Claudia Heinle in einer Performance. Der Stockkampf-Tanz wird in Ägypten ausschließlich von Männern praktiziert. Foto: /Tanzraum/Rolf Brecht

Ihr Großonkel baute mit dem Stuttgarter Fernsehturm ein schwäbisches Wahrzeichen. Claudia Heinle widmet sich einer anderen Hochkultur. Sie ist Meisterin des ägyptischen Tanzes.

Einmal durfte sie Gast sein bei einem Beerdigungsritual. Einer ihrer Musiker hatte ihr die Tür zu dem Privathaus in Luxor geöffnet, wo sich der verborgene Kult abspielte. Ein Dutzend Männer tanzten ihre hypnotischen Tänze. Irgendwann stand sie auf, reihte sich ein und machte einfach mit. Das hätte der größte Fehltritt ihres Lebens sein können. Aber sie ließ es darauf ankommen.

 

Die Sufis waren plötzlich hellwach, guckten mit großen Augen und brauchten ein paar Momente, um zu erfassen: Dieser Körper vermochte auf die gleiche Art und Weise zu tanzen, wie sie selbst tanzen. Dann war alles wieder normal und sie Teil der Gruppe. „Eine ägyptische Frau hätte sich das nie erlaubt.“

Claudia Heinle, Jahrgang 1966, stammt aus einer urschwäbischen Ingenieursfamilie. Sie kann Schwäbisch schwätza und Spätzla schaba, wie sie betont. Sie ist in Ludwigsburg aufgewachsen, lebt heute am Bodensee – und tanzt sich so tief in die ägyptische Kultur, wie es nicht mal Einheimische tun.

Ihr Großonkel, der Architekt Erwin Heinle, baute mit Fritz Leonhardt und Horst Linde den Stuttgarter Fernsehturm und den Landtag. Ihr Großvater hatte ein Hochtiefbau-Unternehmen in Feuerbach. Ihr Vater war ebenfalls Bauingenieur. Architektin stand auch mal auf ihrer Jugendtraumliste. Aber dann schlug sie irgendwie auf wundersame Weise aus der Art.

Claudia Heinle ist Eingeweihte des ägyptischen Tanzes, wie er seit Tausenden Jahren weitergegeben wird. Sie lernte bei der Murad-Metqali-Familie in Luxor, bei El Fuad in Kairo, bei Abdel Alim in El-Minya. Jede dieser Familien verkörpert eine eigene, durch unzählbare Generationen gewachsene Tanzlinie.

Sie trat schon im Garage Theater und in der großen Bibliotheka von Alexandria auf, im Opernhaus von Kuwait City, am Institut du Monde Arabe in Paris, im Zentrum für African Culture in Oslo. Sie leitete Workshops in Stockholm, Bologna, Ljubljana, Paris, Basel. Sie gibt Unterricht. Sie hat eine Tanzkompanie in Kreuzlingen – und ein Plattenlabel: „Wir haben im Lauf der Zeit viele bedeutende Musiker aufgenommen, die heute nicht mehr leben. Ein unschätzbares Archiv.“

„Verkitschtes Zeug und auch sexistisch“

Warum sucht jemand die Nähe zu einer von Haus aus so fremdartigen Kultur? „Als Jugendliche hätte ich nie gesagt, dass Tanz meine große Leidenschaft ist“, sagt Claudia Heinle. Nach dem Abitur will sie Krankengymnastin werden. Mit ihrem Notenschnitt schafft sie es nur auf die Wartelisten der Schulen. Studiert sie halt Politik- und Verwaltungswissenschaft in Konstanz. Berufsziel: vage. Vielleicht etwas im Gesundheitswesen. Bei einem Israel-Aufenthalt kommt sie zum ersten Mal in Berührung mit orientalischem Tanz. „Irgendwas hat mich damals schon angesprochen. Aber irgendwie war das verkitschtes Zeug und auch sexistisch.“

In einem Auslandssemester befasst sich die damals 25-Jährige mit der Altenpolitik der Dänen. Sie besucht ein Musikfestival. Eine ägyptische Tanzgruppe betritt die Bühne. Das ist kein Tausendundeine-Nacht-Klischee. „Das war ein stolzer Tanz, mit viel Weiblichkeit und auch viel Männlichkeit“, sagt Claudia Heinle. „Mein Herz hat angefangen zu klopfen. Ich war richtig gefangen davon.“ Die Welt des Unbekannten bereitet dem menschlichen Geist manchmal feine Überraschungen.

