Christian Jankowski ist Professor an der Stuttgarter Kunstakademie, lebt in Berlin und ist ständig unterwegs. In der Kunsthalle Tübingen zeigt er jetzt auch japanische Fesselkunst.
Meist Schlamm und Schlick entrissene und über Jahre restaurierte Boote aus der Vorzeit haben in Museen eine eigene Magie. Der schnöde Warentransport verwandelt sich in staunenswerte Menschheitsleistung mit einer gehörigen Portion Sehnsucht – nach Aufbruch, nach Entgrenzung, nach Glück.
Was ist das, Glück?
Das Boot, das nun im Erdgeschosssaal der Kunsthalle Tübingen zu bestaunen ist, musste nicht erst mühsam wieder hergestellt werden – der Stocherkahn ist im eigentlichen Leben auf dem Neckar unterwegs. Lastkahn einst, ist er nun Touristenattraktion – und damit erneut ein erhofftes Mittel, das Glück zu finden.
Was ist das aber eigentlich, dieses Glück? Der Installations- und Videokünstler Christian Jankowski stellt diese Frage seit nun 30 Jahren, seit er auszog, mit Pfeil und Bogen in Supermärkten Waren zu jagen. „Glück – was ist das?“ ist nun auch auf einer der großen Transportkisten zu lesen, die Jankowski für seine Fahrt durch die Tübinger Neckarauen bis hinauf in die Kunsthalle geladen hat.
Das Gesamtwerk im Blick
„I was told to go with the Flow“ heißt das Stocherkahnprojekt – und das ist nun auch der Titel einer Ausstellung, mit der die Kunsthalle Tübingen dem Gesamtwerk Christian Jankowskis nachspürt. Vorgestellt wird Jankowski als „Traveling Artist“, wie denn auch das Begleitbuch heißt. Als Dokumentation der seit 2014 entstandenen Projekte empfiehlt es sich als gedruckte Fortführung der von Kunsthallendirektorin Nicole Fritz und Lisa Maria Maier erarbeiteten Präsentation in der Kunsthalle.
Eine Zeichnung zeigt den beladenen Stocherkahn im großen Erdgeschosssaal der Kunsthalle. Die Kunst als Strandgut – die Idee wäre es wert gewesen, fortgeführt und hinterfragt zu werden. Dem Konzept der Ausstellung als Gesamtinstallation wie 2008 etwa im Kunstmuseum Stuttgart „Dienstbesprechung“ mit einer Umkehrung der Organisation des Hauses antwortet in Tübingen eine Folge von Stationen aus Jankowskis ständigen Reisen.
Kunst fesselt – buchstäblich
Jankowskis Satz „Ich glaube, ich bin als Nomade geboren“ birgt jedoch nicht nur die Erfahrung von Ortswechseln. Zuvorderst meint er Perspektivwechsel – und damit den Anspruch wie den Willen, sich auszusetzen. Dem anderen. Den anderen. Sich selbst. In Japan begegnet Jankowski der Fesselungskunstmeisterin Aska Ryuzaki. In Unterhose, Socken, Schuhen, Hemd, Krawatte und Anzugjacke hängt der Künstler schließlich samt Reisegepäck kopfüber von der Decke. Der Künstler als Treibgut? Das wäre für den 1968 in Göttingen geborenen Christian Jankowski, der seit 2005 Professor für Installation und Performance an der Kunstakademie Stuttgart ist, in Berlin lebt und die Pandemie eher als Aufruf sah, auf digitalen Wegen die internationalen Netzwerke weiter zu forcieren, keine anzustrebende Rolle.
Jankowskis Blick sucht ein Gegenüber
Energisch geht es schon mit dem Kind Christian Jankowski durch die Welt – ob Europa, Nordafrika oder Ost-Türkei: Die Urlaubsfilme zeigen meist schnelle Schritte. Ein kleiner Monitor, eher unscheinbar im ersten Raum platziert, ist ihre Bühne. Die Aufnahmen sind gleichwohl wichtig, sie verraten den Ton, mit dem Jankowski durch die Welt zieht, zeigen den Blick, der ein Gegenüber sucht.
Spezialeinsatzkräfte verweigern eben diesen Blick. Verlieren sie sich dabei aber nicht selbst? In „Defense Mechanism“ („Verteidigungsmechanismus“) von 2021 lässt Christian Jankowski eine Spezialeinheit einen Raum stürmen. In das Sichern des Ortes hinein betritt ein Mann den Raum, nimmt Platz und beginnt ein Gespräch. Die Soldaten sichern die Praxis eines Psychotherapeuten. Ein Jankowski-(Rollen)Spiel, das vielleicht weniger Beifall findet als sein international gefeiertes Bravourstück „Casting Jesus“ (2011). Die Winkelzüge in „Defense Mechanism“ führen jedoch unmittelbar in das die Schau räumlich dominierende Szenario „Die Legende des Künstlers und andere Baustellen“ (2016). Hier folgt Jankowski realen wie fingierten Spuren des Künstlers Martin Kippenberger (1953-1997) bis hin zur posthumen Verklärung als Idealkünstler – als Genie, der zugleich geniehaft alle eigenen Handlungen entlarvt.
Publikum? Beteiligte!
Wenn sich das Publikum im Obergeschoss im überdimensionalen Inneren der Buchhandlung Walther König in Köln wiederfindet und im besten Fall „Traveling Artist“ aus dem Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König nach Hause trägt, werden die Besucherinnen und Besucher zu Beteiligten – wie nahezu jede und jeder, die und der Christian Jankowski begegnet. Selbst die anonyme Botschaft schützt nicht: In der Serie „Visitors“ macht Jankowski Ausstellungskommentare zu Neonskulpturen – die sich nun als konkrete Widerrede zur Kunsthallenreise durch Jankowskis Welt lesen lassen. Erneute Gegenrede wäre folgerichtig – und ganz in Christian Jankowskis Sinn.
Zeiten und Preise
Wann?
Die Ausstellung „Christian Jankowski – I was told to go with the Flow“ ist bis zum 30. Oktober in der Kunsthalle Tübingen zu sehen. Montag bis Mittwoch 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 19 Uhr, Freitag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr.
Wie viel?
Der Eintritt kostet 10 Euro (ermäßigt 8 Euro). Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben durchgehend freien Eintritt, Studierende immer donnerstags. Das Katalogbuch kostet 45 Euro. Das umfangreiche Begleitprogramm ist einsehbar unter www.kunsthalle-tuebingen.de.