„Die Zeitungsbranche ist eine von wenigen Branchen, die in ihrem Kern eine Sinnhaftigkeit hat“: Wegner über die Bedeutung von Tageszeitungen. Foto: SWMH

Christian Wegner (44) ist seit Juli Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), die auch die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten herausgibt. Im Interview sagt er, warum er noch an Qualitätsjournalismus glaubt und wie er das Medienhaus verändern will.

Stuttgart - Bei seinem ersten Interview als Chef der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) sitzt Christian Wegner in Pullover und Chinohose in seinem Büro über den Dächern Münchens. Er trägt nicht besonders gern Anzug und Krawatte und spricht seine Kollegen am liebsten mit Du an. Wegner war jahrelang in verschiedenen Managementpositionen bei dem Medienunternehmen Pro Sieben Sat 1 tätig. Zuletzt war er dort dafür zuständig, das Digitalgeschäft der Gruppe nach vorn zu bringen. Jetzt ist es seine Aufgabe, die Zeitungen und Magazine der SWMH in eine profitable digitale Zukunft zu führen. Im Interview sagt er, welche Herausforderungen er dabei sieht und was ihn an dieser Aufgabe reizt.

Herr Wegner, kann man mit Journalismus heute noch genug Geld verdienen?

Das glaube ich schon. Der Printjournalismus war viele Jahre lang ein Erfolgsmodell – und funktioniert immer noch. Es liegt jetzt an uns, digitale Produkte zu entwickeln, die dieses Erfolgsmodell in die Zukunft tragen. Wichtig ist dabei, dass wir für jeden Kanal die passende Aufbereitungsform bereitstellen können: Print und online sowie Audio- und Bewegtbildformate.

Die gedruckte Zeitung hat den Vorteil, dass ihr ein funktionierendes Geschäftsmodell zugrunde liegt. Das ist bei den anderen Kanälen, die Sie aufgezählt haben, nicht der Fall. Wie geht die SWMH damit um?

Wir müssen uns mehr anstrengen, die digitalen Produkte für die verschiedenen Zielgruppen besser zu machen. Die „New York Times“ beispielsweise schafft es, pro Quartal 250 000 neue Digitalabonnenten zu gewinnen. Diese Zeitung ist uns um einige Jahre voraus und sie richtet sich zudem an ein internationales Publikum. Dennoch sieht man anhand dieses Beispiels, dass es durchaus möglich ist, auch mit dem Digitaljournalismus ein funktionierendes Geschäftsmodell zu betreiben.

Sollte Qualitätsjournalismus öffentlich ­gefördert werden?

Ich bin gegen Subventionierung. Sinnvoll hingegen ist die von der Europäischen Union beschlossene Anpassung der digitalen Zeitungsprodukte an die Printprodukte, wenn es um die Mehrwertsteuer geht. Bislang gilt ja nur für die gedruckte Zeitung der ermäßigte Mehrwertsteuersatz. Nun muss der EU-Beschluss noch in deutsches Recht überführt werden. Sinnvoll ist außerdem eine Infrastrukturförderung zur Gewährleistung einer flächendeckenden Zustellung. Denn durch die gestiegenen Zustellkosten wegen des Mindestlohns wird die Zustellung in einigen Bereichen sonst nicht mehr kostendeckend möglich sein.

Einige Verlagshäuser sagen, dass sich die Zustellkosten bald erledigen, weil spätestens 2022 das Zeitalter der gedruckten Zeitung vorbei ist. Wie lange werden wir Nachrichten überhaupt noch auf Papier lesen?

Grundsätzlich halte ich wenig von solchen Prognosen. In meiner Zeit bei Pro Sieben Sat 1 gab es in regelmäßigen Abständen Trends, die das Ende des Fernsehens vorausgesagt haben. Es existiert aber immer noch. Insofern glaube ich, dass uns die gedruckte Zeitung noch viel länger erhalten bleibt, als alle denken.

Die SWMH ist bisher als Konsolidierer im Markt aufgetreten. Es gibt immer wieder die Kritik, dass eine Medienkonzentration der Vielfalt schadet. Was entgegnen Sie dem?

Die Medienvielfalt ist heute allein schon durch die vielen neuen Kanäle über die Gattungsgrenzen hinweg gewährleistet. Die Menschen können auf viel mehr unterschiedliche Nachrichtenquellen zugreifen. Zudem gibt es auch innerhalb unserer Redaktionen eine große Vielfalt an unterschiedlichen publizistischen Ansätzen und es gibt keinerlei inhaltliche Einflussnahme. Es würde der Medienvielfalt jedenfalls nicht weiterhelfen, wenn eine Zeitung zwar eigenständig bliebe, aber mangels Ressourcen nur noch die Agenturmeldungen druckt, die an die Medienhäuser in ganz Deutschland geschickt werden.

