Zeig mir, wie du schmückst und ich sage dir, wie du tickst: Christbaumschmuck erzählt von technischem Fortschritt, Modetrends und Notzeiten
Was hängt denn da am Weihnachtsbaum? Ein Zeppelin? Ein U-Boot? Und die Baumspitze hat doch eine verblüffende Ähnlichkeit mit einer Pickelhaube aus der Kaiserzeit...
Es ist der Baum eines Sammlers, der sich auf historischen Weihnachtsbaumschmuck von Anfang des 20. Jahrhunderts spezialisiert hat. Hunderte von Stücken hat er zusammengetragen, viel Zeit in Auktionshäusern, auf Flohmärkten und in Internetbörsen verbracht und einiges an Geld ausgegeben. Von all seinen Sammlerstücken kennt er die Geschichte. Etwa von dem bescheidenen Miniatur-Weihnachtsbaum, den er mit zwei Handgriffen in ein postalisches Standardmaß zerlegt. Das kaum 40 Zentimeter hohe Kunststoff-Bäumchen ist mehr als hundert Jahre alt und tröstete im Ersten Weltkrieg Soldaten, die an Heiligabend im Schützengraben saßen. „Zusammengefaltet konnte man den Baum mit der Feldpost verschicken. Vor Ort dekorierten ihn die Männer mit beiliegendem Miniatur-Schmuck und Selbstgebasteltem aus Stanniolpapier und Patronenhülsen“, erzählt der Sammler.
Als Heimat des gläsernen Weihnachtsbaumschmucks gilt Thüringen
Nicht nur patriotische Symbole wie Kaiser-Wilhelm-Glanzbildchen, Flaggen, Flugzeuge und sogar Waffen hingen zu Zeiten der beiden Weltkriege zwischen den Zweigen der Weihnachtsbäume. Der Baumschmuck dieser Zeit spiegelt auch nicht-kriegerische Entwicklungen wider. So zum Beispiel ein silberner Zeppelin, aus feinstem Glas geblasen und verziert mit filigranen Spiraldrähten. Um 1930, als er entstand, wurde gerade der transatlantische Linienverkehr mit Luftschiffen eingerichtet.
Als Heimat des gläsernen Weihnachtsbaumschmucks gilt Thüringen und da besonders die Glasbläserstadt Lauscha. Hier feiert die Farbglashütte mitten im Ort die bald 200 Jahre alte Handwerkskunst das ganze Jahr mit einer Verkaufsausstellung und einem Museum für Glaskunst. Ein Kugelmarkt zur Weihnachtszeit und eine Glasprinzessin, die jährlich als Repräsentantin der Glasstadt bestimmt wird, ergänzen das Programm. Sogar die Unesco adelte 2021 die Herstellung von mundgeblasenem gläsernen Lauschaer Christbaumschmuck mit seinen typischen von innen versilberten Glaskugeln als immaterielles Kulturerbe.
Aus dem tschechischen Gablonz stammen historische Baum-Schmuckstücke wie Tiere, Pflanzen und Figürchen aus feinstem Glasperlengewebe, funkelnd und glitzernd. Dazu wurden hohlgeblasene Glasperlen auf einen Draht aufgezogen und daraus Alltagsgegenstände und Fantasieformen kreiert. Den Schmetterlingen, Krebsen, Libellen und Spinnen der Anfangszeit folgten mit dem technischen Fortschritt Fahr- und Motorräder, Autos und sogar Flugzeuge.
Die Kinderstube des Christbaumschmucks siedeln Experten in der Biedermeierzeit Anfang des 19. Jahrhunderts an. Unter den immergrünen Hölzern, die seit jeher zum Mittwinter-Brauchtum gehörten, hatte sich inzwischen der Tannenbaum Platz 1 erkämpft. Den behängte man anfangs vor allem mit roten Äpfeln, die an den biblischen Baum der Erkenntnis und die Kalenderheiligen des 24. Dezember, Adam und Eva, erinnerten. Dazu gesellten sich Oblaten, Nüsse, Gebäck und Süßigkeiten. Der essbare Baumschmuck war jedoch nicht nur Dekoration, sondern vor allem ein willkommenes süßes Geschenk.
Für Vielfalt sorgten die ersten Zuckerfabriken, die Süßwaren erschwinglich machten. Auf Basis der Zuckerbäcker-Materialien entstand auch der erste gegenständliche Baumschmuck, die Tragantfiguren. Durch Zugabe von Harz wurde aus Teig eine Modelliermasse, die sich präzise zu Figuren, Tieren oder Instrumenten formen ließen. Tragant kam über Venedig zu den deutschen Zuckerbäckern, die daraus meisterhafte Christbaumdekoration schufen. Die Stücke wurden nach dem Trocknen kunstvoll bemalt und lackiert, wodurch sie wie Porzellan wirkten.
Für die Armen-Deko von einst blättern Sammler heute hohe Summen hin
Fast zeitgleich fertigten die Glashütten im Thüringer Wald die ersten gläsernen Christbaumkugeln, aus Böhmen kam der Glasperlenschmuck und fränkische Metallschläger lieferten mit ihren feinen leonischen Drähten das erste Lametta. Die Dresdner Pappe, aus der Baumschmuck geprägt und gepresst wurde, eröffnete auch weniger Betuchten die Möglichkeit, ihrem Baum zu schmücken. Für die Armen-Deko von einst blättern Sammler heute hohe Summen hin.
Zum Papier gesellten sich Watte, Holz und Metall, die Vielfalt an Formen und Farben wuchs – man zeigte, was man hatte. Mit dem Jugendstil kam die erste Wende. Weniger ist mehr, hieß nun die Devise. Durch die Wohnstuben schwappte die weiße Welle. Silberner Glasschmuck, weiße Kerzen und Silberlametta dominierten die Christbäume, bis dann die Kriege ihren Tribut forderten.
In der Not der Nachkriegsjahre stand essbarer Baumschmuck wieder hoch im Kurs. Die Glasbläser im Thüringer Wald verschwanden hinter dem eisernen Vorhang, jedoch nicht in der Bedeutungslosigkeit: Lauscha produzierte für den US-Markt Glaskugeln mit Charlie Chaplin und niedliche Dinosaurier aus Glas. Für die Sowjetbrüder gestaltete man Väterchen Frost und Matrjoschkapüppchen.
Die Wirtschaftswunder-Zeit brachte kräftigere Farben und höhere Stückzahlen durch maschinelle Fertigung der alten Schmuckformen. Packte man in den 1950er Jahren alles an den Baum, was man hatte, dominierten Mitte der Sechziger rote Kerzen und bunte Glaskugeln. In den Achtzigern glänzte der einfarbige Designerbaum in aktueller Modefarbe.
Den Baum schmückt, was gefällt
Zurück zur Natur kehrten die Baumschmücker erst wieder in den 1990ern. Seit der Jahrtausendwende dominiert Individualismus: den Baum schmückt, was gefällt. Ob das Harry-Potter-Figuren sind oder die Logos von Fußballvereinen, ob antiker Schmuck oder Plüschiges aus dem Souvenirshop des jüngsten Reiseziels, ob Veganes oder Selbstgetöpfertes. Nur politische Statements sind etwas aus der Mode geraten – sieht man mal ab vom „lustigen Donald Trump Weihnachtsschmuck“ mit dem laut Internethändler „der Weihnachtsbaum wieder großartig wird“.