Im Getöse des Weihnachtstrubels droht die Botschaft des Fests verloren zu gehen. Diese Heilsbotschaft kann eine Zumutung sein. Doch es lohnt sich, sie auszuhalten.
Weihnachten ist eine Zumutung. Diese Zumutung besteht nicht aus dem Weihnachtsstress, Kauf- und Geschenkerausch oder zahllosen säkularen Ritualen. Sie besteht auch nicht aus den schon Wochen vor dem Weihnachtstag herumlungernden Weihnachtsmännern – so sehr uns jene, verbunden mit der Berieselung durch „Stille Nacht, Heilige Nacht“, auf den Geist gehen mögen.
Die Zumutung besteht vielmehr darin, dass die eigentliche Botschaft von Weihnachten auch in der christlichen Verkündigung nur noch bedingt vorkommen darf. Vielleicht, weil sie die sprichwörtliche „Friede-Freude-Eierkuchen“-Stimmung allzu sehr stören würde. In der Predigt am Heiligen Abend wird einem die äußerst anspruchsvolle Botschaft des christlichen Weihnachtsfestes kaum einmal zugemutet, wohl aus falscher Angst, die letzten Kirchgänger könnten auch noch wegbleiben.
Dabei sind die von der Liturgie vorgegebenen Texte aus der Heiligen Schrift, insbesondere der Prolog des Johannes-Evangeliums, der am 1. Weihnachtsfeiertag in allen katholischen Kirchen gelesen wird, im Grunde sehr klar. Gottes ewiges Wort (griechisch: Logos), das von Anfang an bei Gott war – ja Gott selbst war –, ist Fleisch geworden, ein Mensch wie wir, und hat uns verlässliche Kunde von Gott gebracht, um uns zu erlösen. Um uns Menschen zu sagen, wie das hinhaut mit dem gelingenden Leben hier und dem ewigen Leben bei ihm, ist Gott Mensch geworden.
Statt dieser Botschaft wird alles Mögliche und Unmögliche gepredigt: von der Rolle der Kirchen als Friedensstifter in Palästina, der Ukraine und anderswo, von den Kirchen als geborenen Anwälten des Umweltschutzes, von ihrer Funktion als einzigartige Integrationsagenturen unter Bezug auf das „Migrantenkind“ Jesus im Stall von Bethlehem, oder ganz allgemein von den vielfältigen sozialen Kompetenzen der Kirchen.
Zugegeben: Das sind alles wichtige Themen. Aber man reibt sich verwundert die Augen darüber, dass die Kernkompetenzen der Kirchen in diesen nicht den Glauben unmittelbar betreffenden Feldern liegen sollen und fragt sich, ob es nicht zahlreiche andere Player gibt, die hier kompetenter und mitunter auch erfolgreicher sind als die christlichen Kirchen. Und wenn Christenmenschen sich auf diesen Feldern einbringen sollen, stellt sich die Frage: Warum machen sie das? Welches Verständnis von Glauben lässt sie so etwas tun?
Der Eindruck drängt sich auf, dass die christlichen Kirchen über alles reden, nur nicht über ihren eigentlichen Markenkern, wo sie wirklich etwas zu sagen hätten: nämlich die erlösende Botschaft der „Inkarnation“, der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, die den Hörenden viel zumutet. Oder anders formuliert: Theologen und Kirchenleute tun gerade an Weihnachten alles, um den Menschen die Zumutungen des christlichen Glaubens zu ersparen, sie reden lieber vom Diesseits, um ja nicht vom Jenseits reden zu müssen.
Kein geringerer als der Philosoph Jürgen Habermas hat diese Vermeidungsstrategie in zentralen Glaubensfragen jüngst als geradezu paradox angeprangert. Die entscheidenden Glaubensinhalte würden preisgegeben und durch eine rein innerweltlich begründete Lebenszuversicht ersetzt. Christliche Religion basiert aber für Habermas auf „Jenseitshoffnungen“ und diese Welt übersteigende Erlösungsvorstellungen. Bei der an Weihnachten vermittelten Glaubenseinstellung, die auf „die Glückseligkeit einer alles innerweltliche transzendierenden Erfüllung“ verzichte, handelt es sich nach Habermas nicht um christlichen Glauben, sondern um ein säkulares Surrogat, das sich fälschlicherweise das Etikett „christlich“ aufklebt. Denn „christliche Hoffnung richtet sich unter anderem auf die Auferstehung der Toten und eine Erlösung von allen Übeln dieser Welt und ist ihrerseits abhängig vom Glauben an die Verheißung Gottes“.
Wenn man diese Kritik ernst nimmt, dann geht es an Weihnachten ums Ganze des Christentums mit all seinen Zumutungen: Es geht um Glauben, um die Gottesfrage, um die Offenbarung und Erlösung in Jesus Christus, die richtig verstanden wirklich Mut machen können.
Vor allem der Glaube als unverzichtbare Voraussetzung der christlichen Religion hat ein äußerst schlechtes Image. „Ich glaube, dass es morgen regnet, weiß es aber nicht genau“ – in diesem Satz kommt exemplarisch ein weit verbreitetes Verständnis zum Ausdruck: Glauben als Gegenbegriff zum Wissen, als Umschreibung von Unsicherheit und bloße Vermutung oder Ahnung im Gegensatz zu harten Fakten und Beweisen, auf die sich moderne Menschen verlassen. Nur: Genau das meint Glauben im christlichen Sinn nicht. „Credo“, also „ich glaube“, heißt gerade nicht „Nichts-Genaues-weiß-man-nicht“, sondern bedeutet schlicht „Ich vertraue“, „Ich glaube an Dich“, im Sinne von „Ich vertraue Dir“. Dieses Verständnis steckt auch heute noch in dem aus Bankgeschäften bekannten „Kredit“, was nichts anderes heißt als „man vertraut mir, dass ich das geliehene Geld zurückbezahle“.
„Ich glaube“ im biblischen Sinn und in der christlichen Tradition heißt dann: Mein Leben ist von einem Grundvertrauen getragen, ich glaube an mich selbst und traue mir etwas zu, ich vertraue generell meinen Mitmenschen und gehe nicht mit einem prinzipiellen Misstrauen auf sie zu. Bei aller gesunden Skepsis habe ich eine vertrauensvolle Einstellung zur Wirklichkeit insgesamt; vor allem aber vertraue ich Gott als dem tragenden Grund der Welt, ich kann an mich glauben, weil ich an ihn glaube und er an mich. Glauben ist in der Tat die erste und grundlegende christliche Zumutung.
Und die zweite, spezifisch weihnachtliche Zumutung folgt sogleich: „Niemand hat Gott je gesehen“. So heißt es treffend im Prolog des Johannes-Evangeliums. Wie soll man aber jemandem vertrauen, den man nicht kennt? Der christliche Glaube gibt auf diese Frage auch eine eindeutige Antwort: Der Sohn Gottes, sein ewiges Wort, „ist Fleisch geworden“ in dem Menschen Jesus von Nazareth, dem Kind in der Krippe von Betlehem, und „wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ (Joh 1,14).
Aber stellt diese Antwort nicht noch eine größere Zumutung dar? Wie soll der ewige und einzige Gott, der Allmächtige, der absolut transzendent gedacht werden muss, in sich selbst von Anfang an eine zweite Person haben, den göttlichen Logos, „der Gott war“ (Joh 1,1)? Ist damit nicht der Glaube an den „einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde“, wie es im Glaubensbekenntnis heißt, ad absurdum geführt?
Genau diese Frage hat Theologen und Gläubige bereits vor 1700 Jahren umgetrieben. Deshalb ließ Kaiser Konstantin im Jahr 325 das erste allgemeine Konzil der Christenheit nach Nizäa einberufen, dessen Jubiläum in diesem Jahr gefeiert wird. Arius aus Alexandria (260-327) erklärte: Wenn Gott der Einzige, Ewige ist, dann kann Jesus Christus kein Gott sein.
Dieser Ein-Gott-Glaube stellte das christliche Offenbarungsverständnis vor ein kaum lösbares Problem: Wenn in Jesus Christus nicht Gott selbst Fleisch angenommen hat, wenn sich nicht der ewige göttliche Logos in dem Menschen Jesus von Nazareth offenbart hat, dann können wir nicht sicher sein, dass Jesus wirklich authentisch das verkündigt, was Gott von uns will. Es wären dann rein menschliche Aussagen, wenn man es positiv wenden will: Worte eines bedeutenden Propheten; negativ gewendet: Erfindungen des Wanderpredigers aus Nazareth in Galiläa.
Wie konnte man aus diesem Dilemma herauskommen? Am Ein-Gott-Glauben strikt festhalten und doch in dem einen Gott zwei (Vater und Sohn) und später sogar drei Personen (den Heiligen Geist) annehmen? Eins = Drei? Mathematisch Unsinn. Deshalb wurde auf dem Konzil in Nizäa heftig gestritten: Wie redet man über Gott, der alles Weltliche, also auch die Sprache, übersteigt? Am Ende feilschten die Konzilsväter sogar um ein Jota, den kleinsten Buchstaben des griechischen Alphabets: Sollte der Sohn Gottes nur homoiousios (wesensähnlich) mit Gott, dem Vater, oder doch homoousios (wesensgleich) mit ihm sein? Im ersten Fall wäre er geringer als Gott, im zweiten Gott selbst.
Am Ende steht ein Glaubensbekenntnis
Die Formel des Glaubensbekenntnisses, das in Nizäa schließlich verabschiedet wurde, lautet: Wir glauben „an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist, das heißt aus dem Wesen des Vaters, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott von wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen im Himmel und auf Erden, der für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen ist“. Und weiter: Er ist Mensch geworden, hat Fleisch angenommen, „hat gelitten und ist am dritten Tage auferstanden, aufgestiegen in den Himmel und kommt zu richten, Lebende und Tote“.
So wurde im Jahr 325 der Kern der Weihnachtsbotschaft in ein Glaubensbekenntnis gegossen: Eine Zumutung damals wie heute: Wer soll diese verschachtelten Formulierungen verstehen? Das war nach dem Konzil von Nizäa auch nicht anders. Was vor 1700 Jahren den Streit um Jesus Christus beenden sollte, hat ihn erst richtig entfacht. Es dauerte Jahrhunderte, bis dieser Abschnitt des Credos in allen christlichen Kirchen gebetet werden konnte, weil ein tragfähiges Verständnis gefunden wurde.
Um das freilich immer wieder neu gerungen werden muss. Denn was einem im Glaubensbekenntnis zugemutet wird, kann durchaus auf Skepsis stoßen. Christliche Theologen und Prediger suchten nach Antworten. Schließlich geht es um die Überzeugung, dass Christen Jesus vertrauen können und deshalb überzeugt sind, in ihm Gott zu begegnen. Gerade deshalb dürfen wir nicht aus falscher Harmoniesucht den Menschen die Wahrheit des Glaubens vorenthalten, indem an Weihnachten über alles geredet wird, nur nicht über den Kern des Glaubens.
Die Weihnachtsbotschaft kann Mut machen
Am Ende geht es um „Sein oder nicht Sein“. Es geht um unser Heil, es geht um – die Formulierung von Habermas aufgreifend – „Glückseligkeit“, um ewiges unverlierbares Leben. Der Markenkern der christlichen Botschaft war nie billige Jenseitsvertröstung, aber die Eröffnung einer ewigen Perspektive, dass diese Welt nicht alles ist, dass es jenseits davon eine endgültige Glückseligkeit gibt, die alle Ungerechtigkeiten aufhebt. Auch diese Wahrheit muss sich ein christlicher Weihnachtsglauben zumuten.
Die mutmachende christliche Zukunftshoffnung umschreibt der Apostel Paulus mit drastischen Worten im ersten Brief an die Korinther: „Wenn Tote nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“. Die Botschaft, dass sich Gott zumutet, Mensch zu werden, kann Mut machen trotz aller Zumutungen zu glauben und zu vertrauen. Am Ende vielleicht mehr als so manche innerweltliche Zuversicht ohne transzendentale Perspektive, die einem auch von Theologen und Kirchenleuten zu Weihnachten mitunter als schale Kost geboten wird, vor lauter Sorge, den Menschen den christlichen Markenkern zuzumuten.
Wer den Mut zum Glauben aufbringt, kann die fette Weihnachtsgans und den Rotwein genießen, denn morgen ist er zum ewigen Hochzeitsmahl im Himmel von dem Gott geladen, der an Weihnachten Mensch geworden ist.