Zwei Stunden Witze fast ohne Pause: Christoph Sonntag auf der Bühne Foto: Lichtgut/Verena Ecker

In seinem neuen Bühnenprogramm „Bloß kein Trend verpennen“ warnt Christoph Sonntag davor, jeder neuen Sau; pardon: Mode in Politik und Netz hinterher zu rennen. Und dann gibt es eine Sache, die ärgert ihn so richtig: blond, reich, derb, aus Amerika.

Stuttgart - Ist in den Kabarettisten Christoph Sonntag jetzt der David Garrett gefahren? Zum Auftakt seines neuen Comedy-Programms „Bloß kein Trend verpennt“, das am Donnerstagabend im Theaterhaus Stuttgart Premiere feierte, springt der Stuttgarter Mundartkomiker jedenfalls mit Lichtgeige auf die Bühne, spielt darauf auch ein paar Takte und gibt einen fetzigen Song zum Besten: „Ich muss gar nix“. Auch bei den Äußerlichkeiten und den Tanzschritten muss sich der 54-jährige Stuttgarter nicht verstecken: Gertenschlank und behänd hüpft er über die Bühne – der 36-jährige Aachener Violinvirtuose kann sich freuen, wenn er in zwanzig Jahren auch noch diese Virilität haben sollte.

„Ich muss gar nix“ – das soll der Grundakkord für die nächsten zwei Sonntag-Stunden sein: ein trotzig-rotzig-frecher Einspruch gegen die ewig coolen Trendsetzer aus Wirtschaft, Politik, Netzwelt und Unterhaltungsbusiness, die uns mit ständig neuen Moden den Alltag erschweren. „Wir rennen den Trends nach und verpassen das Wichtigste“, meint Sonntag – und zieht darum die neuesten Ticks dieser Welt kräftig durch den Witzkakao.

Geht doch! Viele Witze über Waldorfschulen

Sein Kerngeschäft sind ja jene Zwei-bis-drei-Minuten-Radiospots, die das Radioprogramm von SWR 3 gemeinsam mit Beiträgen anderer Comedians über den Tag zwischen die Hits streut. Schnell und geschmeidig hängt sich Sonntag hier als Breitschwab an den Absurditäten des Alltags auf, parodiert Zeitgenossen auch von der Politbühne, dreht sich und uns die Wörter im Mund herum und reiht absurd-groteske Überspitzungen aneinander. Im Funk folgt dann schnell der nächste Hit. Aber auf der Bühne ist Sonntag ganz allein. Und wie er es schafft, live zweimal eine Stunde lang das Publikum an der Comedy-Leine zu führen und bei sehr guter Laune zu halten, verdient ohnehin Respekt.

Der rote Faden, einen imaginären Tag in seinem Leben nachzuverfolgen, gibt ihm Gelegenheit, von der Eurythmie in der Waldorfschule seiner Kinder (morgens) über die neue Trendsportart Faltradfahren und den Einkauf im Fair-Trade-Laden (mittags) bis hin zum Edel-Protzgrillabend mit den Nachbarn (abends) zig Mini-Grotesken wie auf einer Kette abzuperlen. Klar: Wer viele Pointen macht, macht auch manche allzu wohlfeile. Aber es ist ja für Abwechslung gesorgt.

Zum Schluss gibt es einen schönen Hit von Baccara

Am stärksten ist Christoph Sonntag ohnehin dann, wenn er politisch wird. Dann ist er plötzlich gar nicht mehr der nette schwäbische Nachbar, sondern ein bitterböser Zeitkritiker. Beckenbauer hat Millionen an Bestechungsgeldern für seine WM-Dienste kassiert? „Gute Sache. Ich bin schon lang dafür, dass das Ehrenamt in unserer Gesellschaft aufgewertet wird.“

Angela Merkel habe sich von Obama als Abschiedsgeschenk eine Drohne für das Zielobjekt Seehofer gewünscht? „Obama hat abgelehnt. Er schießt nicht auf Schwarze. Das machen in seinem Land nur weiße Polizisten.“ Und dann gibt es jede Menge sehr schöner Trump-Witze: Was grenzt an Dummheit? „Kanada und Mexiko.“

Auch wenn es der Künstler auf der Bühne nie so verkünden würde: Er ist ein Comedian mit Haltung, der nicht nur Lacher will, sondern, wenn möglich, Apfelbäumchen pflanzen. Mit seiner Stiftung finanziert er Sozial- und Bildungsprojekte im Land, die versuchen, Grenzen und Dummheit in der Gesellschaft abzubauen.

Das muss man nicht wissen, wenn man sein Bühnenprogramm sieht, die Leute haben auch so ihren Spaß. Aber wer es weiß, versteht es umso besser. Und allerspätestens bei der Zugabe, wenn Christoph Sonntag wirklich täuschend echt einen Dorfdiscoabend aus seiner Jugendzeit beim Ochsenwirt auf dem Land parodiert, geht die Rechnung auf: Yes Sir, he can boogie.

Termine: Christoph Sonntag tourt mit seinem neuen Programm „Bloß kein Trend verpennt“ durchs Land. Die nächsten Auftritte sind am 18. März in Neuenburg, am 21. in Singen und am 23. in Plochingen. Am 31. März ist eine weitere Vorstellung im Stuttgarter Theaterhaus. Alle Termine unter www.swr3.de

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