Sie besucht Workshops und Sommertanzwochen der Kompanie in England. Hier kann sie an der Quelle tanzen und lernen. „Ich war nie gut in der Schule, hatte auch sonst oft irgendwelche Schwierigkeiten. Aber hier hatte ich zum ersten Mal etwas gefunden, was mir wirklich leichtgefallen ist. Und ich wusste gleich, dass ich es nie wieder bleiben lasse.“ Wohin es auch führen mag.

Ihre Diplomarbeit schreibt sie noch fertig, zugleich ist ihr aber schon klar, dass sie dieses Studium künftig nichts mehr angeht. Stattdessen lädt sie Musiker und Tänzer an den Bodensee ein, wird Managerin der Kompanie und tourt mit ihr quer durch Europa. „Ich habe nicht von Anfang an angestrebt, Tänzerin zu werden. Es ist so geworden.“

Eine Gesellschaft findet sich nicht allein in der Sprache, der Handwerkskunst, Poesie, Malerei oder Architektur. Da ist auch der Tanz. Und den kann man nicht festhalten in Partituren oder technischen Zeichnungen. Das sieht sie als Mission: „Dieser Ursprache wieder zum Leben verhelfen. Wie ein Archäologe, der etwas gefunden hat“, sagt Claudia Heinle. „Es dauerte sicher zehn Jahre, bis man sagen durfte: Das ist jetzt ein Niveau, das man Meisterschaft nennen kann.“

Die Eltern fällt es schwer, wenn sie Freunden oder Nachbarn erklären sollen, was ihre Tochter denn jetzt so beruflich macht. Nach ein paar Sätzen folgt meistens die Feststellung: „Ach so, sie macht Bauchtanz.“ Ihr Vater verschafft sich ein eigenes Bild und schaut sich einen Auftritt an. Ihn fasziniert Ibrahim, der Trommler. Wie kann man so etwas mit seinen Händen vollbringen? „Über Ibrahims Kunst hat er verstanden, was ich tue“, sagt Claudia Heinle. Bei der Mutter dauert es länger. „Aber heute ist sie auch froh für mich.“

Als Jugendliche, erzählt Claudia Heinle, war sie oft nervös und nicht bei sich. „Ich wurde schnell rausgeworfen von dem, was von außen auf mich eingeströmt ist.“ Im Tanz findet sie ein Mittel. „Danach ist man ein Mehr von sich selbst, nicht nur ein kleiner Teil, der kämpft“, sagt sie. „Für mich ist es der Tanz, der mich ganz macht. Für andere vielleicht die Literatur. Oder für Informatiker die Klarheit der Programmiersprache.“ Der völlige Einklang. Etwas, wo man spielen kann.

Das Fliegen ist so wichtig wie die Erdenschwere

In einer Performance betritt sie gehend die Bühne. Aber wie sie geht, ist schon Tanz. Schon alles drin. Gewandt, geschmeidig, nicht großartig auf erotische Wirkung aus. Und fast gewinnt das Ganze noch, wenn man die monotonen Flöten und Trommeln ausblendet und das Video auf stumm schaltet.

