Christian Wulff am Montagabend mit Chefredakteur Christoph Reisinger (links) auf dem Podium in der Liederhalle: Widersprüchen in seinem Buch und in seiner Karriere weicht der Alt-Bundespräsident elegant aus – eine kleine Umfrage unter Zuschauern und weitere Eindrücke vom Abend finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: Leif Piechowski

„Wie viel Vertrauen braucht die Demokratie?“ – zu dieser Frage wollten rund 300 Zuhörer Christian Wulff hören. Der diskutierte bei einer Veranstaltung der Buchhandlung Wittwer und der Stuttgarter Nachrichten.

„Wie viel Vertrauen braucht die Demokratie?“ – zu dieser Frage wollten rund 300 Zuhörer Christian Wulff hören. Der diskutierte bei einer Veranstaltung der Buchhandlung Wittwer und der Stuttgarter Nachrichten.

Stuttgart - Alles war nur für ihn gerichtet worden: Die Polizei hatte in der Stuttgarter Liederhalle ihre Hunde nach Bomben suchen lassen. Der Händler hatte die Bücher mit den weißen Schutzumschlägen für den Verkauf stapeln lassen. Und die Besucher tuschelten am Montag im Vorfeld auch darüber, wie heute wohl der Mann aussieht, der zum Thema „Wie viel Vertrauen braucht die Demokratie?“ diskutieren will.

Kaum jemand in Deutschland hatte zu diesem Thema so intensive Debatten ausgelöst wie Christian Wulff: Buchautor, Politiker und früheres deutsches Staatsoberhaupt. Am 17. Februar 2012 war er als Bundespräsident zurückgetreten. Gehetzt von Reportern, die jedes Bobby-Car umdrehten, um Wulff Bestechlichkeit und mangelnde Distanz zu den Mächtigen der Gesellschaft vorwerfen zu können. Verfolgt von Staatsanwälten, die aus genau diesem Grund gegen ihn ermitteln wollten und deshalb beantragt hatten, die Immunität des Ersten Mannes im Staat aufzuheben. Das war sein Ende.

Moderator und Chefredakteur Christoph Reisinger konfrontiert den Alt-Präsidenten dann am Montagabend mit Widersprüchen in dessen Buch. Einerseits kritisiere Wulff, wie Kanzlerin Merkel (CDU) die Energiewende mit zwei anderen im Hinterzimmer beschlossen habe. Anderseits aber berichte er freimütig darüber, dass seine Nominierung für das Amt des Bundespräsidenten sich von dieser Praxis kaum unterschieden habe. Wulff weicht einer konkreten Antwort elegant aus. Er fordert mehr „Bürgerbeteiligung“, mehr „direkte Demokratie“, führt als Beispiel das „Schweizer Modell“ mit Volksabstimmungen ins Feld, mit dem Politiker „Vertrauen bei den Bürgerinnen und Bürgern zurückgewinnen können“.

In seinem Buch „Ganz oben Ganz unten“ rechnet Wulff mit einem Abstand von mehr als zwei Jahren mit all jenen ab, die er für seinen Rücktritt verantwortlich macht. Nebenbei beschreibt er auch sehr persönlich, was aus seiner Sicht zu dem Rücktritt führte. Vor allem aber haut er auf die ein, die er für die Verantwortlichen für sein unbestrittenes Leid hält: die Medien. Ganze Kapitel widmet der Staatsmann der Journaille.

Wolfgang Beck spricht von einer „Diffamierungskampagne sondergleichen“, der Wulff ausgesetzt war. Der Verleger des Buchs beklagt die „mediale Vorverurteilung“ des Bundespräsidenten. Auch wenn es ohne abgewatschten Journalisten offenbar auch nicht zu gehen scheint: Als das Magazin „Spiegel“ am vergangenen Sonntag seinen Abonnenten zugestellt wurde, freute sich Becks Pressesprecher in einer E-Mail: „Das ist doch eine recht schöne Begleitmusik zu Ihrem morgigen Auftritt: Wittwer und die Stuttgarter Nachrichten haben den Autor zur ‚Spiegel‘-Titelseite zu Gast.“

Das erinnert an die scheinbar zufällige Begegnung Christians Wulff mit einer ganzen Reportermeute im Sommer 2008. Die Journalisten bekamen gezielt den Hinweis, dass und wo der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen mit seiner neuen Lebensgefährtin Bettina Körner spazieren gehe. „Wir haben uns auf bestimmte Dinge eingelassen, weil wir wussten, anschließend gut dazustehen und wieder eine Zeit lang in Ruhe gelassen zu werden“, schreibt Wulff dazu in „Ganz oben Ganz unten“.