Sie sind nun ein halbes Jahr an Bord. Wie gut ist die SWMH Ihrer Ansicht nach für die Zukunft gerüstet?

Es gibt einige Punkte, die mich zuversichtlich stimmen. Wir sind der größte Qualitätszeitungsverlag Deutschlands. Wir sind in sehr starken Wirtschaftsräumen tätig und haben ein Portfolio mit einer starken nationalen Marke, der „Süddeutschen Zeitung“ sowie starken regionalen Titeln, der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten. Auch bei den Fachverlagen sind wir sehr breit aufgestellt. Darum sind wir als Gruppe gut gerüstet, um die Chancen, die der Qualitätsjournalismus in Zukunft bietet, zu nutzen und die notwendigen Investitionen in Technologie und Personal zu tätigen.

Heißt das, die Zahl der Beschäftigten wird tendenziell steigen?

Das hoffe ich. Aber das Endergebnis wird die Kombination aus zwei Effekten sein: Zum einen müssen wir im Kerngeschäft effizienter werden. Das wird uns gelingen, indem wir bestimmte Bereiche automatisieren. Das wird sich auf den Personalbedarf auswirken. Zum anderen werden im Rahmen unserer Zukunftsstrategie aber auch neue Arbeitsplätze entstehen. Wichtig ist, dass wir frühzeitig erkennen, welche Rollen künftig wegfallen und welche hinzukommen, so dass wir unsere Mitarbeiter auf diesem Weg mitnehmen können.

Wo gibt es noch Nachholbedarf, wenn es darum geht, die Potenziale der SWMH zu heben?

Wir sind ein gut aufgestelltes Unternehmen und arbeiten daran, aus unserem großen Portfolio aus Verlagen eine Gruppe zu machen. In einer Gruppe profitiert man voneinander, man tauscht sich aus, investiert gemeinsam, muss Fehler nicht zweimal machen und ist dadurch auch mutiger, wenn es darum geht, neue Dinge auszuprobieren.

Ist die Kultur innovationsfreundlich genug?

Mein erster Eindruck war eher, dass viele Verlage in unserer Gruppe noch sehr mit sich selbst beschäftigt sind und dass sie der Umbruch von Print ins Digitale voll in Beschlag nimmt. Wenn man aber eine Ebene tiefer blickt, sieht man sehr wohl eine Menge innovativer Ideen. Da wäre aus Stuttgart etwa das Feinstaubradar zu nennen. Wir müssen nun daran arbeiten, dass wir Ideen aus der Redaktion schneller und besser umsetzen können.

Nun agiert die SWMH ja nicht allein auf dem Markt, sondern hat es auch zunehmend mit Großkonzernen wie beispielsweise Google oder auch Facebook zu tun. Sind diese Unternehmen aus Ihrer Sicht eher Verbündete oder Konkurrenten?

Ich bin offen für Kooperationen. Alles, was zu unserer Strategie passt, würde ich auch mit Konzernen wie Google oder Facebook zusammen machen. Zu unserer Strategie passen würden beispielsweise alle Maßnahmen, bei denen wir unsere Inhalte so weit wie möglich verbreiten können und am Ende eine direkte Kundenbeziehung zu den Nutzern aufbauen, die schließlich in ein Bezahlverhältnis mündet. Was sicherlich keinen Sinn ergibt, ist, all unsere Inhalte einfach kostenfrei auf die Plattformen zu stellen, ohne die Reichweite so zu nutzen, dass wir am Ende monetär profitieren.

Es gibt viele Medienhäuser wie Springer oder Burda, die zwar nach wie vor publizistische Produkte anbieten, bei denen aber der wirtschaftliche Löwenanteil über Transaktionsgeschäfte oder E-Commerce erreicht wird. Könnte sich die SWMH auch in diese Richtung entwickeln? Oder ist das publizistische Angebot so stark, dass sich die Gruppe auch so trägt?

Unsere DNA ist Journalismus. Aber alle anderen Geschäfte, die für uns Sinn ergeben, dürfen wir nicht links liegen lassen. Wie jede andere Unternehmensgruppe müssen wir konstant überprüfen, welche neuen Chancen sich etwa aus technologischen Weiterentwicklungen und aus der Digitalisierung ergeben.

In der Branche fanden es einige zunächst durchaus bemerkenswert, dass ausgerechnet Sie der neue CEO der SWMH geworden sind. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Vor allem, dass ich zum ersten Mal für ein Produkt arbeite, das eine höhere Bedeutung hat. Zurzeit suchen alle großen Konzerne nach ihrem Purpose, nach ihrem Sinn. Und die Zeitungsbranche ist eine von wenigen Branchen, die in ihrem Kern eine Sinnhaftigkeit hat. Zeitungen sind demokratierelevant. Zeitungen decken auf, was in der Gesellschaft schiefläuft. Und für diese Zeitungen einen Weg für die Zukunft zu finden, ist für mich eine extrem spannende Aufgabe.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: