Die Staatsgalerie hat weniger Besucher, weil Baustellen den Zugang erschweren. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Künftig können Besucher den Restauratoren bei der Arbeit über die Schulter schauen. In diesem Jahr soll aber auch gefeiert werden, denn das Museum wird 175 Jahre alt – und wünscht sich werthaltige Geschenke.

Stuttgart - Es ist ein mühsames Geschäft. Wochen und Monate sitzen Restauratoren mitunter an einem Gemälde, um Zentimeter für Zentimeter den Staub vergangener Jahrhunderte zu entfernen und wieder das hervorzubringen, was der Maler einst auf die Leinwand gepinselt hat: strahlende, kräftige Farben. In der Regel geschieht das zurückgezogen in den Restaurierungswerkstätten. In der Staatsgalerie Stuttgart kann man künftig zuschauen, wie die Restauratorinnen und Restauratoren „mit Geduld und Spucke Fussel um Fussel entfernen“, wie es die Direktorin Christiane Lange ausdrückt. Ab sofort gibt es im Staib-Bau hinter der Staats­galerie ein Schauatelier. Mitten in den Ausstellungsräumen, nur abgetrennt durch eine Glasscheibe, kann man den Restauratoren bei der Arbeit auf die Finger schauen. „Wir haben nichts zu verstecken“, sagt Lange, die dem Publikum zeigen will, dass Museumsarbeit mehr bedeutet, als nur Werke zu präsentieren.

Möglich wurde die Einrichtung des Schauateliers durch die Unterstützung der Wüstenrot-Stiftung – und zum Auftakt dieser offenen Werkstatt wird hier die Skulptur „Die Große Sinnende“ von Wilhelm Lehmbruck gereinigt. Der mehr als zwei Meter große Frauenakt steht schon viele Jahre in der Staatsgalerie, als Leihgabe. Im vergangenen Jahr konnte die markante Figur mit Mitteln der Museumsstiftung Baden-Württemberg und dank der Kultur­stiftung der Länder erworben werden. Jetzt wird sie öffentlich restauriert und hergerichtet für die große Lehmbruck-Sonderausstellung, die Ende September eröffnet wird und die Ergebnisse der jüng­sten Untersuchungen zu Lehmbrucks Verwendung von Materialien vorstellen will. „Die Ausstellung wird nicht riesig groß“, sagt Christiane Lange, „aber sie wird ein Meilenstein in der Lehmbruck-Forschung sein.“

Die große Installation von Joseph Beuys muss restauriert werden

Die Direktorin der Staatsgalerie hat nun in einer Medienkonferenz vorgestellt, was sie und ihr Team derzeit beschäftigt. Lange sieht im Forschen und Bewahren wesentliche Aufgaben des Museums. Deshalb wird man in der Staatsgalerie in den kommenden Wochen auch jenseits des Schauateliers Restauratoren antreffen. Denn die große Installation „Plastischer Fuß – Elastischer Fuß“ von Joseph Beuys aus dem Jahr 1969 muss ebenfalls aufgefrischt werden.

„Wir forschen, wenn wir die finanziellen Mittel dazu bekommen“, sagt Christiane Lange, die versucht, Forschungsergebnisse mit Ausstellungen zu verbinden. So wird am 23. November eine große Schau zu Marcel Duchamp eröffnet werden, nachdem in den vergangenen Monaten gezielt die Bestände der Staatsgalerie untersucht und aufbereitet wurden. Duchamp sei einer der einflussreichsten Künstler überhaupt, so Lange, und die Staatsgalerie habe einen großen Bestand an Grafiken und besitzt unter anderem auch ein Exemplar des berühmten Ready-Mades „Flaschentrockner“.

Die Sammlung Dr. Gervais war eine Erfindung – die Kirchner-Werke sind aber echt

Im Rahmen eines Forschungsprojekts konnte nun auch geklärt werden, wer hinter der Sammlung Dr. Gervais steckt. In den fünfziger Jahren kaufte die Staatsgalerie aus der Privatsammlung mehr als hundert Werke von Ernst Ludwig Kirchner an. Jetzt ist sicher: Das jüdische Sammlerpaar Gervais hat nie existiert. Ein Schüler Kirchners hatte es erfunden, um Werke des expressionistischen Malers Kirchner nach dem Krieg in Deutschland besser verkaufen zu können. Wie er an die Arbeiten kam, weiß man bis heute nicht, „aber echt sind sie“, bestätigt Lange, und auch der Ankauf sei zum Glück rechtens gewesen. Die Forschungsarbeit der Staatsgalerie habe in allen großen deutschen Museen „Erleichterungsseufzer“ ausgelöst, so Lange. Ende Juni werden die Kirchner-Bestände in der Ausstellung „Die un­bekannte Sammlung“ erstmals umfassend öffentlich gemacht.

Sorgen macht der Staatsgalerie nach wie vor die Baustellensituationrund ums Museum. Dass man, wie berichtet, im vergangenen Jahr 100 000 Besucher weniger hatte, liege vor allem daran, dass die Staatsgalerie keine eigene U-Bahn-Station mehr besitze und der Fußweg durch die diversen Baustellen nicht ausgeschildert sei. „Auch das Verlegen von Bushaltestellen macht es uns schwer“, so Lange.

Diesen Widrigkeiten zum Trotz wird in diesem Jahr gefeiert, denn die Staatsgalerie wird stolze 175 Jahre alt. Die Ausstellung „#meinMuseum“ wird die Geschichte des Hauses Revue passieren lassen und in „Zeitkapseln“, so Lange, daran erinnern, wie Künstler hier einst wichtige Werke kopierten oder wie während der Zeit des National­sozialismus Sam­m­lungs­bestände als entartet erklärt und entfernt wurden.

Ein Raum zeigt die Plakate der rund 180 Ausstellungen seit Kriegsende, und in einem interaktiven Bereichkönnen die Besucher selbst hinterlassen, wie ihr Museum der Zukunft aussehen soll. Die Jubiläums­ausstellung wird am 1. Mai eröffnet, bis dahin hofft Christiane Lange auf reichlich Geburtstagsgeschenke: Seit ­Kurzem hängt in der Sammlung ein Gemälde des Barock­malers Filippo Falciatore – bisher noch als Leihgabe. „Wir suchen nun 175 Spender, die je tausend Euro schenken“, sagt Lange, „und wir sind guter Hoffnung, dass das klappt.“

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