Clément Cogitore in Stuttgart Das große Verschwinden

Von Nikolai B. Forstbauer 

Szene aus „Ni le Ciel, ni la Terre“ Foto: Cogitore
Szene aus „Ni le Ciel, ni la Terre“ Foto: Cogitore

„Ni le Ciel, ni la Terre“ (Weder Himmel noch Erde) heißt der erste Spielfilm des französischen Künstlers Clément Cogitore. Er spielt im Nirgendwo des Afghanistan-Kriegs. Am Freitag ist der Film in der Galerie Reinhard Hauff in Stuttgart zu sehen.

Stuttgart - Was sehen wir eigentlich, wenn wir unbedingt alles genau sehen wollen und mit speziellen optischen Techniken die Nacht scheinbar zum Tag machen? Entstehen in der Präzision der militärischen Nachtsichtgeräte vielleicht neue Unschärfen? Und was heißt es, wenn es im digitalen Krieg darum geht, die optische Schärfe etwa von Drohnen zu verwirren?

Ein Wissenschaftler würde wohl den ­Einzelfragen wie auch den Einzelphänomenen an sich nachspüren. Der französische ­Medienkünstler Clément Cogitore, mit ­seinen Filmprojekten immer wieder bei internationalen Festivals hervorgetreten, hat daraus seinen ersten Spielfilm gemacht. Auch „Ni le Ciel, ni la Terre“ wird international auf Festivals gefeiert – zuletzt in Los ­Angeles. Doch im Kino ist „Ni le Ciel, ni la Terre“ nicht zu sehen, schon gar nicht in ­Deutschland.

Von diesem Freitag an wird die Galerie Reinhard Hauff in Stuttgart (Paulinenstraße 47) zur ersten öffentlichen Bühne für „Ni le Ciel, ni la Terre“, für einen Film über das Verschwinden, über den zermürbenden Krieg in Afghanistan, über die Bedeutung des Bildes. Neue Bilder begleiten denn auch den Film, in dem der Filmemacher, der Regisseur Cogi­tore unmittelbar dem Künstler Cogitore ­begegnet – als einem Landschaftsmaler mit fotografischen Mitteln, als einem, der auszieht, der Schönheit eine neue Dimension zu geben, als einem, der den Kriegführenden so leise wie eindringlich eben jene Ebene vorführt, die auch seiner eigenen Bildwelt Tiefe gibt: das Absurde.

In aller (zeitgebundenen) Radikalität weist Lars von Trier in seiner für das ­dänische Fernsehen von 1994 bis 1997 produzierten (Krankenhaus-)Serie „Geister“ auf die Relevanz des Absurden hin, wenn es darum gehen soll, Realität überhaupt ­erfassen und einschätzen zu können. Und nicht wenige ambitionierte Weltraum-Thriller setzen auf das Moment des Absurden, um eine Urangst zu thematisieren: die Angst, im Nichts verloren zu gehen. Das ­Geschehen auf einem Raumschiff etwa ­erlaubt zudem eine örtliche Verdichtung, wie sie für das Genre des Kriegsfilms lange ­unüblich war.

Die israelisch-deutsch-französisch-libanesische Koproduktion „Lebanon“ ver­ändert 2009 diese Ausgangssituation ­radikal. Regisseur Samuel Maoz konzen­triert sich ganz auf das Geschehen in einem israelischen Panzer beziehungsweise auf den Ausriss an Welt, der sich für die Soldaten aus dem schmalen Sichtschlitz ergibt.

„Ni le Ciel, ni la Terre“, Skizze der ­Geschehnisse rund um eine imaginäre französische Sicherungseinheit im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan, spielt mit Momenten der Gegenwelten von „Geister“ und „Lebanon“, weiß um die Weltraumabgründe.

Doch nicht nur mit den Augen von ­Capitain Antares Bonnassieu (Jérémie Renier) wird rasch deutlich, dass es in dem in Marokko gedrehten Film noch um anderes geht. Der Künstler Cogitore nähert sich über die durch die ­Soldaten erlebte Unschärfe aller Realität einem Punkt, an dem das System des bewaffneten Kampfes zum Untersuchungsgegenstand wird. Ob westliche Armee oder Taliban – jeweils ist Töten und Getötet-Werden ­fraglos systemimmanent. Das Wort ­„Verlust“ aber bezeichnet sehr deutlich einen realen, einen zu bestätigenden Todesfall. Wenn aber die Bestätigung ausbleibt, einzig der Verlust bleibt, bringt dies ­Verunsicherung in das Befehlsgefüge. Der militärisch Verantwortliche kann den „Verlust“ nicht begründen und greift gegebenenfalls zu scheinbar absurden, in ihrer ­Konsequenz aber doch die Realität der militärischen Befehlsverantwortung wieder­herstellenden Mitteln.

Demonstriert Cogitore in einigen Momenten von „Ni le Ciel, ni la Terre“ die Möglichkeiten des Verschwindens, sind diese in der bei Hauff parallel präsentierten Fotoserie „Digital desert“ Voraussetzung für die ­Bildentwicklung. Thematisiert wird die ­Entwicklung von Uniformen, deren ­Camouflage-Motiv aus Pixeln besteht. Digitale Kameras sollten so verwirrt werden. Längst aber sind auch die Kämpfer auf der Gegenseite mit entsprechenden Uniformen eingedeckt. Für Clément Cogitore werden die US-Uniformen zum Entsorgungsfall. Nicht anders als Flugzeugwracks findet sich die vormalige Hightechkleidung in der Wüste wieder – um dort eben noch eine ­Figuration zu behaupten und im nächsten Moment zu verschwinden.

Tag und Nacht stehen sich in „Digital ­desert“ gegenüber, die Landschaft verschluckt das Material, wie sie im Grunde die Menschen verschluckt, verschwinden lässt. Mit den Ausstellungen „Ein Loch im Meer“ im Württembergischen Kunstverein Stuttgart (Kunstgebäude am Schlossplatz) und „Ponderosa“, der aktuellen Sonderschau zum Werk von Candice Breitz im Kunstmuseum Stuttgart, verbindet sich „Ni le Ciel, ni la Terre“ in der Galerie Reinhard Hauff zu einem herausragenden Panorama internationaler Gegenwartskunst – erlebbar in Stuttgart.

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