Christopher Street Day in Stuttgart Türkische Gemeinde mit eigenem Wagen

Von Tilman Baur 

CSD-Teilnehmer in Istanbul: die Polizei schreitet gewaltsam ein Foto: AP
CSD-Teilnehmer in Istanbul: die Polizei schreitet gewaltsam ein Foto: AP

Das Thema Homosexualität sei in vielen türkischstämmigen Familien nach wie vor ein absolutes Tabu, sagte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde, Gökay Sofuoglu. Doch es gibt auch positive Entwicklungen.

Stuttgart - Menschen mit Migrationshintergrund, die von der Norm abweichen, haben es oft schwer. Anlässlich des Christopher Street Days (CSD) hat die Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg (TGBW) bei einer Veranstaltung auf die Situation der LSBTTIQ-Gemeinde aufmerksam gemacht. Die Abkürzung steht für „Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queer“. Vor allem das Thema Homosexualität sei in vielen türkischstämmigen Familien nach wie vor ein absolutes Tabu, sagte der Vereinsvorsitzende Gökay Sofuoglu.

Die TGBW ist einer der wenigen türkischen Institutionen, die sich des Themas annimmt. So wirbt der Verein im Modellprojekt „Kultursensible sexuelle Orientierung – Andrej ist anders und Selma liebt Sandra“ mit Postkarten, Plakaten und Broschüren um Akzeptanz. Darüber hinaus bietet das Projekt Beratungsgespräche an und kooperiert mit bestehenden Institutionen wie dem schwul-lesbischen Weissenburg-Zentrum. Beim CSD ist der Verein erstmals mit einem Wagen vertreten.

Zwangsheirat von Schwulen und Lesben verbreitet

In seinen Bemühungen um Akzeptanz abweichender Lebensmodelle macht Sofuoglu zweierlei Erfahrungen. „Es gibt viele Leute, die nicht diskutieren wollen. Sie sagen, das sei kein Problem der Türken.“ Andere seien dankbar und erleichtert, mit dem Verein eine Anlaufstelle zu haben. An Anfeindungen sei er gewöhnt, so Sofuoglu. Er werde fast täglich als „Schwuchtel“ beschimpft, da er sich für die Rechte von Minderheiten einsetzt.

Die Erklärung, nachdem vor allem Religion und traditionelle Moralvorstellungen Vorurteile beförderten, hält Olcay Miyanyedi, der das Modellprojekt leitet, für unschlüssig. Unter Türken oder türkischstämmigen Deutschen falle oft der Begriff „Familienehre“. Doch sei das nicht unbedingt anders, als wenn deutsche Familien das Schwulsein ihres Sohnes unter Hinweis auf die Meinung der Nachbarn nicht akzeptierten. Beides seien letztlich Vorwände, um auszugrenzen, so Miyanyedi.

In vielen Familien mit Migrationshintergrund sei die Zwangsheirat von Schwulen und Lesben verbreitet, sagte Sofuoglu. Dadurch versuchten die Eltern, die vermeintliche Schande, die diese Kinder über ihre Familie bringen, formal abzuwenden. Ein Outing und ein selbstbestimmtes Leben werden dadurch für viele zusätzlich erschwert.

Verein sieht positive Entwicklung

Weitaus schlimmer ist die Situation der LSBTTIQ-Gemeinde in der Türkei, wie die Künstlerin Ceren Saner berichtete. Zwar könne man sich an öffentlichen Orten treffen. Doch dabei begebe man sich in Gefahr. Der Ausnahmezustand erlaube es Behörden, Menschen willkürlich festzunehmen. Als Schwuler, als Lesbe oder als Transsexueller müsse man immer und überall mit Drohungen und Übergriffen rechnen, sagte Saner.

Trotz großer Widerstände sieht der Verein eine positive Entwicklung. „Der Vertreter eines Moscheeverbands hat früher gesagt, ich soll ihn mit unserem Projekt in Ruhe lassen“, sagt Sofuoglu. Kürzlich habe dieser aber bei einem Treffen wissen wollen, wie das Projekt vorankommt. „Mit der Akzeptanz-Keule loszurennen, macht keinen Sinn“, so Miyanyedi.

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