Kein Drama, aber einen Abend mit harten Fakten, einer Leber und einem ewig strampelnden Radfahrer bietet das Citizen.Kane.Kollektiv im Kammertheater.
Stuttgart - Es gibt einen, der produziert die ganze Vorstellung lang pure Energie: Unermüdlich tritt der Radler in die Pedale, schwitzt und wird ein Kleidungstück nach dem anderen los, sein Dynamo macht Licht.
Energie ist eben anstrengend, heißt es an einer Stelle in „Grand Reporterre#4: Deadline“, das die freie Stuttgarter Performance- und Theatergruppe Citizen.Kane.Kollektiv mit dem Théâtre du Point du Jour aus Lyon im Kammertheater auf die Bühne gebracht hat. Mit Livemusik, Darstellern und Videoeinspielern, die vom Kohleabbau geschundene Landschaften, Kühltürme eines Atommeilers und schwarze Fahnen mit Daimler-Logo zeigen. Dazu gibt es gefilmte Interviews, etwa mit einem ehemaligen Daimler-Manager, mit Aktivistinnen und dem Atomkraftgegner und stellvertretenden Bürgermeister von Lyon.
Vom Niedergang des Verbrennungsmotors
Hinter dem Bühnengeschehen aus Videos und Performances steht harte Recherche: Die Journalistin Julia Lauter hat die Interviews geführt, die Fakten zu der Atomenergie und dem Niedergang des Verbrennermotors zusammengetragen und einen Text formuliert, der nüchtern Zahlen (sehr, sehr viele Zahlen) listet, aber auch assoziative Denkräume schafft. Ein gemähtes Wiesle also für die Performer vom Citizen.Kane.Kollektiv, die mit ihren französischen Kollegen mit Witz und Spiellust die Ebene der Dokumentation aufbrechen.
Und zunächst einmal mit einem Mythos aufräumen: Auf der Bühne verharrt Prometheus in Ketten. Der Mann, der den Menschen das Feuer, die Energie, gebracht hat und dafür so schrecklich von den Göttern bestraft wurde.
Die Performer drehen den Spieß um: Nicht die Götter, die Menschen haben ihn angekettet; und weil ihm dabei so langweilig wurde, hat er angefangen, Wodka zu trinken, bis die Leber kaputt war. Zum Glück kam der Adler und hat dafür gesorgt, dass sie sich immer wieder erneuert.
Es geht nicht um schnelle Lacher
Das hört sich jetzt vielleicht nach Klamauk an, aber nur um schnelle Lacher geht es nicht. Um ein radikales Umdenken schon eher, und dafür muss man sich eben ans Grundsätzliche machen. Den Stromsparschalter hat Jutta Lauter als den größten Witz identifiziert: Die Endverbraucher haben den geringsten Anteil an den Emissionen, die in den Hitzekollaps führen. Es sind die Stromkonzerne. Der Appell an den Einzelnen, sich beim Fliegen zu beschränken, „atomisiert die gesellschaftliche Energie, die nötig wäre für einen Strukturwandel“, heißt es in dem aus dem Off gesprochenen Text.
Die Interviewpartner aus Leipzig, Lyon und Stuttgart sind unterschiedlich interessant, die Konstellationen – hier der Arbeiter, der stolz war auf seine Arbeit, trotz der Wäsche im Garten, die schwarz wurde vor Ruß, dort die Aktivistin, die den Dreck der Braunkohleindustrie anprangert – vorhersehbar.
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Dass die Darsteller dazu murmelnd übersetzen, immerhin ist es ja eine zweisprachige Produktion, und sich dazu auf der Bühne rekeln, nun ja. Die Abschiedssongs vom Auto und von der Selbstherrlichkeit, gar von der Erde als bewohnbarem Planeten klingen in ihrer gitarrenverzerrten Wucht dafür umso eindringlicher. Nach der Stuttgarter Premiere ist der „Grand Reporterre#4: Deadline“ vom 21. November an in Lyon zu sehen.