Jette Plock wusste schon früh, was sie werden will – Zirkusartistin. Jetzt ist sie auf der einzigen Artistenschule Süddeutschlands auf dem besten Weg. In der Ausbildung im Schwäbischen Wald lernt sie Partnerakrobatik und fordert sich und ihren Körper.
Jette Plock weiß es noch so genau, als sei es erst gestern gewesen. Dieser Moment, als sie als Erstklässlerin – damals noch in ihrer Heimatstadt Hamburg – zum ersten Mal beim Kinder- und Jugendzirkus mitgemacht hat und augenblicklich fühlte, dass sie bleiben will.
Eigentlich hatte sie neben dem Reiten nur nach einem zweiten Hobby gesucht, doch dann fand sie eine Beschäftigung, die sich fortan wie ein roter Faden durch ihr Leben ziehen sollte. „Ich war einfach sofort begeistert. Erst habe ich einmal die Woche trainiert, später mehrmals. Es kamen auch einige Freunde aus der Schule dazu und ich fand relativ bald meine Lieblingsdisziplin und war glücklich“, sagt Jette Plock.
Schnell verliebt sich Jette Plock in die Akrobatik
So hat die heute 20-Jährige nach anfänglichen Versuchen auf der Kugel schnell die Partnerakrobatik für sich entdeckt, blieb dabei und ist aktuell auf dem Weg, eine Zirkusartistin zu werden. Ihre Ausbildung macht die kreative junge Frau in der „CircArtive School“ in Gschwend – die einzige Artistenschule in ganz Süddeutschland. Dort, gelegen im Schwäbischen Wald – im Südwesten angrenzend an Alfdorf und im Westen an Kaisersbach und Murrhardt – befindet sich der besondere Rappenhof, auf dem angehende Artisten quasi in einer ganz eigenen idyllischen Welt die Zirkuskünste und viel fürs Leben lernen. Egal ob Laufkugeln von 30 Zentimeter bis hin zu zwei Metern Durchmessern, statischem Trapez, Tanztrapez, Russian Cradle oder der großen Flugtrapezanlage – für alles ist gesorgt. Dabei ist das Areal als Zirkusstadt mit Haupthaus, verschiedenen Aktionsräumen, bunten Zirkuszelten, Stallungen und Übernachtungsmöglichkeiten aufgebaut. „Wir wohnen in Kleingruppen zusammen, bereiten Frühstück und Abendessen vor und werden mittags von einer Köchin verwöhnt“, sagt Jette Plock, die sich wohl keine bessere Ausbildungsstätte als die in der Berufsfachschule für Artistik vorstellen könnte.
Dort hat sie bereits die einjährige Ausbildung zum Trainer absolviert und ist nun am Ende der darauf aufbauenden zweijährigen Artistenausbildung. „Ich bin genau genommen sogar schon dreieinhalb Jahre hier, weil ich das zweite Jahr noch mal gemacht habe, um weiterhin mit meiner Akrobatikpartnerin, die jünger als ich ist, zusammenarbeiten und den Abschluss machen zu können“, erklärt Jette Plock, die auf dem Rappenhof auch ihren Realschulabschluss gemacht hat.
Akrobatik lernen und den Schulabschluss machen
Als sie aus Hamburg kam, um ihren außergewöhnlichen Berufswunsch umzusetzen, hatte sie bereits den Hauptschulabschluss in der Tasche. Dass sie noch weitermacht, sei eine Bedingung ihrer Eltern gewesen. „Sie helfen mir und unterstützen mich komplett, aber sie wollten, dass ich mindestens den mittleren Schulabschluss mache“, sagt Jette Plock, die dafür in der „CircArtive School“ in Gschwend optimale Bedingungen hatte – denn dort können die jungen Bewohner parallel Schulabschlüsse erwerben und eine Berufsausbildung machen.
Doch nicht nur das begeistert die 20-Jährige, sie ist auch ein großer Fan davon, wie die Zirkusarbeit vor Ort abläuft. Es gehe weit über reine Zirkusdarbietungen hinaus. „Wir zeigen die Figuren und damit Körpergefühl und Beweglichkeit.“ Aber es gehe auch ganz viel darum, mit den Artistennummern etwas auszudrücken, aktuelle Themen zu veranschaulichen und dem Publikum einen Spiegel vorzuhalten und es zu fordern.
In den Shows geht es um Aktuelles
Mitte Juli ist die Abschlussshow – auch mit tiefgreifender Thematik. Denn ein Grundkonzept der Schule sei es, durch die Artistik aktuelle Themen kritisch darzustellen und die Zuschauer zum Nachdenken anzuregen. „Damit gehört unsere Schule zum zeitgenössischen Zirkus, der sich gerade entwickelt. Bei den kleinen Wanderzirkussen geht es meist eher um die Darbietungen selbst, ohne so viel Tiefgang.“ Die diesjährige Show der Gschwender Artistenschule trägt den Titel „CircArtive fasziniert – füreinander Leben gewinnt“. Dabei beschäftigen sich Jette Plock und ihre Mitschüler eigenem Bekunden nach damit, wie sie einander bestmöglich unterstützen und dadurch das Leben aller verbessern können. Ihre Lehrer üben dafür mit den jungen Auszubildenden auch Ausdruckstanz und Theaterarbeit, um Emotionen und Meinungen zu wecken und zu transportieren und die angehenden Artisten zu kreativer Arbeit anzuleiten.
Für ihre ausdrucksstarken Darbietungen mit Akrobatikpartnerin Martha Pegel schlüpft Jette Plock in die Rolle eines leicht verpeilten jungen Mannes, der dann doch immer alles hinkriegt. „Ich würde nicht sagen, dass das mein Charakter ist, aber es bietet eine gute Voraussetzung, um mich auszuprobieren und viel über mich zu lernen“, erklärt Jette Plock, die sich für die Auftritte schminkt und mit passendem Outfit in die Rolle eintaucht. Bevor es losgeht, hat sie meist gut zu tun. „Ich bräuchte keine Ablenkung, aber wenn was anfällt, erledige ich es.“ Lampenfieber hat sie kaum, aber durchatmen muss sie schon, bevor es los geht. Bei der Akrobatik ist Jette Plock meistens unten, was ihr besonders viel Kraft und Körperspannung abverlangt. Mit der Ausbildung, welche Unterricht, körperliche und mentale Übungen sowie Training von Gastkompanien beinhaltet, will sie sich auf eine Hochschule für Artistik vorbereiten. „Wir lernen aber auch Technisches und erfahren alles, was zum Zirkusleben dazugehört“, sagt sie und freut sich, wenn sie sich irgendwann als Artistin selbstständig macht und ihren Traumberuf lebt.
Der Rappenhof in Gschwend
Info
Nähere Informationen über den Rappenhof und die Zirkusschule unter https://www.circartive.de sowie unter https://www.circartiveschool.de/