Kriegs, der erst Hilfe sucht, als er bei einer Gartenparty im paranoiden Wahn den Hund attackiert. Der Film ist ein tiefer Blick in die verwundete amerikanische Seele, die der nun sinnlos erscheinende Krieg nicht ­geheilt, sondern weiter erschüttert hat. Eastwood zeigt die Eskalation, den steigenden Blutzoll, den gedeihenden Terrorismus. Er zeigt Deformierte und Verstümmelte, die sich selbst verloren haben. Brad­leys Figur findet als Seelsorger zurück ins Leben – und wird von einem irre gewordenen Veteranen erschossen.

Im Fokus des gemäßigten Republikaners Eastwood, 1986 bis 1988 Bürgermeister seines kalifornischen Heimatortes Carmel, stehen immer die Menschen. Seiner tapferen Boxerin in „Million Dollar Baby“ gibt er den gälischen Kampfnamen „Mo Cuishle“. Der entpuppt sich als Zeichen großer Zuneigung, doch er löst das Rätsel erst kurz vor der Trennung. Echte Kerle machen nicht viele Worte.

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