„Man studiert keine festen Abläufe ein, wie wir es von Volkstänzen gewohnt sind. Man lernt, die Musik zu verstehen“, sagt Claudia Heinle. Ballett will leicht sein, weg von der Erde auf die Spitze. „Beim ägyptischen Tanz ist das Fliegen genauso wichtig wie die Erdschwere.“

Seit einigen Jahren spürt sie den Sufis mit ihren Trance-Tänzen nach. Dem Zar-Ritual, das Frauen der ärmeren Schichten heute noch im Untergrund praktizieren – zur Behandlung von Kopfweh bis zur Gemütskrise. Eigentlich ein reines Frauenritual, manchmal schließen sich Männer an, die sich davon angezogen fühlen. Dann wird stundenlang Musik gemacht, geraucht, gegessen, getrunken. „Die Frauen tanzen wild bis zum Umfallen. Dabei befreien sie sich auch von Dingen, die sie unterdrücken. Es ist ein Ventil.“ Claudia Heinle schaut sich das an. Wie ein Lotse auf See, dem der oberflächliche Wellengang auch die Untiefen des Meeres verrät. Manchmal darf sie filmen. Daraus schöpft sie. „Wenn wir dann unsere Bühnenwerke produzieren, sind wir ganz frei. Wir befreien den Tanz von Konventionen. Wir machen Stockkampf-Tänze, die sonst Männern vorbehalten sind. Wir tun, was uns gefällt.“

Früher war der Tanz heilig, heute ist er Sünde

Claudie Heinle liebt Ägypten, „aber es gibt viele Dinge, die du hassen kannst“. Das schlechte Bildungssystem. Den Willkürstaat: „Wer an Demonstrationen teilnimmt, kann einfach ohne Rechtsbeistand auf unbestimmte Zeit eingesperrt werden – und die Zustände in den Gefängnissen sind schlimm.“ Die Nilkanäle abseits der herausgeputzten Touristengebiete: meterhoch voll Plastikmüll. Soziale Ungleichheit: Die Mittelschicht verarmt zusehends. Die Unterdrückung der Frauen: Gleichberechtigung existiert nicht. „Aber am Ende machen Ägypten die Menschen aus, die du triffst. Wenn du die Türen aufmachst, bist du immer überrascht. Da ist die Militärdiktatur weit weg.“

Auch das ist widersprüchlich: Gerade für jene Frauen, die am engsten an die Traditionen gebunden sind und die Tänze noch beherrschen, gehört es sich nicht, außerhalb des Hauses oder überhaupt zu tanzen. Im Altertum war der Tanz heilig, heute ist er Sünde. Aber doch so stark, dass die traditionellen Tanzrituale im Geheimen weiter praktiziert werden – „von den Armen, die nur eine minimale bis keine Schulbildung haben, die in den gesellschaftlichen Zwängen gefangen sind, aber das alte Wissen in sich tragen“, sagt Claudia Heinle. „Mit ihnen bin ich am liebsten zusammen, sie sind meine Lehrerinnen.“

„Als europäische Frau kann ich andere Dinge machen als Ägypterinnen“

Mehr als 30 Jahre macht sie das jetzt schon. Reich ist sie nicht geworden. Manchmal wird es etwas kritisch, wenn eine Zahnarztrechnung kommt, aber auch dann gibt es immer eine Lösung, sagt sie.

Gerade war sie wieder in Alexandria. Im Kulturzentrum der Jesuiten, wo auch schon ägyptische Punkbands spielten, leitete sie ein Performance-Projekt mit einheimischen und europäischen Musikern und Tänzern. Das Publikum: eine kulturinteressierte Mittelschicht, die eigentlich in den Clubs mit ihren westlich ausgerichteten Klängen zu Hause ist. „Den Tanz, der aus den alten Ritualen wächst, gibt es im heutigen Ägypten so gut wie nicht mehr. Wir füllen dieses Vakuum“, sagt Claudia Heinle. „Als europäische Frau kann ich ganz andere Dinge machen als die Ägypterinnen selbst.“

Manchmal fragt sie sich: „Was machst du eigentlich? Welche Relevanz hat das überhaupt?“ – „Aber wenn ich dann in Ägypten vor Ägyptern auftrete und sehe, dass ich sie wirklich erreiche: Das ist schon was.“