Auf bestimmte Dinge eingelassen? Wulff schweigt dazu in Stuttgart. Erklärt nicht, wie er zusammen mit der „Bild“-Zeitung 2006 die Trennung von seiner langjährigen Ehefrau Christiane medial managte. Und damit seinen konservativen Wählern den Ehebruch als Love-Story mit Happy End verkaufte. Bild titelte: „Wir gehen im Guten auseinander – seine Neue ist alleinerziehende Mutter“ (6. Juni 2006): „So besonnen wie in der Politik, so besonnen trifft Christian Wulff auch privat seine Entscheidung“, heißt es in dem Artikel. Der Boulevard begleitet fortan das zukünftige Ehepaar: beim „1. gemeinsamen Foto“ (15. Juni 2006), beim Umzug ins „Liebesglück“ (23. August 2006) und bei der „Blitz-Hochzeit mit Baby-Bauch“ (22. März 2008).

Wulff, so lässt sich der rote Faden seiner Antworten zusammenfassen, ist ein unschuldiges Opfer. Deshalb, so scheint es, ist es gut, dass er selber zu Wort kommt. Endlich! Seine Frau und er seien für Deutschland „eine Provokation gewesen: Ich war jung, meine Frau war noch jünger. Wir waren eine Patchwork-Familie.“ Mit seiner Wahl sei eine junge Familie in das Schloss Bellevue eingezogen, die auch das junge, moderne Deutschland symbolisiert habe, sagt er. Viele im Publikum in der Stuttgarter Liederhalle goutieren diese Worte mit zustimmendem Kopfnicken.

Er wolle einen Beitrag leisten zur Diskussion über die Macht der Medien, sagt Wulff. In seinem Fall habe eine „Treibjagd“ stattgefunden, Wulff beschreibt den aus seiner Sicht „von seiner eigenen Macht berauschten Sensationsjournalismus“. In dem hätten sich Journalisten an ihm abgearbeitet. Die Zuhörerinnen und Zuhörer applaudieren.

Nicht zu Unrecht: Viele der Geschichten über die Wulffs waren maßlos überzogen, Kleinigkeiten wurden von Journalisten aufgebauscht. Der Rechercheeifer, der Verfolgungswahn einiger Reporter waren unbestritten grotesk. „Da müssen sich einige Medien nicht wundern, dass sie rote Zahlen schreiben“, folgert Wulff. Journalisten fordert er auf, sich selbst und ihre Arbeit infrage zu stellen. Und doch: Von dem, was ihn erst in den Schlamassel hineinritt, erzählt Wulff an diesem Abend nichts. Einmal streift er das Thema in einem Nebensatz: „Auf die Fehler, die ich gemacht habe, komme ich in meinem Buch zu sprechen.“

„Was ist Ihnen jetzt wichtig?“, will Moderator Reisinger wissen. Schlagfertig reagiert Wulff. „Differenzieren lernen zwischen vermeintlichen und wahren Freunden.“ Und die Kinder seien ihm wichtig. Bereichernd sei, dass er mit denen jetzt Dinge erlebe, „die man als Politiker so nie erleben kann“. Ein Dreiklang aus privaten, beruflichen und Verpflichtungen als Altpräsident bestimme jetzt sein Leben, sagt er.

Wulff antwortet ruhig, überlegt. Er ruhe in sich, sagt er. Die Beine schlägt er übereinander. Er lächelt viel. Er scheint die Bitterkeit überwunden zu haben, die sich in seinem Gesicht spiegelte, als er dem Zapfenstreich lauschte, den ihm die Bundeswehr zu seinem Abschied aus dem Amt aufspielte.

„Denkt daran, dass nichts überblieb von den Vorwürfen, die man dem Christian Wulff gemacht hat“, gibt er den Zuhörern in der Liederhalle mit auf den Weg. Für einen Augenblick ist sie an diesem Abend da, die Bitterkeit im Leben des Christian Wulff.

Seit fünf Wochen ist das Urteil rechtskräftig, das seine strafrechtliche Unschuld juristisch untermauert.

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