Frustiert: Claudia Pechstein Foto: dpa

Claudia Pechstein wird über 3000 Meter nur Vierte. Die Eisschnellläuferin verpasst ihre zehnte Olympiamedaille.

Sotschi - Ein kurzer Blick auf die Anzeigetafel genügte und Claudia Pechstein wusste – die so ersehnte zehnte olympische Medaille war weg. Nur Platz zwei, die überraschend starke Olga Graf lag vor ihr. Die Russin hatte Pechstein nicht auf der Rechnung. Die nach ihr laufenden Topfavoritinnen gaben sich wie erwartet keine Blöße. Die Niederländerin Ireen Wüst holte sich Gold über die 3000 Meter, die tschechische Olympiasiegerin von Vancouver, Martina Sablikova, Silber.

Was blieb war ein undankbarer vierter Platz und Matthias Große schien es fast geahnt zu haben. Der Lebensgefährte von Claudia Pechstein saß mit missmutigem Blick auf der Tribüne, fuhr sich immer wieder nervös über den kahlrasierten Kopf. Und als seine Partnerin nach der vierten Runde immer unsauberer ihre Schlittschuhe ins Eisoval des pompösen Adler-Stadions kratzte, hielt es ihn nicht mehr auf dem Sitz. Brüllend lief er, wie ein Tiger, hin und her.

Genützt hat es nichts. Ausgepumpt ließ sich Claudia Pechstein auf eine weiße Matte, die auf der Bande lag, fallen. Wie ein Häufchen Elend lag sie minutenlang regungslos da. Wie viele Gedanken werden ihr in diesem Moment durch den Kopf geschossen sein? Vier Jahre lang hat die streitbare Bundespolizistin gekämpft um ihren guten Ruf, der ihr nach der Dopingsperre 2009 abhanden gekommen war. Wegen schwankender Blutwerte ließ sie die Internationale Eislauf-Union ISU nicht mehr starten. Auf eine vom Vater vererbte Blutanomalie sei dies zurückzuführen, behauptet Claudia Pechstein. Bestätigt hat sie das von unabhängigen Hämatologen bekommen. Und auch Dopingjäger Werner Franke sagte unlängst: „Claudia Pechstein hätte nie gesperrt werden dürfen.“

Nun ist sie schon 41. Einen Tag vor der Schlussfeier am 23. Februar wird sie 42 Jahre alt. Fast ist sie tragische Figur, denn seit vier Jahren verbringt sie genau soviel Zeit in Gerichtssälen wie in der Sporthalle. Ende der Winterspiele ist es wieder soweit. In München kämpft sie vor Gericht gegen die ISU um Schadenersatz in Millionenhöhe.

Jetzt endlich wollte sie Revanche, wollte Genugtuung. Purer Frust ist daraus geworden. Mit Tränen verquollenen Augen stellte sie sich nur kurz der Presse. Nach ein paar Minuten, brach sie weinend ab. Große und Trainer Helge Jasch mussten ihr gut zureden und mit hinter einer Sonnenbrille versteckten Augen und stockender Stimme sagte sie: „Eigentlich ist ein vierter Platz bei Olympia mit 41 ein Erfolg. Aber klar bin ich enttäuscht. So eine Holzmedaille ist einfach Sch . . .“ Was lief schief? „Ich kam nicht richtig in den Rhythmus. In den Kurven war es gut, aber auf den Geraden hatte ich große Probleme.“ Immerhin ist sie beste Deutsche. Bente Kraus, eine ihrer Freundinnen, kam auf Platz elf. Stephanie Beckert, eine ihrer Feindinnen gar nur auf Platz 17.

Pechstein gibt den Kampf noch nicht auf: „Olga Graf ist heute das Rennen ihres Lebens gelaufen. Jetzt will ich in zehn Tagen über 5000 Meter auch das Rennen meines Lebens versuchen.“ Auf der längeren Distanz könnte sie am 19. Februar doch noch ihren Traum erfüllen und als älteste Medaillengewinnerin bei Winterspielen in einer Einzel-Disziplin in die Geschichte eingehen. Und vielleicht ist sie erst dann so richtig in Topform. Denn wie sie erst am Sonntag erklärte, war sie vor gut einer Woche noch krank und musste sich in der Poliklinik in Sotschi behandeln lassen.

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