Die Nieren sind die Kläranlage unseres Körpers. Sie leisten Tag und Nacht Schwerstarbeit. Foto: Imago/ /imageBROKER/Sigrid Gombert

Viele Menschen sind chronisch nierenkrank, ohne es zu wissen. Eine frühe Diagnose und die Behandlung mit neuen Medikamenten könnten etlichen Betroffenen eine Dialyse oder Transplantation ersparen. Doch bei der Früherkennung gibt es große Lücken.

Bis im August vor zwei Jahren wusste Christian Strehle nichts von seiner Nierenkrankheit. Und wahrscheinlich wäre das auch noch eine Weile so geblieben, wenn nicht die Sache mit seinem linken Auge gewesen wäre. „Ich habe eines Morgens einen Fleck mitten im Gesichtsfeld bemerkt, an dem ich nichts mehr sehen konnte“, erinnert sich der Hörgeräteakustiker aus Fellbach. Beunruhigt ging Strehle zum Augenarzt, der ihn in die Augenklinik des Katharinenhospitals in Stuttgart schickte.

 

Routinemäßig wurde dort auch sein Blutdruck gemessen. „Über das Ergebnis bin ich selber erschrocken“, erzählt der 40-Jährige. Der obere Wert lag deutlich über 200 – bereits ab 140 spricht man von Bluthochdruck. Strehles Blutdruck musste schon länger so hoch gewesen sein, ohne dass er etwas davon merkte. Die letzte Messung lag schon viele Jahre zurück. Folge des Bluthochdrucks war eine Schwellung unter der Netzhaut des linken Auges, die sein Sehvermögen beeinträchtigte. Als Erstes wurde ihm daher ein Blutdrucksenker verabreicht. Bei weiteren Untersuchungen wurde aber auch festgestellt, dass Strehles Nieren nicht richtig arbeiteten, was wiederum eine wesentliche Ursache des hohen Blutdrucks war.

„Blutdruck und Nierenfunktion beeinflussen sich gegenseitig“, sagt Jörg Latus, Ärztlicher Leiter der Abteilung für Allgemeine Innere Medizin und Nephrologie am Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) in Stuttgart. Einerseits ist Bluthochdruck neben Diabetes und Übergewicht einer der wesentlichen Risikofaktoren für die Entstehung von Nierenerkrankungen, andererseits können Störungen der Nierenfunktion den Blutdruck in die Höhe treiben, was wiederum den Nieren schadet – ein Teufelskreis.

Patienten merken lange nichts

„Das Tückische an einer chronischen Nierenkrankheit ist, dass man oft lange nichts davon merkt“, sagt Latus, bei dem Strehle seit Februar in Behandlung ist. Zum Zeitpunkt der Diagnose seien die Nieren oft schon fortgeschritten geschädigt, schlimmstenfalls sind eine zeitnahe Dialyse oder eine Nierentransplantation notwendig. Christian Strehle hatte Glück im Unglück: Seine Krankheit war noch in einem früheren Stadium, als sie entdeckt wurde.

Zudem profitiert er von den Fortschritten der Pharmaforschung. Unter anderem nimmt er einen sogenannten SGLT-2-Inhibitor. Diese ursprünglich für Diabetiker entwickelten Wirkstoffe erhöhen die Glukoseausscheidung durch die Nieren und senken so den Blutzuckerspiegel. Sie wirken sich Studien zufolge aber auch positiv auf den Verlauf chronischer Nierenkrankheiten aus. „Die SGLT2-Inhibitoren sind ein echter Game Changer für die Nierenheilkunde“, so Latus.

In Strehles Fall kommt ein Medikament mit dem Wirkstoff Sparsentan dazu. Dieser wurde speziell für die Art von Nierenerkrankung entwickelt, die bei dem 40-Jährigen diagnostiziert wurde. Strehle leidet an einer Immunglobulin-A-Nephropathie. Im Zuge dieser Autoimmunerkrankung lagern sich Komplexe aus Antikörpern und Eiweißmolekülen im Nierengewebe ab. Die Folge ist eine fortschreitende Verschlechterung der Nierenfunktion. Sparsentan wirkt diesem Prozess entgegen.

Kein Eiweiß mehr im Urin

Bei Strehle funktioniert das offenbar gut. Die bei seiner Erkrankung typische Eiweißausscheidung über den Urin sei durch das neue Medikament auf null zurückgegangen, berichtet Latus. Strehle erhält das in den USA bereits zugelassene Sparsentan noch im Rahmen eines Modellprojekts. Vom Herbst an wird es voraussichtlich auch regulär in Deutschland verfügbar sein.

Bereits vorhandene Nierenschäden lassen sich aber mit keinem Medikament wieder reparieren – zerstörtes Gewebe wächst nicht nach, wie Latus erläutert. „Wir können aber erreichen, dass die Nierenfunktion deutlich langsamer zurückgeht.“ Er zeichnet eine abfallende Linie in ein Koordinatensystem: „Ziel der Behandlung ist es, dass diese Linie so flach wie möglich verläuft“. Bei relativ jungen Patienten wie Strehle, die noch viele Lebensjahre vor sich haben, sei das besonders wichtig, so Latus. „Bei ihm geht es um alles.“

Es kommt aber nicht nur auf die Neigung der Linie an, sondern auch auf den Startpunkt: Je mehr Nierenleistung zum Zeitpunkt der Diagnose noch vorhanden ist, desto länger lassen sich Dialyse oder Transplantation hinauszögern oder ganz vermeiden. „Deshalb ist es so wichtig, dass Nierenkrankheiten früh erkannt werden“, sagt Latus.

Und da sieht der Mediziner hierzulande noch viel Luft nach oben. Er legt einen Fachartikel auf den Tisch, laut dem allein in Deutschland zehn Millionen Menschen chronisch nierenkrank sind. Doch nur drei von zehn der Betroffenen wüssten von ihrer Erkrankung, und nur zwei seien deshalb in ärztlicher Behandlung. Selbst Risikopatienten mit Bluthochdruck, Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen würden oft nicht auf eine chronische Nierenerkrankung getestet, so Latus. Zur Diagnose ist neben der Bestimmung des Kreatininwerts im Blut auch ein Urintest auf das Eiweiß Albumin erforderlich.

Neue Medikamente verändern die Situation

„Die Hausärzte haben das teilweise noch nicht so auf dem Radar“, sagt Latus. Das hänge auch damit zusammen, dass es lange kaum Behandlungsmöglichkeiten für chronisch Nierenkranke gab. „Deshalb wurde auch der Diagnose keine allzu große Beachtung geschenkt“, sagt der Nephrologe. Die neuen Medikamente hätten die Situation jedoch komplett verändert.

Latus hielte es für sinnvoll, nicht nur Risikopatienten, sondern alle Menschen ab 35 standardmäßig mittels Blut- und Urinanalyse auf chronische Nierenerkrankungen zu testen und bei Bedarf frühzeitig zu behandeln. Der Mediziner verweist darauf, dass eine verringerte Nierenfunktion auch das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen erhöht. Zudem bräuchten weniger Menschen eine Dialyse, die mehrere Zehntausend Euro im Jahr kostet, oder eines der knappen Spenderorgane.

Davon ist Christian Strehle zum Glück noch weit entfernt. Den Fleck in seinem Auge kann er bis heute manchmal wahrnehmen. Ohne diese Fleck wäre seine Nierenkrankheit vermutlich erst viel später erkannt worden. „Ich fühle mich gut“, sagt er nach dem Untersuchungstermin. In der Hand hält er einen Plastikbeutel mit den Medikamenten für die nächsten Wochen.