In Stuttgart feierten zahlreiche Zuschauer den Christopher Street Day. Foto: www.7aktuell.de/Andreas Friedrichs

Mit 91 Formationen und 4500 Demonstranten war die Beteiligung an der diesjährigen CSD-Polit-Parade so hoch wie nie. Etwa 175000 Zuschauer verfolgten den Umzug von der Böblinger Straße im Stuttgarter Süden zum Schlossplatz.

Stuttgart - Als der erste Lkw um die Ecke biegt, wird es laut: Die Musik wummert aus den Boxen, die Bässe massieren das Zwerchfell. Die zahlreichen Zuschauer entlang der Strecke bereiten den Formationen einen jubelnden Empfang. Die Stimmung zwischen Regenbogenfahnen, Hotpants und Einhornpantoffeln ist ausgelassen. Schrill und bunt, aber auch friedlich, ging es am Samstagabend bei der Parade zu.

„Die Atmosphäre ist einfach super“, befand Paula Metzger. Die junge Frau mit den grüngefärbten Haaren war zum ersten Mal beim Christopher Street Day in Stuttgartdabei. Ganz anders Manfred Schmauder. Er habe noch keinen CSD verpasst, sagte der Stuttgarter. „Der Anfang war schon schwer. Die Akzeptanz ist zwar gestiegen, aber manche haben es immer noch schwierig, werden etwa am Arbeitsplatz diskriminiert.“ Dagegen möchte sich unter anderem die Gruppe der Stuttgarter Straßenbahnen AG einsetzen. „Wir möchten ein Zeichen setzen, dass wir ein offenes Unternehmen sind“, sagte Claudia Volk. „Wir sind bunt gemischt, wie sich das gehört.“

Die Öffnung der Ehe für alle war das große Thema des CSD. „Das war ein großer Erfolg. Wir haben jahrelang gekämpft. Uns wurde nichts geschenkt“, sagte Christoph Michl, der Geschäftsführer der Interessengemeinschaft des Christopher Street Days in Stuttgart. Das Erreichte wolle sich die Gemeinschaft nicht mehr streitig machen lassen. „Wir werden dafür einstehen, dass es so weiter geht“, sagte Michl. Auch die Teilnehmer und Zuschauer begrüßten die Ehe für alle. „Das war längst überfällig“, sagte Paula Metzger.

Weitere Forderungen

Trotz dieses „Sieges“ ist die Arbeit des CSD damit nicht getan. „Wir haben weiterhin Forderungen. Nur wird es immer komplexer, sie zu definieren“, sagte Michl. Eine zentrale Forderung etwa ist die Änderung des Artikels 3 des Grundgesetzes. Er besagt, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“, heißt es darin. Der CSD möchte, dass der Artikel um das Merkmal „sexuelle Orientierung/Identität“ ergänzt wird. „Solange es Menschen gibt, die ausgegrenzt werden, werden wir weiterkämpfen“, sagte Michl.

Freizügigkeit hält sich in Grenzen

Die Grenzen zwischen Mitläufern und Zuschauern verwischten spätestens bei der Ankunft des Demonstrationszugs am Schlossplatz, wo anschließend eine Kundgebung stattfand. Zwar war der ein oder andere Bauchnabel und die ein oder andere Brustwarze sichtbar, dennoch hielt sich die Freizügigkeit der Parade-Teilnehmer in Grenzen. Im Vorfeld hatte es eine hitzige Debatte gegeben, nachdem Jury-Mitglied Chris Fleischhauer ankündigte, zu viel nackte Haut bei der Parade kritisch zu bewerten. Insbesondere in den sozialen Medien seien die Emotionen hochgekocht, sagte Fleischhauer am Samstag. „Ich bin immer für Diskussionen. Aber das ist ein bisschen aus dem Ruder gelaufen.“ Diese Meinung teilte Christoph Michl. „Die Debatte wurde übertrieben geführt. Vieles war unter der Gürtellinie. Bei allen Beteiligten hat es an Sachlichkeit gefehlt.“

Die „komplette Entblößung“, wie Michl es nennt, gebe es in Stuttgart nicht. Das sieht auch Fleischhauer so. „Stuttgart war schon immer zurückhaltender als andere Städte“, sagte das Jurymitglied. Ob die Tatsache, dass am Samstag tatsächlich nur wenig nackte Haut zu sehen war, etwas mit der Debatte zu tun hat, könne er nicht beurteilen. „Es war weniger als sonst. Aber es gab dieses Mal auch nur zwei Partywagen“, sagte Fleischhauer.

Ihm sei es wichtig, dass die Formationen eine Botschaft präsentieren. „Zu einer politischen Demonstration gehört eine politische Botschaft. Dieser Ansatz hat leider oft gefehlt“, so das Jurymitglied. Am Sonntagnachmittag werden die drei Formationen gekürt, die das Motto „Perspektivwechsel“ in den Augen der Jury am besten umgesetzt haben.

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